Weg von der Straße, hinein in die lukullischen vier Wände des Lieblingsitalieners, der neu eröffneten Tapas-Bar, der besten Pommesbude weit und breit oder des lokalen Chinesen. Unabhängig davon, ob Sie den Besitzer schon seit Jahren kennen und eine Reservierung nicht nötig ist („Luca schafft es immer, noch irgendwo einen kleinen Tisch rein zuschieben!“), und dass das Warten auf eine Platzzuweisung in Deutschland immer noch weitestgehend unüblich ist („Ich sehe doch selbst, welche Tische reserviert und welche frei sind!“), bleiben offene Fragen. Und auch, wenn es ja bekanntlich keine dummen Fragen gibt, so hat mich die folgende doch erschreckt. In einem der vielfältigen Knigge- und Benimmforen im Internet stieß ich auf diese: „Muss ich eigentlich auch das Servicepersonal begrüßen und meine Wünsche mit bitte abschließen und mich stets bedanken?“ Meine Antwort ist ebenso schlicht: Solange Sie Ihre Mitmenschen als Menschen anerkennen, ja!

Nachdem wir das kleine Einmaleins damit hinter uns lassen können, wenden wir uns den etwas komplexeren Sachverhalten zu:

  • Unabhängig davon, wie leer Ihnen das Restaurant auch erscheinen mag, setzen Sie sich bitte nie ungefragt auf den Platz Ihrer Wahl. Warten Sie auf den Service, und erkundigen Sie sich höflich, wo Sie sich niederlassen können.

In vielen Restaurants ist es gang und gäbe, neben der normalen Karte eine Tageskarte anzubieten, die neue Geschmackserlebnisse eröffnen kann und saisongerechte Speisen feilbietet. Ob wir dann dennoch zum siebenundzwanzigsten Mal unsere geliebte Piccata Milanese bestellen möchten, bleibt uns überlassen, aber irgendwann beschleicht jeden von uns einmal das Gefühl etwas „Verrücktes“ machen zu wollen …

Es ist grausam, zu lange auf sein Essen warten zu müssen. Jede Wartezeit, die eine halben Stunde überschreitet, lässt uns nervös und gereizt werden, unser Blick wandert ständig Richtung Küche, unsere Finger klopfen nervös auf die Tischplatte, und wir beginnen uns zu fragen, „ob der Zander wohl noch gefangen werden muss“.

  • Zögern Sie nicht, sich zu erkundigen, wo Ihr Essen bleibt, aber machen Sie sich vorher ein Bild über die möglichen Ursachen: Wie voll ist es? Ist die Kellnerin neu und noch ein wenig überfordert? Ist kurzfristig jemand ausgefallen? Oder hatten Sie eine komplizierte Bestellung mit vielen Extrawürsten?
  • Dem Servicepersonal wiederum empfehle ich: Weisen Sie Ihre Gäste ruhig darauf hin, dass die Wartezeiten heute etwas länger sein könnten, weil eine Servicekraft kurzfristig ausgefallen ist. Es entspannt die Atmosphäre, wenn die Gäste wissen, woran sie sind.

Apropos Extrawürste! Die Maxime „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“, mag für den einen oder anderen zu der längst vergessenen und pädagogisch umstrittenen „Struwwelpeter“-Moral gehören, erscheint mir aber für den Umgang mit der Speisekarte nach wie vor geeignet. Gut, wenn Sie partout keine Tomaten mögen oder Allergiker sind, sollten Sie sich Ihr Recht auf eine maßgeschneiderte Bestellung nicht nehmen lassen. Für alle anderen gilt die Warnung, es nicht zu übertreiben mit der individuellen Speisenkombination. Ansonsten passiert es Ihnen womöglich, dass Sie ganz auf Ihr Gericht verzichten müssen, weil der Koch sich beharrlich weigert, das Fleischgericht mit Tofu zuzubereiten oder das Thunfischsteak durchzubraten …

Wie gesagt, allzu lange auf sein Essen warten zu müssen, ist grausam. Noch grausamer ist es jedoch, sein Essen als Letzter am Tisch zu bekommen. Die anderen Gäste klappern bereits mit ihrem Besteck und erwidern auf das Angebot: „Fangt doch schon an!“, mit leicht gequälter Miene, verstohlen den Wärmegrad ihres Essen kontrollierend: „Nein, nein, wir können doch noch warten.“

  • Bleiben Sie beharrlich, wiederholen Sie – trotz der höflichen Zurückhaltung Ihrer Tischnachbarn – Ihr Angebot: „Bitte, fangt doch an!“ Es genügt, wenn sich einer am Tisch ärgert …

„Aber das Trinkgeld ist doch in Deutschland bereits im Preis inbegriffen!“ Das stimmt. Und doch hat sich die Konvention etabliert, fünf bis zehn Prozent Trinkgeld zu geben. Wer sich über diese Konvention bewusst hinwegsetzt, sollte neben seiner Sparsamkeit weitere gute Gründe ins Feld führen können. Denn das wohl vernünftigste Kriterium für eine Dienstleistung, ist nach wie vor die erbrachte Leistung. War diese gut, darf es ruhig ein bisschen mehr, war diese schlecht, darf es auch ein bisschen weniger materieller Gunstbezeugung sein.

Doch bleiben wir gerecht. Die Überbringer schlechter Nachrichten mussten in der Geschichte schon oft genug als Sündenböcke herhalten: Da haben wir den armen Boten – in unserem Fall den Kellner oder die Kellnerin – schon einen Kopf kürzer gemacht, bevor uns beim Rausgehen einfällt, dass ja jemand anderes das „bescheidene“ Essen zubereitet hat.

  • Solange wir uns über Künste der Küche, nicht aber den Service beklagen konnten, sollten wir unser Trinkgeld an dessen Künsten ausrichten.

Ergänzt durchaus um eine zusätzliche „interne Erziehungsmaßnahme“: Denn je schmerzhafter der Service die Minderleistung im eigenen Portemonnaie spürt, desto eher dürfen wir von seiner Bereitschaft ausgehen, dem wahren Schuldigen den Kopf samt Kochmütze zu waschen.

Das Essen war schlecht oder kalt, der Service lahm oder einsilbig und der Ärger immens. Trotzdem sagen wir oft genug nichts und beschließen stattdessen, nie wieder diese Abzocker aufzusuchen.

  • Sagen Sie etwas! Machen Sie Ihrem Ärger ruhig Luft, Sie haben ein Recht darauf, schließlich haben Sie bezahlt.

Aber flippen Sie nicht aus, trinken Sie einen Averna, beruhigen Sie sich, um den richtigen Ton zu treffen. Denn der macht ja bekanntlich die Musik! Und wenn Sie Glück haben, geht dann wenigstens der Digestif aufs Haus …

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