Wo ist eigentlich die goldene Mitte? Wo der Punkt, wo man das Gute vom Schlechten unterscheiden kann. Wo sich die Spreu vom Weizen trennt, wo das Richtige und das Falsche auseinander fallen? Aristoteles sagt in der Mitte wischen Überfluss und Mangel: „Da es somit dreierlei Eigenschaften gibt, zwei verkehrte, die eine an Übermaß krankend, die andere an Mangel, und eine gute, die Mitte, so ist jede in gewisser Weise entgegengesetzt.“ Die Mitte nennt Aristoteles Mesotes. Wir nennen sie die goldene Mitte.

Die goldene Mitte finden

  • Zu viel ist nicht gut.
  • Zu wenig ist nicht gut.
  • Gut ist die Mitte, die durch unser Nachdenken in Bezug auf uns selbst, unsere Mitmenschen und die Situation, in der wir uns befinden, bestimmt wird.

Über uns selbst, unsere Mitmenschen und die Situation nachzudenken, hilft uns, in unseren komplexen Lebenssituationen den Überblick zu behalten. Das erspart uns auch den Irrglauben, den vielfältigen Phänomenen unseres Daseins mit allzu einfachen Lösungen zu Leibe rücken zu können. Wer die Idee, in allem das rechte Maß entdecken zu wollen, einmal verinnerlicht hat, der ist weniger anfällig für die Ideologien, Heilsversprechen und Vereinfachungen, die Tag für Tag um unsere Zustimmung und Teilnahme buhlen. Wer sich auf der Suche nach der goldenen Mitte befindet, der schaut genauer hin als andere und verlässt sich auf seinen Kompass, in der jeweiligen Situation selbst zu wissen, welches konkrete Verhalten geboten ist, ohne sich von Gurus, dem Boulevard, Phrasen dreschenden Politikern, Bürgern, Managern oder sonstigen Scharlatanen beeindrucken zu lassen.

Entscheidungsfreiheit gewinnen

Das Wissen um das rechte Maß gibt uns die Freiheit, selbst zu entscheiden, in welcher Form Überfluss und Mangel auftreten und wie sie sich konkret ausdrücken. Es liegt in unserer Verantwortung, aufmerksam zu bleiben. Eine Aufmerksamkeit, die einem bisweilen einiges abverlangt, Widersprüche hervorbringt und nicht selten Nerven kostet. Immer wieder aufs Neue müssen wir eigene Entscheidungen treffen und den sogenannten gesunden Menschenverstand einschalten, um die Spreu vom Weizen, die verkehrten Eigenschaften Überfluss und Mangel von der guten Mitte, das Zuviel vom Zuwenig zu trennen.

Drei Eigenschaften, zwei verkehrte und eine gute, sagt Aristoteles. Wie wäre es mit Mut, Ehrlichkeit, Höflichkeit, Fairness, Verantwortung oder Großzügigkeit als beispielhafte gute? Mutig ist gut, feige und tollkühn sind verkehrt. Höfliche Menschen sind angenehm, distanzlose und zu distanzierte unangenehm. Zu wenig, aber auch zu viel an Fairness ist verkehrt. Verantwortung muss man anderen zutrauen und zumuten, aber wie viel davon? Großzügigkeit ist toll, Geiz nicht geil und Verschwendungssucht uncool.

Doch damit ist die Trennung der Spreu vom Weizen nicht beendet, sie fängt gerade erst an. Neben der Unterscheidung in wünschenswerte und verkehrte Eigenschaften bedarf es der Betrachtung der beteiligten Personen und der jeweiligen Situation, um dem richtigen Maß auf die Spur zu kommen.

Menschen sind verschieden

Was dem einem als mutig erscheint, nennt der andere tollkühn. Was der eine für großzügig hält, ist für den Nächsten selbstverständlich. Was ich als fair empfinde, erscheint meinem Gegenüber als unverschämt. Wo ich ausgesuchte Höflichkeit vermute, wittert mein Nachbar subtile Angriffe. Wo der eine seinen gesamten Mut zusammen nehmen muss, erwartet man dies von einem anderen nicht anders. Wo man bei einem Fairness voraussetzt, überrascht einen ein anderer positiv. Wo der eine Höflichkeit mit der Muttermilch aufgesogen hat, zollt man dem nächsten Respekt für seine Lernfähigkeit.

Situationen sind verschieden

Ob Freizeit oder Arbeit, ob Fußballstadion oder Familienfeier, ob in der Stammkneipe oder im feinen Restaurant, ob als Konsument oder Produzent, ob als Eltern oder als Lehrer, ob als Politiker oder Bürger, ob als Vorgesetzter oder Mitarbeiter, jede gesellschaftliche Situation, jede gesellschaftliche Rolle bringt es mit sich, dass sie Erwartungen an unser Verhalten stellt. Erwartungen, die man kennen sollte, um zu entscheiden, ob man sie erfüllen will oder nicht.


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