Nachdenken erweitert die Willensfreiheit. Wenn Hans sich schon nicht in der Lage sieht, seinen eigenen Freiheitsspielräumen auf die Spur zu kommen, so ist er doch in der Lage, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob er den Normen und Leitideen einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung zustimmen kann oder nicht. Die wenigsten von uns sind beispielsweise dazu in der Lage, durch eigenes Nachdenken die Ideen von Freiheit und Verantwortung auch nur annähernd auf einen solch prägnanten Satz zu bringen, wie er im Artikel 1 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ festgeschrieben ist: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“

Man könnte einwenden, dass tagtäglich Freiheiten, Würde und Rechte von Menschen mit Füßen getreten werden und wir uns deshalb nicht allzu sehr auf unsere Vernunft, unser Gewissen und den Geist der Brüderlichkeit verlassen sollten. Ein durchaus ernst zu nehmender Einwand, der jedoch weniger die erkenntnisbezogenen Fähigkeiten des Menschen anzweifelt, Vernünftiges von Unvernünftigem zu trennen, sondern grundlegend infrage stellt, ob sich dieses Nachdenken auch im konkreten Wollen zeigt.

In einer Straßenumfrage der Website politik.de wurden Menschen dazu befragt, wie wichtig ihnen die Menschenrechtslage in ihrem Urlaubsland ist. Die Antwort einer Passantin bringt das mögliche Spannungsverhältnis zwischen dem eigenen Wollen und dem Wollen anderer auf den Punkt: „Klar sollte man darüber nachdenken, aber andererseits möchte ich auch gerne Urlaub machen.“ Ein ebenfalls befragter Mann hat seine Entscheidung darüber, welchem Wollen er Vorrang einräumt, bereits getroffen: „In diesem Fall wäre es mir wahrscheinlich egal, weil ich schon Geld dafür ausgegeben habe, um in einem anderen Land meinen Spaß zu haben und andere Sachen zu sehen. Deswegen wäre ich in diesem Sinne eher politisch ignorant.“ Zwei befragte Frauen geben an, solche Länder nicht bereisen zu wollen oder sich zumindest im Vorfeld der Reise zu informieren, ein Mann mutmaßt, dass die meisten Touristen „sich um so etwas nicht kümmern, weil das eigene Bedürfnis, endlich mal abzuschalten, im Vordergrund steht“.

Unsere Willensfreiheit erlaubt uns, das eigene Wollen mit dem Wollen anderer abzugleichen und eine Entscheidung darüber zu treffen, welchem Wollen wir dem Vorrang einräumen wollen. Dabei besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass der eigene Spaß oder das eigene Bedürfnis nach Erholung durchaus mit den Bedürfnissen anderer in einem Konfliktverhältnis stehen können. Weniger eindeutig ist jedoch die Antwort auf die Frage, wie beide Bedürfnisse miteinander vereinbar sind. Wer sich gegen „politische Ignoranz“ entscheidet und die Frage nicht mit dem unpersönlichen „man“ beantwortet, der sieht sich plötzlich mit der Frage konfrontiert, wie er sich verhalten soll: Wie kann er einerseits Verantwortung – in diesem Fall für die von ihm als vernünftig anerkannten Menschenrechte – zeigen und andererseits seinen wohlverdienten Urlaub antreten?

Wenn der schon erwähnte Philosoph Peter Bieri davon spricht, dass das Nachdenken unsere Willensfreiheit beständig erweitere, dann befinden wir uns mit Ihnen nun mittendrin in diesem Nachdenken. Und das Schöne ist, die Erweiterung unserer Willensfreiheit birgt noch weitere Versprechen: erweiterte Handlungsspielräume und Freiheit von Willkür. Die gibt es allerdings nur jenseits aller politischen Ignoranz und in der ersten Person, das heißt in der Ichperspektive.


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