Was heißt angemessen?

Wir benutzen das Wort recht häufig, meist in seiner Verneinung: Unangemessen. Doch was finden Menschen angemessen, was unangemessen? Viele finden die Gehälter von Krankenschwester und Altenpflegerinnen unangemessen niedrig, die Gehälter von Spitzenmanagern als unanständig und das Gehalt der Bundeskanzlerin im Vergleich zu den Managern zu niedrig, aber eigentlich okay. Die einen halten 10% Trinkgeld für unangemessen, die anderen 5%, Weil den einen zu viel und den anderen zu wenig. Doch nicht nur dann, wenn es ums liebe Geld geht, bewerten wir das Tun oder Lassen von Menschen auf dem Kontinuum angemessen – unangemessen. Auch im Umgang mit Menschen dienen uns diese beide Pole als Richtschnur für die Haltungsnoten im Zwischenmenschlichen: In zerrissenen Jeans zur Hochzeit? Unangemessen! Einen Knicks vor dem Vorgesetzten?Unangemessen! In der Pommesbude Austern bestellen? Unangemessen? Dem Gegenüber ins Gesicht niesen? Undsoweiterundsofort….

Adolph Freiherr Knigge über Angemessenheit 

In der Einleitung zu seinem Buch „Über den Umgang mit Menschen“  illustriert Adolph Freiherr Knigge auf sehr anschauliche Weise, warum sein Buch alles andere als ein Komplimentierbuch sein soll: Weil die Kunst im Umgang mit Menschen nicht alleine durch das bloße Auswendiglernen von Regeln erlernt wird, sondern auch durch deren situationsbezogene Auslegung. So schreibt Knigge über die Schwierigkeit in Deutschland ein Buch für alle Menschen, aus allen Ständen und Gegenden zu schreiben, das hilft, gut gelitten zu sein und bei allen gleichwohl gelitten zu sein: „Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäuerische, materielle Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen, artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Sachse in einem Atem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westfälinger ist alles hebräisch, was ihm der Österreicher in seiner ihm gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft polierten Rheinländers würde man in manchen Städten von Niedersachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten! 

Unterschiedlichkeit erfordert Angemessenheit

Was Adolph Freiherr Knigge 1788 zur Herausforderung im Umgang mit Unterschieden schrieb, das gilt im 21. Jahrhundert in einer sich zunehmend globalisiernden Welt ohnehin. Das Andere, das Fremde, das Neue und Unerwartete kann und ständig überraschen. Im Guten wie im weniger Guten. Damit es ein guter Umgang mit Menschen wird, brauchen wir eine Haltung, aus der heraus wir auch die überraschendsten Situationen meistern können, um unseren Beitrag zu einem gelungenen Umgag zu leisten. 

Angemessenheit schlägt Etikette

Die wohl schönste Geschichte zur Angemessenheit wird uns vom spanischen Königshof berichtet. Ein Bürger, der sich um das Gemeinwesen mit besonderem Mut währende eines verheerenden Brandes verdient gemacht hatte, wurde an den spanischen Königshof geladen, wo es ihm zu Ehren ein Festmahl gab. 

Der Bürger mit reichlich Mut, aber weniger mit höfischer Etikette vertraut, trank versehentlich aus der Schale mit dem lauwarmen Zitronen, die für das Reinigen der Hände gedacht ist. Das brachte ihm einiges Gelächter von Seiten der Höflinge ein. (Das ist unangemessen) Der König beobachtete die Szene, nahm seine Schale, erhob sich und trank ebenfalls aus ihr. Und die gesamte Ehrengesellschaft tat es ihm nach. 

Das ist angemessen! Alle Etikette in den Wind schlagen, wenn man einem anderen Menschen eine Peinlichkeit ersparen kann. 


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