It’s all about detail, so lautet eines der Mottos der Jugendkultur der Mods. Doch vor dem Detail kommen die Basics. Und da kann man eine Menge richtig machen. Was, das verrate ich Ihnen gerne. In meinem kleinen Kleidungs-Knigge.

„Mein junger Freund“, sagte der entlassene Häftling Vautrin in spöttischem Ton zu dem ehrgeizigen Eugène de Rastignac, „wenn Sie in Paris eine gesellschaftliche Rolle spielen wollen, dann brauchen Sie am Morgen drei Pferde und ein Tilbury, am Abend ein Coupé, das macht im ganzen 9000 Francs für Pferde und Wagen. Sie wären Ihres Schicksals nicht würdig, wenn Sie nicht 3000 Francs beim Schneider, 600 Francs beim Barbier, 100 Taler beim Schuster und die gleiche Summe beim Hutmacher ausgeben würden. Und für Ihre Wäscherin müssen Sie auch 1000 Francs rechnen.“

Kleidung macht noch immer Leute

Die Zeiten haben sich seit Honoré de Balzacs Sittengemälde „Le père Goriot“ geändert – die Notwendigkeit, sich um eine angemessene Garderobe zu bemühen, nicht. Zumindest für diejenigen, die sich darüber bewusst sind, dass unser Äußeres in den Augen unserer Mitmenschen einiges über unser Inneres verrät. Denn noch immer gilt: Der erste Eindruck zählt! Noch immer machen Kleider Leute, ob uns das gefällt oder nicht, ob wir das für spießig und gnadenlos oberflächlich halten.

Doch so sehr unser weltliches Schicksal auch durch den kritischen Blick unserer Mitmenschen auf unser Äußeres bestimmt sein mag, so liegt doch an uns zu entscheiden, welchen Eindruck wir bei ihnen hinterlassen wollen. Letztlich sind wir unseres eigenen Glückes Schneider. Wir halten die Fäden in der Hand, aus denen unsere Garderobe genäht ist. Unser Freiheit ist grenzenlos: Niemand kann uns davon abhalten, in Jeans bei einer Hochzeit aufzutauchen, keine Geschmackspolizei steht Gewehr bei Fuß, um uns unserer weißen Socken zu berauben. Und doch, so möchte ich behaupten, bleibt den kompromisslosen Individualisten die eine oder andere Tür verschlossen, die sich im Handumdrehen öffnen ließen, wenn wir unsere „Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit“ begriffen, wie es der Georg Wilhelm Friedrich Hegel einmal formulierte (allerdings in einem etwas umfassenderen Zusammenhang …).

Wer also tatsächlich darauf bedacht ist, als der Schneider seines eigenen Glückes durchs Leben zu gehen, der achtet zumindest auf die modischen Kontexte, in denen er sich bewegt. Denn unabhängig davon, ob sich über Geschmack nun streiten lässt oder nicht – noch immer gilt das bereits bekannte Diktum Adolph Freiherr Knigges: „Man ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewusst ist, in einer unangenehmen Ausstaffierung aufzutreten.“ Egal, wie wir uns letztlich entscheiden, egal, ob wir bestrebt sind, uns anzupassen oder unseren eigenen Weg zu gehen – das Bewusstsein für die jeweils herrschenden Konventionen hat noch keinem geschadet, wenn es darum ging, die Chancen und Risiken, die sich aus der eigenen Ausstaffierung ergeben, vernünftig abzuwägen! Denn tatsächlich ist doch nichts unangenehmer, als im Nachhinein erkennen zu müssen, dass die Investition des einen oder anderen Talers bei unserem Schuster, Schneider oder Hutmacher eine lohnende gewesen wäre!

Machen wir uns nichts vor: Die Codierungen, die wir in unserer Gesellschaft hinsichtlich der „richtigen“ Kleidung finden können, sind mittlerweile so vielfältig und komplex, dass wir kaum noch von der Gesellschaft sprechen können. Zu ausdifferenziert sind die kulturellen Eigenheiten der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppen, als dass man einen einheitlichen Regelleitfaden aufstellen könnte. Daher werde ich diesen hoffnungslosen Versuch auch gar nicht erst unternehmen. Wer sich in den Szenekneipen in Berlin Mitte umtreibt, der wird wissen, welche Kleidung eine vollwertige Mitgliedschaft symbolisiert, wer an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert, der ist sich bewusst, dass Bundfaltenhosen nicht dem aktuellen künstlerischen Zeitgeist entsprechen (oder gerade?), wer bei der örtlichen Bank seine Ausbildung macht, der ist sich klar darüber, dass dunkle Anzüge und schlichte Kostüme erwünscht sind. Und wer würde beim Kundenbesuch auf seine Krawattennadel verzichten wollen, wo doch der Großteil der Einkäufer und Kollegen auch eine trägt?

Sie sehen, diese Aufzählung ließe sich wohl noch über einige Seiten weiter treiben. Ich verzichte jedoch darauf. Erstens lässt die angestrebte Länge dieses Kapitels eine ausführlichere Betrachtung nicht zu, und zweitens reichen meine Kenntnisse der jeweiligen Kleidungscodierungen für eine tiefer gehende Analyse schlichtweg nicht aus. Ich beschränke mich daher auf traditionelle – wenn Sie so wollen konservativere – Kleidungskonventionen. Zeigt doch die Erfahrung, dass die meisten Unsicherheiten bestehen, wenn schriftliche Einladungen versendet werden, auf denen Adjektive wie smart, casual, ländlich, festlich, angemessen oder Substantive wie Abendgarderobe, Frack, Cut, Smoking oder Uniform auftauchen. Diese Unsicherheiten dürften sich leicht aus der Welt räumen lassen:

  • Zu Polterabenden, aber auch zu Geburtstagen wird traditionell gerne ein „ländlich-festliche“ oder eine „sommerlich-festliche“ Garderobe ausgerufen Kann man im ersten Fall davon ausgehen, dass auch auf dem Land gefeiert wird, beispielsweise in einer Scheune, verweist das Wörtchen sommerlich im zweiten Fall eher auf ein städtisches Lokalität. Für beide Feste gelten jedoch dieselben Erwartungen in punkto angemessener Erscheinung. Festlich zeigt den Herren an, dass Krawatte, Fliege oder Halstuch den Hals schmücken sollten. Den Damen, dass die Rocklänge nicht allzu kurz, das Dekolletee nicht allzu tief und das Kleid nicht schwarz sein sollte. Männer in hellen Baumwollanzügen, Moleskin- oder Cordhosen, Sakko oder Janker haben sich selten unangenehm ausstaffiert gefühlt. Graue Hose und blaues Jackett sowie knielange farbige Sommerkleider gehen ohnehin immer.
  • Für die angemessene Kleidung bei einer kirchlichen Trauung gilt für Männer die einfache Faustregel: Entweder Sie orientieren sich an der gängigen Tradition – Cut für den Herrn –, oder Sie orientieren sich am Bräutigam: Trägt dieser einen Cut, können Sie dies auch tun, trägt dieser einen Anzug, tragen Sie auch einen.
  • Ob Cut oder Smoking, dass entscheidet im Übrigen nicht allein der Anlass, sondern auch die Tageszeit. Ab 17.00 Uhr – so heißt es – hat der Cut seine Schuldigkeit getan und wird vom Smoking, dunklen Anzug, Frack oder von der Uniform abgelöst.
  • Für die angemessene Kleidung bei einer kirchlichen Trauung gilt für Frauen: kein Weiß, kein Schwarz! Alles andere obliegt der Geschmackssicherheit des weiblichen Geschlechts. Und auf diese ist in der Regel ohnehin Verlass.
  • Die Fliege zum Smoking? Immer gern. Welche Farbe? Schwarz, aber auch bunt ist möglich. Weiß bleibt jedoch dem Servicepersonal vorbehalten! Es sei denn, Sie wollen diesem Ihre tatkräftige Hilfe anbieten …

Nichts hat in letzten Jahren soviel Verwirrung gestiftet wie das kleine Wörtchen „casual“. Menschen, die sich jahrelang keine Gedanken über ihre Garderobe machen mussten, da der Anzug in konservativeren beruflichen oder privaten Umfeldern gesetzt war, mussten plötzlich überlegen, was sie anziehen sollen. Wie anstrengend! Der Vorsatz „smart“ versucht nun, die um sich greifende textile Orientierungslosigkeit insbesondere auf männlichem Terrain zu beenden.

  • Merken muss man sich allerdings nur eines: Verzichten Sie auf Jeans und Turnschuhe!

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen. Eine Sache, kann ich Ihnen gar nicht oft genug anraten:

  • Sollten Sie trotzdem unsicher sein, rufen Sie einfach Ihre Gastgeber oder andere Gäste an, und erkundigen Sie sich, wie schön Sie sich machen dürfen!
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