Klugheit ist jene Tugend, die uns hilft, die richtigen Mittel zu wählen und alle wichtigen Umstände für das sittlich Gute in einer konkreten Situation zu erfassen, um unserem Handeln eine maßvolle Richtung zu geben. Nach Angemessenheit zu suchen, nach dem richtigen Maß, schützt die Klugheit und damit auch die Klugen, sich vorschnell auf das Richtige festzulegen. Es macht sie relativ unempfindlich gegenüber Ideologien. Klugheit strebt nicht nach dem Korrekten, sondern sucht den Ausgleich und die Balance. Selber nachdenken schadet nicht. Im Gegenteil, es beweist die eigene Mündigkeit, Kluges von Unklugem zu trennen und im konkreten Einzelfall selbst zu entscheiden, was man für verantwortbar hält. Das ist gelebte Verantwortung.

Wissen, worauf es ankommt

Der britische Journalist Leo Hickman hat ein ganzes Jahr lang versucht, Verantwortung zu übernehmen. Ganz konkret. Seine Erfahrungen hat er in einem Tagebuch festgehalten, das veröffentlicht wurde und mittlerweile in deutscher Sprache unter dem Titel „Fast nackt“ vorliegt. Der Untertitel lautet: „Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben“. Um nicht ganz allein vor dem Berg an Herausforderungen zu stehen, die ein ethisch einwandfreies Leben so mit sich bringt, ließ sich der britische Familienvater von drei Experten beraten, die ihm helfen sollten, auch wirklich das Richtige zu tun. Doch das Richtige, so stellte sich schnell heraus, war gar nicht so einfach herauszufinden. Erstaunt stellte Hickman fest, dass die Hauptbeschäftigung der drei Verantwortungsapostel darin bestand, sich dauernd und heftig über den richtigen Weg zur verantwortbaren Erlösung zu streiten. Speaker’s Corner in den heimischen vier Wänden, und nicht unter freiem Himmel. Gut so, im Prinzip. Doch die eine oder andere Meinung der ethischen Berater konnte durchaus mit den skurrilsten Beiträgen im Hyde Park mithalten: So riet ihm Hannah Berry, Redakteurin beim englischen Verbrauchermagazin Ethical Consumer, lieber ein Kind aus China zu adoptieren, als mit seiner Frau noch ein zweites zu zeugen.

Nun ist gegen Adoption natürlich überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil, Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, als es ihnen in der eigenen Heimat vergönnt wäre, ist ja ein durchaus ehrbarer und verantwortungsbewusster Anspruch. Doch die Argumentation von Frau Berry folgt einer ganz anderen Logik: Jedes zusätzlich gezeugte Kind ist ein weiterer Konsument, der irgendwann ein Auto und eine Waschmaschine will. Falls Michael Braungart noch ein Beispiel braucht, um seine These zu stützen, die Umweltbewegung verfolge das strikte Ziel, die Erde von uns zu befreien, sollte er in Zukunft Frau Berry zitieren. Der zu allen ethischen Schandtaten bereite Hickman folgte ihrem Vorschlag nicht: Er ist mittlerweile Vater einer zweiten leiblichen Tochter.

Streng ist er dennoch, der am eigenen verantwortungsvollen Selbst experimentierende Hickman. In Deutschland erfreuen sich Produkte aus biologischem und regionalem Anbau auch deswegen so großer Beliebtheit, weil die Verbraucher sie für „gesund“ halten. Für den praktizierenden Verantwortungsethiker Hickman klingt das selbstsüchtig: „Wenn der Verzicht auf Fertiggerichte gesund ist, dann wäre es nur ein Extrabonus.“ Verantwortung ist Verzicht. Basta. Man kann eben nicht alles haben! Doch auf die Frage nach dem, was richtig und was falsch ist, sollten wir noch einmal einen zweiten Blick werfen.

Praktische Klugheit. Leo Hickman ist nicht nur ein korrekter, sondern auch ein kluger Mann. Als er feststellte, dass sich die Begeisterung seiner Frau über den radikalen Lebenswandel in Grenzen hielt, wusste er, was zu tun war: Statt in die Rolle des Moralpredigers zu verfallen, nahm er lieber die Rolle des aufmerksamen Ehemanns ein und schenkte seiner Frau eine Handtasche von Prada.

Der gute Wille ohne praktische Klugheit ist genauso wenig wert wie die praktische Klugheit ohne guten Willen. Und wer die Welt eine wenig besser machen will, der sollte klug genug sein, die richtigen Mittel zu wählen, um für breite Zustimmung zu sorgen. Sei es bei seiner Frau, seinen Mitarbeitern, seinen Wählern, Unternehmen oder Nachbarn. Wer zu heftig mit der Moralkeule wedelt, der erzeugt ebenso heftigen Widerspruch. Also, die Moralkeule eingepackt und lieber der klugen Einsicht Leo Hickmans gefolgt, nach der im konkreten Fall eine schöne Handtasche von Prada dem guten Willen dienlicher sein kann als ein korrekter Jutebeutel.

Ob Jutebeutel oder Prada, die Verantwortung, welche Zwecke wir verfolgen, mit welchen Mitteln wir diese erreichen wollen und welche Folgen das für uns und andere hat, liegt ganz alleine bei uns. Es ist an der Zeit, sich die Muße zu nehmen, Zwecke, Mittel und Folgen unseres Handelns einer etwas genaueren Betrachtung zu unterziehen.

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