Das eigene Urteil prüfen. Damit betreten wir das vielschichtige Spielfeld der zwischenmenschlichen Kommunikation. Vor dem Fernseher können wir uns gemütlich zurücklehnen, die rhetorischen Fähigkeiten und inhaltlichen Kompetenzen anderer Menschen bewerten und uns einreden, wir müssten den Vergleich mit ihnen nicht scheuen. Mit dieser Gemütlichkeit ist es rasch vorbei, wenn wir auf andere treffen.

  • Wenn wir uns auf die Suche nach dem „Ort der Verantwortung“ machen wollen, ist der Austausch mit anderen genauso wichtig wie das Nachdenken im stillen Kämmerlein oder vor dem Fernseher.

Für Karl Jaspers gibt es für das Nachdenken zwei Wege: „in der Einsamkeit die Meditation durch jede Weise der Besinnung – und mit Menschen die Kommunikation durch jede Weise des gegenseitigen Sichverstehens im Miteinanderhandeln, Miteinanderreden oder Mtieinanderschweigen“.

Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick bescheinigt uns, dass wir nicht nicht kommunizieren können. Und tatsächlich teilen wir uns ja ständig mit, ob wir sprechen oder nicht, ob wir zuhören oder nicht, ob wir auf andere zugehen oder uns zurückziehen, ob wir viel von uns preisgeben oder wenig, ob wir lieber mit oder über andere reden. Was immer wir tun oder lassen, wenn andere in unserer Nähe sind, hat Folgen, ob wir diese bezwecken oder nicht. Und da unsere Mitmenschen bei ihrer Bewertung unseres Verhaltens wenig Rücksicht darauf nehmen, ob wir uns damit entschuldigen, nun mal ein ewiger Hans zu sein, kann ein wenig mehr Aufmerksamkeit vor und während zwischenmenschlicher Begegnungen nicht schaden. Denn ob als Hans oder Hänschen, wir werden für die Folgen unserer kommunikativen Fähigkeiten und/oder Unfähigkeiten verantwortlich gemacht.

Doch wir verantworten nicht nur die Art und Weise, wie wir kommunizieren, nein, wir sind auch dafür verantwortlich, was wir mitteilen. Ausdruck und Inhalt. Wenn beides stimmt, stehen wir gut da, wenn beides nicht hinhaut, wird es schwierig. Wenn nur eines von beiden funktioniert, wird es meist durch die Schwäche des anderen mit in den Abgrund gerissen. Höchste Konzentration ist geboten, nicht nur für den ersten, sondern auch für den zweiten und alle weiteren Eindrücke.

Wenn wir den Start vermasseln, verlieren wir rasch den Anschluss. Da können wir einen Geistesblitz an den nächsten reihen – wem es an Inhalts- und/oder Ausdrucksstärke mangelt, der hat einen schweren Stand. Keine Ahnung, keine Manieren! Beides brauchen wir aber, wenn wir nicht irgendwann für ein weiteres misslungenes Gespräch, eine weitere versäumte Chance gemeinsamen Nachdenkens zur Verantwortung gezogen werden wollen. Manchmal mögen uns unsere Machtmittel oder die Nachsicht unserer Gesprächspartner davor bewahren, aus dem gemeinsamen Nachdenken verbannt zu werden. Ansonsten stehen wir da und reden tatsächlich vor die Wand.

Das wäre schade, weil wir uns selbst schaden:

  • Wir werden von der Diskussion ausgeschlossen. Im schlimmsten Fall zurückgeworfen auf den ewigen Hans in uns, im besseren Fall auf unser eigenen Gedanken.
  • Wir berauben uns der Möglichkeit, die Ergebnisse unseres Nachdenkens in die kommunikative Waagschale zu werfen, und abgeschnitten von der Rückmeldung anderer auf uns und unsere Argumente.
  • Wir vertun die Chance, Erkenntnisse und Gedanken aus dem eigenen Kopf in die Köpfe anderer zu bekommen, den eigenen Kopf mit den Erfahrungen und Ideen anderer zu füllen oder aus dem gemeinsamen Fundus Neues zu schöpfen.
  • Wir verschenken die Möglichkeit, das eigene Wollen mit dem anderer abzugleichen und gemeinsam Wahrheitslücken auf die Spur zu kommen. Andere profitieren zu lassen und selbst zu profitieren, Widerspruch zu ertragen und zu üben, andere zu überzeugen, nicht zu überreden und beides voneinander unterschieden zu können.
  • Wir erfahren nicht, wie es ist, sich überzeugen zu lassen und sich trotzdem als Gewinner zu fühlen. Fragen zu stellen, statt auf alles eine Antwort zu haben. Neue Antworten zu finden, statt alte in der Endlosschlaufe zu wiederholen. Sich selbst in die Verantwortung zu nehmen, bevor es andere tun.

Kommunikation ist Charakterbildung. Und die brauchen wir, wenn wir für eine gelungene Kommunikation ebenso Verantwortung tragen wollen, wie für das gemeinsame und grundsätzliche Nachdenken über Verantwortung.

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