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Knigge Du oder Sie

Duzen und Siezen

DU oder SIE? In Deutschland keine belanglose Frage für den erfolgreichen Umgang mit Menschen. Und auch, wenn das SIE auf dem Rückmarsch ist, was unbestritten ist, sollten wir nicht vergessen, dass manche – nicht nur ältere – Menschen sich überfahren fühlen, wenn sie ungefragt mit einem Du konfrontiert werden und im schlechtesten Fall ihre Stacheln spreizen. Gerne gebe ich Empfehlungen, was zu tun ist, um Nähe herzustellen und gleichzeitig die Distanz zu wahren.  

Nähe und Distanz 

Apropos Stacheln. Arthur Schopenhauer ist einer der bekanntesten Philosophen. Ihm verdanken wir die wohl schönste Parabel über Nähe und Distanz und somit zum Duzen und Siezen.

„Die Stachelschweine: Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. (…) Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte.“

Und tatsächlich werde auch ich oft zum Thema „Nähe und Distanz“ gefragt. Da wir im Deutschen mit den Wörtchen DU und SIE grundsätzlich zwei Möglichkeiten die uns angemessene Entfernung zu justieren, sollte man denken, einem gelungenen Miteinander stünde nicht viel im Wege. doch Pustekuchen. Wie komplex das Miteinander sein kann, lässt sich an DU und SIE besonders schön zeigen. Fragen über Fragen. Habe mich daher um ein paar Antworten bemüht. Ob DU oder SIE, IHR oder EUCH man kann viel richtig machen beim DUZEN und SIEZEN!  IHNEN, EUCH und DIR wünsche ich viel Vergnügen bei der Lektüre!

DUZEN und SIEZEN – Die wichtigsten Empfehlungen im Überblick

 
  1. DUZE niemanden den Du einmal DUZEN willst.
  2.  Mit einem SIE zum Einstieg machen Sie wenig falsch.
  3. Gib alles, um ein DU nicht ablehnen zu müssen.
  4. Falls DU nicht über Deinen Schatten springen kannst, bleiben SIE freundlich und SIEZEN Sie zurück.
  5. Wenn es Streit gibt, bleiben Sie solange wie möglich beim SIE.
  6. Bleib‘ locker, wenn Dich Jüngere ungefragt SIEZEN. Wir alle werden älter.
  7. Alte Schule: Ranghöheren, Damen und Älteren ist es vorbehalten das anzubieten.
  8. DUZEN Sie niemanden ungefragt, den Sie später einmal DUZEN wollen.
  9. Vom SIE zum DU geht schneller als zurück.
  10. Wenn Sie die einen in der Gruppe SIEZEN und die anderen DUZEN, dann sag: SIE statt IHR und IHNEN statt EUCH.
  11. Bist DU Dir unsicher, ob SIE jemanden das DU anbieten wollen, DUZEN Sie ihn oder sie einmal aus Versehen absichtlich und Du wirst schon sehen.
  12. Im Netz ist das DU das neue SIE.
  13. Zwischen DU und SIE ist noch Platz frei.
  14. Mach DICH schlau bevor Du reist.
  15. Machen SIE sich, nicht andere locker.
  16. Höre auf Deinen gesunden Menschenverstand 

1. Wen soll ich Siezen?

Knigge-Empfehlung: Mit einem SIE zum Einstieg machen Sie wenig falsch. Das SIE so schlussfolgert Asfa-Wossen Asserate in seinem Buch „Manieren“ kann eingefordert werden, das DU hingegen nur erbeten werden. Das ist eine sehr schöne Feststellung wie ich finde, weil sie gleichermaßen den Unterschied zwischen SIE und DU deutlich macht als auch die Notwendigkeit auf beide Anreden zugreifen zu können. Wir brauchen beide: das DU und das SIE.

Otto will gesiezt, Herr Fürstenberg geduzt werden

Wie absurd es aber ist, im Zwischenmenschlichen etwas  – in unserem Fall das Siezen oder Duzen  – erzwingen zu wollen, daran erinnert uns die Geschichte von Carl und Otto. Wir schreiben das Jahr 1918. Der Adel wurde soeben als Stand in Deutschland zu den Akten gelegt, die Titel ganz pragmatisch den Namen zugeordnet. So trage auch ich Moritz Knigge keinen Titel sondern eigentlich einen Doppelnamen: Herr Freiherr Knigge.

Doch zurück zu Carl und Otto. Beide keine Titelträger, aber in unterschiedlichen gesellschaftlichen Rollen. Der eine Bankier, der andere sein Chauffeur. Der Fahrer – infiziert von den Freiheitsversprechungen der Revolution eröffnet dem Gefahrenen er wolle nicht länger geduzt werden und mit Otto sondern Herr Lehmann angeredet werden. Herr Fürstenberg antwortet: „Gut Herr Lehmann, dann besteh ich darauf, dass sie mich in Zukunft Duzen und Carl zu mir sagen, denn ein Unterschied muss sein.“

Das SIE macht den Unterschied

Wer jeden Erwachsenen Menschen grüßt, der macht wenig falsch. Der eine oder andere gleichaltrige wird darauf hinwiesen, dass man sich auch gerne DUZEN könne und dann light es an uns darauf zu reagieren. Freudig einzustimmen, freudig abzulehnen oder das Angebot geistesabwesend zu überhören. In familiären Umfeld ist das SIE längst ausgestorben. In der Tat, Mozart hat seinen Vater gesiezt und in der einen oder anderen großbürgerlichen Familien Frankreichs da Siezen sich sogar die Eheleute. Das befremdet uns so sehr, dass wir fast ein wenig mitleidig auf sie blicken Warum dem so ist, dass hat der französische Philosoph Alain einmal in dem schönen Bonmot zusammengefasst: Der unhöflichste Ort der Welt ist die Ehe. Weil die Eheleute sich zu nah seien und so der für eine gelungene Zweisamkeit Respekt flöten gehe.

Respekt wahren – auch im Streit beim SIE blieben

Die beste Form der Deeskalation ist es beim SIE zu bleiben! Siezen wir solange es geht. Es stimmt nämlich: DU Arschloch ist leichter als SIE Arschloch. Das SIE fällt als erstes dem Konflikt zum Opfer. Es ist die erste Bastion, die aufgegeben wird. Distanz, Du kannst mich mal. Zu beobachten im Strassenverkehr, nachdem der Autofahrer den Fahrradfahrer geschnitten oder der Fußgänger den Radfahrer an den Gehweg erinnert hat. Plötzlich sind wir uns nach, sehr nah, Nase an Nase, von Angesicht zu Angesicht, wir schimpfen, werden laut und erinnern den anderen an seine gute Kinderstube während wir uns selbst vergessen. Verflixtes DU!

2. Wem darf ich das DU anbieten?

Knigge-Empfehlung: Duze niemanden den Du einmal Duzen willst. Es ist den Ranghöheren, den Älteren und den Damen vorbehalten das DU anzubieten. Es ist nichts ungewöhnliches mehr, wenn sich Gleichaltrige heutzutage Duzen ohne nachzufragen. Früher trank man Brüderschaft und manche gute Freunde siezen meine Eltern heute noch.

Anrede und Hierarchie

Das Wesen der Frage „Wem darf ich das DU anbieten, steckt im Verb: anbieten. Es ist ein Angebot. Kein Befehl, kein Zwang. Es ist ernst gemeint dieses Angebot und wird es abgelehnt, dass ist es nicht beleidigt sondern ärgert sich. Nicht über die Ablehnung sondern über sich selbst. Weil das Angebot zu früh kam, weil es eine Grenze überschritten hat, die der Anbietende nicht gesehen hat.

DU kannst mich ruhig DUZEN

Ich erinnere mich ungern an ältere Erwachsene, die mich ungefragt Duzten, um mich zu fragen, ob wir uns Duzen sollen. Das fand ich übergriffig. Ich wollte weder Freund der Eltern meiner Freunde werden, noch mit dem  Lehrerzimmer meiner Schule per DU sein. Selbst geduzt zu werden, dass war für mich okay, aber mehr Nähe zu Erwachsenen als nötig, das musste nicht sein. „Mache einigen Unterschied in Deinem äußern Betragen gegen die Menschen, mit denen Du umgehst, in den Zeichen von Achtung, die Du ihnen beweisest. Reiche nicht jedem Deine rechte Hand dar. Umarme nicht jeden. Drücke nicht jeden an Dein Herz.“  So Adolph Freiherr Knigge im ersten Teil, Aphorismus 48, „Über den Umgang mit Menschen.“ Und so rate ich heute denjenigen, die das DUZEN für sich entdeckt haben, nie jemanden zu Duzen, den man Duzen will.

DUZ-Kultur in Unternehmen

Auch in immer mehr Unternehmen hält das DU im gleichen Maßen Einzug wie die Krawatte Auszug. Es soll lockerer Zugehen in der globalisierten Welt der flachen Hierarchien und mobilen Arbeitsplätze. Doch ein erzwungenes DU hat einen faden Geschmack. Nicht für den Vorstand und seine Senior Executives. So wird Sven Seidel von LIDL damit leben können, dass er für alle jetzt der Sven ist, aber die Auszubildende Laura Schmitz* würde sich lieber als Frau Schmitz mit Herrn Seidel reden, wenn man sich denn über den Weg läuft. Das DU suggeriert eine Nähe, die nicht immer produktiv ist, weil Arbeit für viele immer noch Arbeit und nicht Familie oder Gemeinde ist.

*Name von der Redaktion geändert.

Kennen wir uns?

Ich stand an der Bushaltestelle. Neben mir eine gepflegtere ältere Dame. Eine junger Mann kam angeschlendert, den Rucksack schief auf dem Rücken, die Schuhe nicht zugebunden. Schnurstracks auf die ältere Dame zu: „Entschuldigung, kannst Du mir bitte sagen wie ich in die Innenstadt kommen?“  Ihre Antwort war eine Frage, kurz, knapp und brüsk: „Entschuldigen Sie, kennen wir uns?“  Für Sie war eine Grenze überschritten. Duzen? Nicht mir. Für mich galt das nicht. Ein „Entschuldigung“ zu Beginn, ein „bitte“ am Ende. Das reicht mir, um das Freundliche zu sehen und die fehlende Form fehlende Form sein zu lassen. Und so sagte ich: „Gerade aus, dann an der zweiten Strasse links, nach 500 Metern beginnt die Innenstadt“. „Danke, Bruder!“ lautete seine Antwort. „Gerne“ meine.

3. Vom DU zum SIE zurückkehren?

Knigge-Empfehlung: Von SIE zum DU geht schneller als zurück. In einem meiner Seminare sprach ich mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern über die Frage, ob und wie man von DU zum SIE zurückkehren könne. Insbesondere in der Unternehmenswelt gar nicht ein so ungewöhnlicher Fall, wie ich von einer der Teilnehmerinnen erfuhr:

Von DU zum SIE – Erst Kollegin, dann Vorgesetzte, was nun?

„Eine schwierige Kiste, Herr Knigge. Als ich seinerzeit befördert wurde, hatte ich plötzlich eine Team von 14 Personen, von denen ich mich mit 13 duzte. Schon die Ansprache einer DU-und-SIE gemischten Gruppe ist schwierig: „Ich wollte EUCH mitteilen“ lässt zum Beispiel das förmliche SIE zurück. Während „Ich wollte IHNEN noch sagen“  sehr formell klingt. Zudem fand ich es extrem schwer die Unterschiedlichkeit in der Anrede meiner Mitarbeiter nicht als Ungleichbehandlung meiner Teammitglieder.

Die einen DUZEN und die anderen SIEZEN?

Tatsächlich besteht die Gefahr der Ungleichbehandlung. „Wenn die duzt, dann besteht doch da eine viel engere Bindung!“ „Wenn es mal hart auf hart kommt, dann ist ja klar, wer bevorzugt behandelt wird!“  Im Zwischenmenschlichen wird ja vieles im Kopf entschieden. Und nicht immer alles gesagt sondern sich der berühmte Teil gedacht. In solchen Fällen, in der das Teamgleichgewicht in Gefahr ist, kann es durchaus Sinn machen, zum Sie zurückzukehren. Tatsächlich habe ich das gemacht, Herr Knigge. Seitdem Sieze ich mich wieder mit meinen drei ehemaligen Kolleginnen und denke das war genau der richtige Schritt. Aber nur vor den anderen, musste sie lachen, wenn wir uns alleine sehen natürlich nicht! Von SIE zum DU, das beherrschen wir us den EffEff.

Ewiges und temporäres DU

Adel verpflichtet – Einmal DU, immer DU

In adligen Kreisen würde im übrigen niemand von einem DU aus ein SIE gehen. Zum einen duzen sich Adlige ohnehin meist untereinander. Ob verwandt oder nicht. Ist man verwandt, dann grüßt man sich sich bis zum Lebensende. Das gilt für den stoffeligen Vetter ebenso wie für den Sohn mit dem Jahren nicht mehr spricht oder den Bruder, den man mit dem Allerwertesten nicht mehr anschaut. Die Rückkehr vom DU zum SIE ist ausgeschlossen. Das DU gilt ewig.

Das DU auf dem Golfplatz

Auf dem Golfplatz ist das anders. Hier kann man es noch antreffen, die seltene Form des temporären DU. Siezen sich Frau von Crailsheim und Frau Schlüter im echten Leben, sind sie auf dem Golfplatz per DU. Wichtig ist auf dem Platz, da sind alle gleich. Das kann im wahren Leben ganz anders sein. Und so sind  Lydia und Marianne nach gespielter Runde schnell wieder beim SIE. Ohne mit der Wimper zu zucken.

Vom englischen YOU zum deutschen SIE

Auch bei internationalen Meetings wenn die offizieller Sprache englisch ist, sind die Teilnehmer schnell beim temporären DU. Kehren aber danach mit ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen rasch wieder zum „Sie“ zurück und aus dem kurzeitigen Lothar wird schnell wieder der Head of Controlling Dr. Meyer.

Das DU auf der Weihnachtsfeier

Das populärste temporäre DU ist des Vorgesetzten auf der Weihnachtsfeier des Unternehmens. Kurz nach Mitternacht bier- und redselig und wenig sentimental flüstert es dann durch Deutschland: „Karin was meinen Sie? Wollen wir uns nicht Duzen? Wir arbeiten doch lange und richtig gut zusammen, finden Sie nicht? Sie sind einfach die Beste, ehrlich. Also ich bin der Henning. Vergessen wir mal diesen ganze Dr. und Hauptabteilungsleiter-Quatsch.“ Mein Knigge-Tipp: Wenn Sie kein Problem damit geduzt zu werden, willigen Sie ein. Warten Sie dann den nächsten Tag im Büro ab, ist der Henning dann immer  noch der Henning, prima. Ist er wieder Hauptabteilungsleiter Dr. Quatsch, auch prima! 
 

4. Darf ich ein Du ablehnen?

Knigge-Empfehlung: Gib alles, um ein DU nicht ablehnen zu müssen. In Francis Ford Coppolas Film „Der Pate“, lässt der Regisseur Marlon Brando den legendären Satz sagen: „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.“ Von dieser Szene können wir für die Frage DU oder SIE? einiges lernen. Für alle die ein DU anbieten bedeutet es: Sei vorsichtig. Noch immer ist das DU in Deutschland eine heikle Angelegenheit. So schnell Duzen die Deutschen nicht. Sie lieben ihre Rituale,  trinken gerne Brüderschaft. Sie machen gerne einen Unterschied. Ein DU im vorbeigehen, zwischen Tür und Angel, das ist ihre Sache nicht.

Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann

Wer anderen ein Angebot machen will, das er nicht ablehnen soll, der sollte andere solange SIEZEN bis ein DU unausweichlich wird. Oder sich keiner Tricks bedien, sich absichtlich unabsichtlich versprechen und DU statt SIE sagen, schauen wie der Geduzte reagiert. Oder mehrere Menschen mit EUCH oder IHR statt SIE ansprechen. In der Mehrzahl geht Vieles leichter und vielleicht sagt ja auch mal einer der Angesprochenen von sich aus – erfreut und nicht genervt: Apropos: Sollen wir uns nicht DUZEN? Das fände ich schön.

Du ablehnen – Wenn Du nicht willst, geh auf Abstand

Das DU ist etwas sehr Persönliches, das SIE stellt Distanz her. Wer nicht geduzt werden will, der hat alles Recht der Welt ein DU abzulehnen. Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein sein, dass ein NEIN zum DU die Distanz erhöhen wird. Ein abgelehntes DU ist keine Zuckerschlecken und für den Anbietenden schlimmer als einen Korb auf der Tanzfläche seiner Herzdame. Ein abgelehntes DU ist wie ein Schlag ins Gesicht, ein eindeutiges „Rück mir nicht auf die Pelle, keinen Millimeter weiter. Letzte Warnung.“ 

Die längst fällige Grenzziehung. Wer Grenzen nicht sieht, der bekommt sie aufgezeigt, so sieht’s nun mal aus. Wer nicht geduzt werden will, der ist heute eher in der Situation sich dafür rechtfertigen zu müssen, weil Lockerheit Nähe will. Locker bleiben und mit einem Lächeln auf dem Lippen auch mal NEIN sagen und ein DU ablehnen.

5. Hamburger SIE oder Münchner DU?

Knigge-Empfehlung: Zwischen DU und SIE ist noch Platz frei. Nicht immer geht es in Deutschland so streng zu, wenn es um die Anrede geht. Zwischen DU und SIE haben sich einige Zwischenformen etabliert, die geeignet sind, den starken Gegensatz zwischen DU und SIE abzumildern. Eine Art Anreden-Cocktail mit einfachem Rezept zum Selbermachen.

DU Frau Schmitz?

Man mixe ein SIE mit einem DU und schon ist die Welt um eine Möglichkeit des Miteinanders reicher.  Beim Münchner DU Zwecke dem Nachnamen ein DU zur Seite gestellt. Wie man es zum Beispiel aus dem Kindergarten kennt („Guck mal Frau Schlupinski, was ich tolles gemalt habe!“). Aber auch im Rheinland kennt man das DU mit Nachname und ich habe sofort einen Sketch von Hella von Sinnen im Kopf. Den es zwar nicht gibt, aber geben könnte. Oder?

„Frau Müller tust mir auch noch nen Bierchen?“

„Dat heisst nicht tust mir auch nen Bierchen, dat heisst: Tust mir bitte noch nen Bierchen!“

Und selbst bei unseren österreichischen Nachbar, denen man ja eher ein Hang zu Förmlichkeit nachsagt, hört man nicht, selten „Du, Dr. Schicklich“. Wie ich las handelt es sich hierbei um ein Relikt aus den kuk-Zeiten Österreich-Ungarns.

Und SIE, Lars?

In Hamburg schmeckt der Anrede-Cocktail ein wenig anders. Etwas trockener im Abgang. Eher für einen gepflegten Stehempfang an der Alster als für ein zünftiges Brauhaus im Rheinland geeignet. Und SIE Lars, was trinken Sie? Astra oder ein Gläschen Veuve Clicquot? Was meinen SIE? Was trinkt Lars? Und was tut sich Frau Müller gönnen? Ob Münchner DU oder Hamburger SIE. Hauptsache wir kommen und nah genug ohne uns auf die Füße zu treten und haben eine gute Zeit. In München, Hamburg, Düsseldorf, Köln oder anderswo in Deutschen Landen.

6. Ungefragt geduzt? Was tun

Knigge-Empfehlung: Ungefragt zurück SIEZEN. Ich werde selten ungefragt geduzt. Im Gegenteil, wenn ich auf Menschen treffe, die wissen wer ich bin, dann fragen Sie mich, wie sie mich richtig  ansprechen sollen. Dann antworte ich: „Solange Knigge drin vorkommt, fühle ich mich angesprochen.“ 

Bitte Abstand halten, wir bedanken uns für Ihr Verständnis

Mit meinem Namen ist das auch echt kompliziert. Ich bin ein echter Knigge, da liegt ein „von“ im Namen nah und doch haben wir Knigges kein „von“. Ich bin adlig, aber eigentlich nicht, da es seit 1918 keinen Adel mehr gibt und der Titel dem Namen zugehörig erklärt wurde. Vor 1918 wurde der Freiherr als Baron angeredet, aber das kommt 2108 den meisten Menschen nicht besonders leicht über die Lippen. Wenn ich ungefragt geduzt werde, dann Sieze ich meist ungefragt zurück. Nicht um den anderen bloßzustellen sondern um eine Grenze zu ziehen und dem anderen die Möglichkeit zu geben vom DU zum SIE zurückzukehren.

Nicht einmal ein DU

Ich ärgere mich selten über Unhöflichkeiten, weil die meisten nach meiner Erfahrung eher mangelnder Regelkenntnis als bösartiger Unverschämt entspringen. Letztlich sprach mich ein junger Mann, früher hätte man ein Halbstarker gesagt, an: „Feuer?“ Er sah, dass ich rauchte und wollte das Gleiche tun. Seine Bitte war auf das Wesentlichste reduziert. Kein „Entschuldigen Sie bitte?“ Kein „Bitte“, auch seinen Gesichtsausdruck habe ich nicht als besonders freundlich in Erinnerung. Ich habe ihn angeguckt und gesagt: „Selbstverständlich“ und ihm Feuer gegeben. Er lächelte mich an und sagte im gebrochenen Deutsch: „Viele Dank.“ Alles gute, dachte ich. Rauchte weiter und war froh, dass ich mich nicht über die fehlende Etikette aufgeregt hatte und freute mich darüber, dass meine Geste mit einem Lächeln belohnt worden war. Ganz ungefragt und ungeduzt.

7. Duzen und Siezen in anderen Ländern

Knigge-Empfehlung: Mach Dich schlau bevor Du reist. Die Franzosen lieben „tu“ und „vous“ wie wir Deutschen unser „Du“ und „Sie“. Die Engländer haben nur ihr you. Das allerdings kommt vom altenglischen „thou“ und war in früheren Zeiten eher eine förmliche Anrede. Und tatsächlich ist den Engländern bestimmter gesellschaftlicher Klassen eine gewisse Förmlichkeit ja durchaus eigen. Bis hin zur britischen Redewendung der stiff upper lip, mit der die Fähigkeit beschrieben wird auch in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben und eine besondere Distanz zu seinen Emotionen wahren zu können.

Generell gilt die Regel: Wo nur eine Möglichkeit zur Anrede besteht, drücken sich Nähe und Distanz anders aus. Da kommt es auf Nuancen an. So habe ich bspw. in britisch geprägten Ländern die Anrede nicht zu direkt ausfallen sollte. Und statt eines „Hi, i’am Liza“ „My name is Liza Miller, nice meeting you!“  besser fährt. Auch die Amerikaner kennen nur das „you“ sind aber wesentlich direkter als die Briten. Begrüßungen werden nicht selten mit einer Berührung – unter Männern bspw. mit einem Schulterklopfen begleitet – und jeder wird schnell zum Buddy. Andere Länder, andere Anreden.

Als Land der Duzkultur schlechthin gelten die Schweden. Dabei Duzen sich die Schweden erst seit 1967. Zu verdanken haben sie diese DU-Reform dem schwedischen Generaldirektor der Gesundheitsbehörde Bror Rexed. Dieser verblüffte bei seiner Antrittsrede seine zukünftigen Mitarbeiter mit dem Wunsch, sie mögen ihn doch bitte nicht Generaldirektor Rexed sondern einfach nur Bror. Jahrhundertelang hatte man nur den Nachnamen und den Titel als Anrede verwendet und nun das einfache DU. Was wirklich ein Fortschritt in der Kommunikation war.

Weil es weder DU noch SIE gab und die Rangordnung zwischen den kommunizierenden Personen nicht immer klar war, hörten sich die lockeren Schweden früher ziemlich steif an: „Braucht man noch ein Getränk?“ Mit einem SIE als Personalpronomen konnten sich die Schwedinnen und Schweden tatsächlich noch nie anfreunden. NI heisst SIE in Schweden. Auch wenn es in den letzten Jahren eine Renaissance des NI als höflichere Anrede zu geben scheint, kann es einem laut einem Artikel der NZZ immer noch passieren, dass man zur Antwort bekommt: „«Ich bin nicht per Sie mit dir» Andere Länder andere Anreden

8. Duzen im Büro

Knigge-Empfehlung: Mach Dich locker. Hans-Otto Schrader ist Chef der OTTO-Gruppe. Dem größten Versandhändler Deutschlands. Mit über 50.000 Mitarbeitern. Duzen im Büro? Für Hans-Otto Schrader Null Problemo! Alle dürfen ihren Chef „Hos“ nennen. Duzen ja, aber nicht Hans-Otto bitte, sondern Hos H für Hans, O für Otto und S für Schrader. Ein bißchen abseits des Mainstreams darf’s dann schon sein.

Das SIE macht sich locker

Auch Sven Seidel, LIDL-Chef will nicht länger der Herr Seidel sondern viel lieber der Sven sein. Deutsche Unternehmen machen sich locker. Alle machen sich locker. Sogar der für seine Strenge bekannte Discounter ALDI hat den Krawattenzwang aufgehoben. Lockerheit verspricht bessere Kommunikation, flache Hierarchien effizientere Ergebnisse. So die neue Losung.

Mein DU gehört mir

Doch ganz so locker geht es in Deutschlands Unternehmen auch dann nicht zu, wenn sich laut Umfrage mittlerweile jeder zweit duzt. Ganz so flach sind die Hierarchien dann doch nicht nicht. Noch immer sind manche gleicher als andere. Ganz so steil ist auch die These nicht, dass viele sich im beruflichen Alltag mehr Distanz wünschen als ihnen gewährt wird. Das DU ermöglich mehr Kommunikation, das stimmt, aber es verschleiert auch die Hierarchie, die es nicht mehr geben sollte. Aber immer noch gibt. Das DU verspricht eine Nähe, die nicht immer angenehm ist dort wo man auf Menschen trifft, die einander nicht ausgesucht haben.

Hey Boss, ich brauch mehr Geld!

Ein Teilnehmer eines meiner Seminare sagt eimal zu mir: „Ich komme gut mit meinem Chef klar, aber ob mich jemand duzt oder nicht, darüber entscheide ich.“ Oder wie es Tillmann Prüfer in der ZEIT so wunderbar wie polemisch auf den Punkt brachte: „Der gesiezte Angestellte gibt seine Lebenszeit und behält wenigstens noch seine Würde. Der Chef darf sich nicht einbilden, dass er mit dem Monatsgehalt auch persönliche Freundschaft einkauft.“ Nähe gibt es nicht per Knopfruck und gelungene Kommunikation nicht weil sich plötzlich alle Duzen. Barrierefreie Kommunikation entsteht dort, wo Vertrauen und Verlässlichkeit herrschen, wo man DU oder SIE Arschloch sagen kann und danach Schwamm drüber und frei nach Gunter Gabriel der Angestellte zum Vorgesetzten: Hey Boss, ich brauch mehr Geld! Wenn das so läuft, dann könnt es klappen mit dem Duzen im Büro.

9. Gesunder Menschenverstand

Knigge-Empfehlung: Höre auf Deinen gesunden Menschenverstand: Wer käme schon auf die Idee, seinen Vorgesetzten Dr. Hempel zu duzen, selbst wenn dieser ihm auf der feucht-fröhlichen Betriebsfeier am Vorabend gegen drei Uhr morgens lallend zum Thema Duzen und Siezen vorgeschlagen hatte: „Du kannst mich ruhig Heinz-Jürgen nennen.“? Wer wäre so unbedarft, den zwar deutlich jüngeren Personalverantwortlichen im Bewerbungsgespräch das Du anzubieten? Wer ernsthaft seine Eltern siezen? Gut, manchmal müssen wir in den sauren Apfel beißen und uns unser Alter eingestehen. Wenn uns die zwanzigjährige Bedienung in der Szenekneipe siezt und uns mit schelmischem Lächeln um unseren Personalausweis bittet, um zu kontrollieren, ob wir das bestellte Pils auch trinken dürfen. Aber alles in allem funktioniert das doch eigentlich ganz gut mit unserer Intuition, wann wir einander zu sehr auf die Pelle rücken oder wann es zu frostig zugeht im menschlichen Miteinander.

10. In Kneipen, Klubs und Bars wird sich geduzt

Knigge-Empfehlung: Nimm den Ton an, der vorherrscht oder geh‘ nach Hause. Nur die Distanzbedürftigsten kämen beim Duzen und Siezen auf die Idee den jüngeren oder gleichaltrigen Kellner zu siezen. In Hotels, Restaurants aber auch im Supermarkt kommen hingegen nur die Nähebedürftigsten auf die Idee den Service oder die Kassiererin zu duzen. Eine Ausnahme unter den Esslokalen sind diesem Zusammenhang die rheinischen Brauhäuser, sei es in Düsseldorf, Köln oder anderswo. Hier wird der Gast – gleich welchen Alters, gesellschaftlichen Ranges oder welcher Herkunft – konsequent geduzt. Während im Gegenzug so mancher Gast konsequent beim wohlerzogenen Sie verharrt, sei es aus Gewohnheit oder aus Trotz ob des distanzlosen Verhalten des „Köbes“, wie der Kellner in den Brauhäusern im Rheinland genannt wird.

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