Knigge Stadt gemeinsam.
Stadt ist, was wir draus machen.

Schöner Leben in der Stadt

In einem Land, in dessen Schulbüchern deutsche Jugendliche immer noch Rolf und Gisela heißen, gibt es keinen Grund, sich darüber zu wundern, wenn sich französische Kulturaktivisten „Untergunther“ nennen. „Les untergunthers“ sind eine Gruppe, die im Untergrund arbeitet und es sich zur Aufgabe gemacht hat, kulturelle Orte positiv zu nutzen. Dafür tun sie etwas Ungeheuerliches, sie nehmen sich des vernachlässigten Kulturgutes ihrer Stadt – Paris – an und erwecken Kultur zum Leben. Sie übernehmen Verantwortung für den öffentlichen Raum, nicht jedoch durch Unterlassung, sondern durch Gestaltung. Sie schützen die öffentliche Kultur nicht, indem sie Abfälle in öffentliche Mülleimer werfen, ihren iPod leise genug stellen, um ihre Mitmenschen nicht zu belästigen, oder davon absehen, Häuserwände mit schlechten Graffiti zu besprühen. Das tun sie vielleicht auch, doch in erster Linie greifen sie ein in den kulturellen Raum. Um Zuschauer von ihren meist nächtlichen Tätigkeiten fernzuhalten, kamen sie auf die Idee, auf einer CD das Bellen zweier Schäferhunde aufzunehmen. Diese gelten in Frankreich als typisch deutsche Tiere, und so kam es zu dem Namen der Gruppe, der sich zusammengesetzt aus den deutschen Worten „Unter“ und „Günther“. Die Untergunther gestalten und renovieren aktiv, und ohne jemanden um Erlaubnis gefragt zu haben. Sie veranstalten Film- und Theateraufführungen in geschlossenen Kinos oder Metrostationen, und sie restaurieren Dinge, die sie für erhaltenswert erachten. Vor ihrem Gestaltungsdrang sind selbst nationale kulturelle Heiligtümer wie das Pariser Pantheon nicht sicher.

Gemeinsam mehr erreichen

Und so schaute dessen Verwaltungsdirektor äußerst erstaunt, als ihn eine Abordnung der Untergunther darüber informierte, dass jene Uhr, die seit mehr als 50 Jahren stillgestanden hatte, nun wieder alle Viertelstunde ihre Glocke erklingen ließ. Immerhin 300 Arbeitsstunden im Wert von 13000 Euro hatte die Restaurierung der aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammenden Uhr gekostet.

Die Untergunther betrachten den öffentlichen Raum ganz selbstverständlich als den ihren. Der Unterschied zu denjenigen, die das ebenfalls tun, besteht darin, dass sie ihn positiv nutzen, ihn gestalten, statt ihn zu verunstalten. Ihre Verantwortung bleibt nicht auf die eigenen vier Wände beschränkt, sie erweitern die eigenen Spielräume kurzerhand auf die ganze Stadt. Auf die Frage, warum sie das tun, was sie tun, hat Untergunther Lazar Kunstmann eine einfache Antwort: „Weil das unser Zuhause ist. Weil sonst unsere Kultur verstaubt und verfällt“.


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