In seinem „Buch der Etikette“, 1956 in der Erstauflage erschienen, nannte Karlheinz Graudenz das Kino – das damals noch Lichtspielhaus hieß –, eine „Stätte der Unterhaltung“. Im Gegensatz zu Oper oder Theater, die Graudenz als „Stätten der Kunst“ bezeichnete, war das Kino für ihn der Hort der Rücksichtslosigkeit: „Lichtspielhäuser werden gewissermaßen im Vorbeigehen besucht und gestatten auch sportliche Straßenkleidung. Aber darum geht es nicht. Es geht vielmehr um die Tatsache, daß ein großer Teil der Kinobesucher, insbesondere der jüngeren, glaubt, mit der Eintrittskarte auch das Recht zur Missachtung jeder Höflichkeit und Rücksichtnahme erworben zu haben.“

Frühjahrsputz im Lichtspielhaus

Mal schauen, was von von Karlheinz Graudenz‘ Anstandsregeln und seiner Mitstreiterin Erica Pappritz heute noch – nach kleiner sprachlicher Modernisierung – übrig bleibt. Zu diesem Zweck habe ich die Verhaltensanweisungen der der beiden ein wenig entstauben, um ihnen zu neuem Glanz zu verhelfen. Hier das Ergebnis meines Frühjahrsputzes Im Lichtspielhaus:

1. Nicht mit dem Popo vorbei schlängeln

„…,Zuspätkommende sich bei den bereits Sitzenden entschuldigen und sich mit der Vorder-, nicht mit der Rückfront an ihnen vorbeischlängeln“. – Auch wenn die Bewegungsfreiheit in vielen „Lichtspielhäusern“ mittlerweile stark erweitert wurde, ein wenig Platz schaffen müssen die bereits Sitzenden nach wie vor, so dass auch heute noch eine kurze Entschuldigung durchaus angebracht ist. Die Vorderfront böte sich dann ohnehin an, möchte man eine Nackensteife aufgrund des dauernden Drehen des Kopfes vermeiden.

2. Kurzes Gedenken der  Platzanweiserin

„…seitlich Sitzende auf mehrfache Bitten der Platzanweiserinnen zur Mitte aufrücken und so die Füllung der Reihen vereinfachen“. – Diese Anstandsregel hat sich ihren Ehrenplatz in den Vitrinen der „Museen für Anstand und Etikette“ redlich verdient. Der Beruf der Platzanweiserin ist nicht mehr Bestandteil der verfügbaren Stellenangebote, da ihre helfenden Hände mittlerweile durch fest nummerierte Sitzplätze ersetzt wurden und die Füllung der Reihen inzwischen am PC von der Kasse aus gesteuert werden kann. Sollte es dennoch zu Missverständnissen bei der Platzbelegung kommen, müssen Sie die Aufgaben der ehemaligen Anweiserin wohl notgedrungen selbst übernehmen.

3. Knutsche in der letzten Reihe

… „Liebespaare auf ein zärtliches Tête-à-tête verzichten und damit den hinter ihnen Sitzenden einen ungestörten Blick auf die Leinwand ermöglichen (die Kinositze stehen nämlich ‚auf Lücke’)“. – Dieser Hinweis scheint sich im Laufe der letzten Jahre weitestgehend durchgesetzt zu haben. Nicht etwa, dass die Anzahl der Liebespaare abgenommen hätte. Diese lassen sich aber vornehmlich in den letzten Reihen des Kinosaals nieder, wo sich mittlerweile das ungeschriebene Gesetz manifestiert hat: „Knutschen erlaubt, sitzt ja keiner hinter uns!“

4. Lärme nicht

… „männliche und vor allem weibliche Besucher ihre Konfekt-, Schokolade-, Bonbon- und Kaugummipackungen vor Beginn des Hauptfilmes öffnen, anstatt während der ganzen Vorstellung mindestens die umsitzenden 50 Besucher durch ununterbrochenes Geknister zu stören“. – Die Kinoregel schlechthin! Die Erweiterung der Speisekarte um Eis, Popcorn sowie Cheese-Nachos hat die Geräuschs- und Geruchsskalen sogar erweitert. Dass es sich bei den Störenfrieden vor allem um weibliche Besucher handelte, lässt sich aus heutiger Sicht nicht empirisch bestätigen. Die Störung von 50 Umsitzenden entspricht ebenfalls nicht mehr den Realitäten des 21. Jahrhunderts, da die Schallwellen des mächtigen Dolby-Surround-Sounds die Geräuschentfaltung von Geknister und Geschlecke erheblich einschränkt.

5. Kommentiere nicht

… „die Besucher beiderlei Geschlechts darauf verzichten, ihrer Umgebung das Verständnis des Films durch geistreiche Kommentare wie ‚Jetzt küsst er sie!’, ‚Du, guck mal, wie der schießt!’ oder ‚Mensch, Errol, pass auf, hinter dir!’ zu erleichtern“. – Eine Regel, die ebenso einsichtig wie zeitlos ist und auf die man nicht oft genug hinweisen kann. Sieht man einmal davon ab, dass weit und breit kein Superstar mit dem Vornamen Errol mehr in Sicht ist, der sich als „Herr der sieben Meere“ vor Piraten oder als „König der Vagabunden“ vor dem Sheriff von Nottingham in Sicherheit bringen müsste.

6. Gucke den Film

… „die Besucher schweigen (eine nicht geringe Anzahl von Leuten ist nämlich – erstaunlicherweise! – in die Vorstellung gegangen, um dem Geschehen auf der Leinwand zu folgen, und nicht, um sich eine halbe Stunde lang die Beschreibung des Krachs anzuhören, den der Nebenmann im Büro hatte und unbedingt während der Vorstellung seiner Begleiterin erzählen muss)“. – Was gäbe es da noch hinzuzufügen? Eines vielleicht: Durch die Ablösung des Vorfilms durch Werbung, besteht mittlerweile die stillschweigende Vereinbarung unter den Besuchern, sich während der Ausstrahlung von „Verbraucherinformationen“ dem gegenseitigen Austausch von Alltagsfreuden und -sorgen zu widmen.

7. Vergnüge Dich

… „alle Anwesenden berücksichtigen, dass sich die Mehrzahl der Besucher den Genuss eines bescheidenen und verhältnismäßig billigen, vielleicht sogar des einzigen Vergnügens leisten, nicht aber sich über die Rücksichtslosigkeit anderer ärgern möchte“. – Ob wir das Kino tatsächlich als bescheidene Kunstform betrachten wollen, möchte ich bezweifeln – dass es jedoch im Gegensatz zu den „Stätten der Kunst“ noch immer als verhältnismäßig preiswert gelten darf, ist unbestritten. Sieht man einmal von besagtem Nebensatz ab, dann kann diese „Graudenzsche Regel“ als geeignete Überleitung für die „Stätten der Kunst“ gelten.

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