Aber gibt es wirklich nur das eine oder das andere? Realist oder Idealist? Gutes Gewissen oder praktische Klugheit? Weltfremder Weltverbesserer oder weltlicher Opportunist? Gibt es nicht irgendetwas dazwischen, etwas, das dem Menschen angemessen ist? Was ihm nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig abverlangt?

Neulich sagte der sechsjährige Sohn eines guten Freundes mit Blick auf das zweite Stück Lammfilet auf seinen Teller: „Mir tun die Tiere ja auch leid, aber sie geben einfach einen guten Geschmack ab!“ Da haben wir sie wieder, die zwei Herzen, die, ach, in unsrer Brust schlagen. Wir sind konfrontiert mit unseren Gelüsten und Idealen. Hin- und hergerissen zwischen einerseits dem biologischen Hinweis darauf, dass das Gebiss des Menschen ihm in der Evolution den Rang eines Allesfressers garantiert und Fleisch eine Teilmenge von allem ist. Und andererseits dem Umstand, dass es Menschen gibt, die ihren Idealen folgend beweisen, dass es auch ohne Fleisch geht.

Niemandem gehen die Beispiele aus, um die eigene These zu stützen, wir seien von nichts anderem getrieben sind als von unserem Egoismus und unserer Gier nach Anerkennung und Erfolg. Doch ebenso kann sich niemand von uns der Erkenntnis entziehen, dass es Menschen gibt, denen es um mehr geht. Menschen, die sich in Krankenhäusern um kranke und pflegebedürftige Menschen kümmern, Menschen, die in Kindergärten und Schulen unsere Kinder erziehen, die für die Menschenrechte streiten und unsere Umwelt vor unserem Egoismus und unserer Gier schützen wollen.

Es gibt jedoch einige, die dennoch behaupten, es gäbe keine Selbstlosigkeit, keinen Altruismus. Dieser sei lediglich ein verkapptes Eigeninteresse. Mutter Teresa habe sich einfach besser gefühlt, wenn sie anderen half, und schließlich habe sie ja für ihre Arbeit mehr Anerkennung bekommen, als sich jeder von uns erträumen mag – bis hin zur Seligsprechung durch den Papst.

Das ist das Tückische an unserem sogenannten natürlichen Motiv, dem Eigennutz. Letztlich kann man mit ihm alles und somit nichts erklären! Doch wer ernsthaft unterstellt, Mutter Teresa und Adolf Hitler hätten prinzipiell aus denselben Motiven gehandelt, der hat nicht nur den Boden unter den Füßen verloren, der versäumt es auch, auf die nachweislich unterschiedlichen Folgen dieses scheinbar gleichen Motivs zu blicken.

Eine weitaus vernünftigere und – ehrlich gesagt – sympathischere Deutung des menschlichen Wesens und seiner natürlichen Motive stammt von dem Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften Amartya Sen, der uns in seinem Buch „Ökonomie für den Menschen“ dazu aufruft, sowohl den Don Quijote als auch den Sancho Pansa in uns zu entdecken: „Unser Vernunftvermögen ermöglicht es uns, unsere Pflichten und Ideale ebenso in Betracht zu ziehen wie unser Interesse und unseren Vorteil. Wer das bestreitet, schränkt den Bereich unserer Rationalität aufs Schwerste ein.“ Windmühlen gehören der Vergangenheit an. Und Windrädern gehört womöglich die Zukunft!

Ach, zwei Herzen schlagen in unserer Brust. Eines, das uns nahe legt, unseren natürlichen Motiven zu folgen, und eines, das uns vor ebendiesen warnt. Ein Entwurf vom Menschen, der uns im selben Maße prägt wie die Idee, Kontrolle über unsere Natur zu erlangen. In Ketten gelegt oder Leinen los? Den Gefühlen freien Lauf lassen oder sie unter die Herrschaft der Vernunft stellen, das ist hier die Frage. Wenn wir sagen, das sei doch nur menschlich, meinen wir genau das: Neid, Gier, Wollust, Egoismus, Ängste, den ganzen irrationalen Krams eben, der gehört nun einmal zu uns, den kriegen wir nicht weg. Aber in den Griff? Die einen sagen ja, die anderen Nein. Die einen sagen, das Unterdrücken unserer Natur sei unverantwortlich, die anderen, in dieser Fähigkeit liege unsere wahre Natur. Alternativer Kinderladen oder Bernhard Buebs am Elite-Internat Salem erprobtes „Lob der Disziplin“? Steife Etikette oder natürliche Unbefangenheit? Freie Liebe oder eheliche Pflichten? Staatsbürgerlicher Gehorsam oder ziviler Ungehorsam? „Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht“, wie die deutsche Rock- und Punkband „Die Ärzte“ die Inhalte der BILD-Zeitung in ihrem Song „Lasse redn“ zusammenfasst, oder Leidenschaftslosigkeit wie in der Süddeutschen Zeitung oder der FAZ? Jazz oder Klassik? Sinnliche Erfahrung oder vernünftige Erkenntnis? Entfesselte Heuschrecken oder regulierender Vater Staat? Unterbewusstsein oder Bewusstsein? Chaos oder Ordnung?


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