DU oder SIE? In Deutschland keine belanglose Frage für den erfolgreichen Umgang mit Menschen. Gerne gebe ich Empfehlungen, was zu tun ist, um Nähe herzustellen und gleichzeitig die Distanz zu wahren.  

Duzen und Siezen • Privat • Business • Verhaltensregeln • gutes Benehmen

Arthur Schopenhauer ist einer der bekanntesten Philosophen. Ihm verdanken wir die wohl schönste Parabel über das Wesen der Höflichkeit, und somit zum Duzen und Siezen.

„Die Stachelschweine: Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. (…) Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte.“

Du oder Sie: Sprechen ist wichtig

Knigge Duzen und Siezen 
Duzen oder Siezen?

Im Gegensatz zu Stachelschweinen verfügen wir glücklicherweise über die Fähigkeit zu sprechen. Das bringt den Vorteil mit sich, dass wir auf etwas subtilere Art als die Stachelschweine unseren Mitmenschen zu verstehen geben können, was wir als „mäßige Entfernung“ im gemeinsamen Umgang empfinden. Im Deutschen sind wir es gewohnt, mit Hilfe von Duzen und Siezen den Grad an Erwärmung zu justieren, den wir in der jeweiligen Beziehung für wünschenswert halten. Auch wenn mir eine Niederländerin einmal sagte, sie empfände dies weniger als Hilfe. Sondern eher als Hilflosigkeit der Deutschen, ihr Bedürfnis nach Nähe und Distanz mit anderen Mitteln zum Ausdruck zu bringen. So halte ich unser sprachliches „Navigationssystem“ im gemeinsamen Umgang für durchaus hilfreich, um unseren Mitmenschen sowohl unsere Achtung zu erweisen, als ihnen auch Rückzugsmöglichkeiten zu eröffnen.

Einigt Euch

Und meistens gelingt es uns ja auch recht gut. Diese für beide Seiten zufrieden stellende Einigung darüber zu erzielen, welche Entfernung wir am besten aushalten: Wer käme schon auf die Idee, seinen Vorgesetzten Dr. Hempel zu duzen, selbst wenn dieser ihm auf der feucht-fröhlichen Betriebsfeier am Vorabend gegen drei Uhr morgens lallend zum Thema Duzen und Siezen vorgeschlagen hatte: „Du kannst mich ruhig Heinz-Jürgen nennen.“? Wer wäre so unbedarft, den zwar deutlich jüngeren Personalverantwortlichen im Bewerbungsgespräch das Du anzubieten? Wer ernsthaft seine Eltern siezen? Gut, manchmal müssen wir in den sauren Apfel beißen und uns unser Alter eingestehen. Wenn uns die zwanzigjährige Bedienung in der Szenekneipe siezt und uns mit schelmischem Lächeln um unseren Personalausweis bittet, um zu kontrollieren, ob wir das bestellte Pils auch trinken dürfen. Aber alles in allem funktioniert das doch eigentlich ganz gut mit unserer Intuition, wann wir einander zu sehr auf die Pelle rücken oder wann es zu frostig zugeht im menschlichen Miteinander.

Und doch hält das ständige Aushandeln von angemessener Nähe und Distanz im 21. Jahrhundert einige Herausforderungen für uns bereit:

Das Sie ist auf dem Rückmarsch.

Knigge Business Du oder Sie 
Im Business Duzen oder Siezen?

Daran besteht kein Zweifel. Wären meine Eltern nicht auf den Gedanken zu kommen, anlässlich eines Abendessens die Freunde und Bekannten ihrer besten Freunde sogleich zu duzen, ist dies in meiner Generation gang und gäbe.

Ich kann mich jedenfalls nicht an einen privaten Anlass unter Gleichaltrigen meiner Generation erinnern, bei denen sich die eine Hälfte der Gäste geduzt hätte. Während die anderen sich siezten.

In Kneipen, Klubs und Bars wird sich geduzt.

Nur die Distanzbedürftigsten kämen beim Duzen und Siezen auf die Idee den jüngeren oder gleichaltrigen Kellner zu siezen. In Hotels, Restaurants aber auch im Supermarkt kommen hingegen nur die Nähebedürftigsten auf die Idee den Service oder die Kassiererin zu duzen. Eine Ausnahme unter den Esslokalen sind diesem Zusammenhang die rheinischen Brauhäuser, sei es in Düsseldorf, Köln oder anderswo. Hier wird der Gast – gleich welchen Alters, gesellschaftlichen Ranges oder welcher Herkunft – konsequent geduzt. Während im Gegenzug so mancher Gast konsequent beim wohlerzogenen Sie verharrt, sei es aus Gewohnheit oder aus Trotz ob des distanzlosen Verhalten des „Köbes“, wie der Kellner in den Brauhäusern im Rheinland genannt wird.

Erwähnte ich bereits, dass ich das Sie mag? Immerhin sieze ich Sie ja nun mehr schon seit über 200 Seiten. Ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, lieber ein Sie zu viel als zu wenig zu verwenden. Sicher, das Du schafft eine schnelle Nähe, und ich habe durchaus Verständnis für das Unbehagen, das viele befällt. Auch wenn sie ihre gleichaltrigen oder gar jüngeren Mitmenschen siezen und dies als zu distanziert oder gar altbacken empfinden. Beim Duzen und Siezen wir sollten nicht vergessen, dass manche – nicht nur ältere – Menschen sich überfahren fühlen, wenn sie ungefragt mit einem Du konfrontiert werden und im schlechtesten Fall ihre Stacheln spreizen.

Für Freunde des „Du“

Übertreibt es nicht mit Eurer Ungeduld. So schlimm ist es nun auch nicht, wenn man sich im gleichaltrigen Kollegenkreis siezt. Und wenn es Euren potenziellen „Duz-Kumpanen“ genauso ergehen sollte wie Euch, dann müsst Ihr ohnehin nicht lange warten, bis Ihr Euch gegenseitig wärmt.

Für den Umgang zwischen den Generationen, in hierarchischen Verhältnissen oder im Kundenkontakt schadet es sicher nicht, sich an der gängigen Konvention zu orientieren, die da lautet: Das Du bietet immer die ranghöhere oder ältere Person an. Ob es dabei auch am nächsten Tag bleibt, entscheidet der Grad an Zurechnungsfähigkeit von Heinz-Jürgen im angeheiterten Zustand und in erster Linie, welche Anrede er wählt, wenn er wieder nüchtern ist …

Heikel wird es immer dann, wenn das eigene Angebot auf verbale Annäherung abgelehnt wird oder Sie selbst sich dabei unwohl fühlen, den Kollegen Herrn Schmidkunz ab heute Dieter zu nennen und Ihnen bereits bei dem Gedanken, dieser könnte Sie in Zukunft Marlene nennen, ganz frostig zumute wird.

Hier hilft nur ein offenes Wort

um dem drohenden permanenten Unwohlsein zu entkommen: „Ich weiß das zu schätzen, Herr Schmidkunz, aber ich bevorzuge im beruflichen Umfeld doch das Sie. Belassen wir es einfach dabei.“

Wirklich heikel wird es jedoch erst dann, wenn Sie ernsthaft daran denken, einen bereits bestehenden Duz-Kontakt wieder in einen Siez-Verhältnis zu überführen. Dieser Schritt will wahrlich wohl überlegt sein. Da er vom Gegenüber nicht selten als endgültiger Bruch der zwischenmenschlichen Beziehung verstanden wird. Insbesondere im beruflichen Umfeld, wenn beispielsweise aus ehemaligen Kollegen plötzlich Mitarbeiter und Vorgesetzte werden oder Sie selbst das bestehende Vertrauensverhältnis zu Mitarbeiterin Karin als zerrüttet betrachten, kann eine solche Neudefinition der „mäßigen Entfernung“ jedoch unumgänglich werden. Im privaten Umfeld kann man sich aus dem Weg gehen, im beruflichen muss man den anderen bisweilen aushalten, ob man will oder nicht. Hier hilft nur eines:

Zurück zum Sie

Legen Sie Ihre Gründe klipp und klar offen, und machen Sie deutlich, dass sich Ihr Verhältnis zwar verändern wird. Ihnen aber daran gelegen ist, einen sauberen Übergang zu schaffen, unabhängig davon, was vorgefallen ist. Das erfordert Mut. Aber den braucht es manchmal, wenn man sich weder gegenseitig erstechen, noch erfrieren will. Ich halte wenig von Zwang, sei zum Sie, sei es zum Du. Wenn Stachelschweine in der Lage sind, die Entfernung der „Höflichkeit und feinen Sitte“ selbstständig herauszufinden, dann sollten uns das doch erst recht gelingen, meinen Sie nicht? Warum also als Unternehmen das Du erzwingen, warum als Träger eines Kindergartens den Duz-Kontakt zwischen Eltern und Erziehern per Dekret unterbinden? Wenn die Betroffenen der Meinung sind, die jeweils freiwillig vereinbarte Entscheidung entspreche dem gemeinsamen Wärmeempfinden? Kulturen entwickeln sich, sie lassen sich nicht verordnen.

Bei aller gewünschten Freiwilligkeit, nötigt uns jedoch die jeweilige Kultur ein gewisses Maß an Anpassungsfähigkeit ab: Wer seinen neuen Job in einem Unternehmen mit Duz-Kultur antritt, der tut sich womöglich keinen Gefallen damit, auf dem Sie zu beharren. Wer meint, an altbackenen Redewendungen wie „Fräulein Anneliese, dürfte ich Sie bitten, …“, festhalten zu müssen, darf sich nicht wundern, als altmodisches Relikt zu gelten. Und wer als Lehrerin glaubt, eine größere Nähe zu den Schülern herzustellen, weil diese Sie nun Katrin nennen dürfen, der sollte sich genau überlegt haben, ob hier wirklich die Lösung des Problems liegt.

Kurzum, in einer aufgeklärten Gesellschaft ist es an uns, „Höflichkeit und feine Sitte“ immer wieder aufs Neue zu definieren, um den Grad an Freiheit und der damit verbundenen Freiwilligkeit, den wir uns und anderen zutrauen, zu bestimmen. Das mag anstrengend sein – es ist aber der Preis, den zu zahlen wir für unsere gemeinsame Freiheit bereit sein sollten! Ob wir uns bei dieser gemeinsamen Suche duzen oder siezen, das ist nur eine von vielen Fragen, auf die wir Antworten finden müssen.

10 Tipps weitere Tipps zum Duzen und Siezen

  1. Sei stets aufmerksam, was die Situation erfordert.
  2. Komme anderen nahe ohne ihnen auf die Pelle zu rücken.
  3. Wahre die Distanz um die Nähe zu kommen.
  4. Mit einem „Sie“ zu Beginn kann man wenig falsch machen. Lieber als ein wenig steif erscheinen als grenzüberschreitend.
  5. Wenn Sie ungefragt geduzt werden, bricht nicht die ganze Welt zusammen. Bleiben Sie freundlich.
  6. Wer den Weg vom „Sie“ zum „Du“ geht, kommt schwer zum „Sie“ zurück.
  7. „Du“ und „Sie“ regeln die optimale Nähe und Distanz. Sie vertragen keinen Zwang.
  8. Biete nur denen das „Du“ an, die mehr Nähe wünschen.
  9. Sage weder „Du“ noch „Sie“ Arschloch 😉
  10. Schlage jede Regel – auch diese – in den Wind, wenn du anderen eine Peinlichkeit ersparen kannst.
Share This