Da haben wir sie, die Ziele einer gelungenen Charakterbildung. Vielleicht sollten wir vor diesem Hintergrund noch einmal ernsthaft über unseren Bildungsbegriff nachdenken. Das sind wir uns und anderen schuldig. Denn dass Bildung ein vorrangiges gesellschaftspolitisches Ziel ist, darüber sind sich ja die meisten Menschen durchaus einig. Aber was Bildung eigentlich bedeuten soll, darüber wird erbittert gestritten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass wohl kein gesellschaftliches Thema so anfällig für ideologische Standpunkte ist wie die Bildung. Der Streit um die pädagogische Deutungshoheit beherrscht den gesellschaftlichen Diskurs. Kein Wunder. Wer von der Veränderung der Gesellschaft träumt, der sollte da beginnen, wo sich noch eingreifen lässt in den Charakter und seine Bildung, je früher, desto besser – bei den Kindern. Dann, wenn noch Hoffnung besteht und nicht schon Hopfen und Malz verloren ist. Da, wo unser Wunsch auf eine bessere Zukunft auf die projiziert wird, die sich noch formen lassen oder denen eben diese Formung erspart bleiben soll. Da, wo die einen fröhlich singend Herbert Grönemeyer folgen und sich Kinder an die Macht wünschen und andere solche kindlichen Fantasien in Grund und Boden lachen. Wir sollten in der Erziehung beginnen, sei es zu Hause, im Kindergarten, in den Schulen oder den Universitäten. Überall dort, wo der Bildungsauftrag wartet.

Wenn uns daran gelegen ist, das Verhältnis zwischen charakterlosen und charakterstarken Menschen zugunsten Letzterer zu verändern, dann brauchen wir mehr Charakterbildung. Dann müssen wir die Rahmenbedingung dafür schaffen, dass mehr Menschen die Möglichkeit haben, Erfahrungen zu sammeln, Erkenntnisse zu gewinnen und sich der Mühe unterziehen, über sich, ihre Mitmenschen und die Welt, in der sie leben, nachzudenken und ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Zu ihrem eigenen Wohl und dem ihrer Mitmenschen. Wir brauchen Menschen, die den Verstand haben, vernünftige Regeln für ein menschenwürdiges Miteinander zu finden, den Mut aufbringen, für diese zu streiten, sobald sie auf dem Spiel stehen und den Charakter, mit gutem Beispiel voranzugehen. Menschen, die bereit sind, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen.

Das wäre ein schönes Ziel, und wir könnten endlich damit aufhören, uns Kinder an die Macht zu wünschen und davon zu träumen, uns von ihnen in Grund und Boden lachen zu lassen. Es gibt eben Gut und Böse, es gibt eben Schwarz und Weiß, es gibt eben Rechte und Pflichten, und mit Erdbeereis auf Lebenszeit – wie es sich Herbert Grönemeyer wünscht – kommen wir auf Dauer auch nicht weiter.

Anstatt der Trübsal ein Ende zu bereiten, indem wir in infantiler Romantik schwelgen (und damit sind ausdrücklich nicht die Kinder gemeint) oder schnelle und schlichte Antworten für komplexe Fragen aus dem Hut zaubern, würde uns selbst ein wenig mehr Anstrengung beim Nachdenken gut tun, bevor wir unsere Verantwortung einfach an unsere Kinder delegieren. Nachdenken beginnt nicht mit einer Antwort, sondern immer mit Fragen. Ernsthaften, ehrlichen und mutigen Fragen. Und da fängt man am besten bei sich selbst an. Das hätte Charakter! Also dann. Was bin ich mir, was meinen Mitmenschen schuldig? Hier ein kleiner Charaktertest, wenn Sie mögen.


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