In den 1990-er Jahren startete die Stadt Amsterdam ein interessantes Projekt: Sie stellte ihren Bürgern unentgeltlich Fahrräder zur Verfügung, ohne Schloss, nur mit der Bitte, diese doch wieder abzustellen, sobald man sie nicht mehr bräuchte. Einige Wochen später lag die eine Hälfte der schönen Hollandräder zerstört in den Grachten, und die andere Hälfte wurde auf Flohmärkten zum Verkauf angeboten.

Die bloße Hoffnung auf die verantwortungsvolle Haltung eines jeden reicht also offenbar nicht aus, um Idealen zur Durchsetzung zu verhelfen. Vertrauen ist gut, Kontrolle aber auch, und Strafe ist die Ultima Ratio. Denn schon wenige Ausrutscher reichen, um eine schöne Idee in reale Frustration zu verwandeln.

Ideen und Ideale sind in höchstem Maße schutzbedürftig. Ständig sind sie bedroht von unseren natürlichen Motiven. Die drei wohl bekanntesten lauten:

  1. Wenn wir es nicht tun, dann tun es andere.
  2. Wir machen nichts, weil auch andere etwas tun könnten. Und:
  3. Wir fahren auf dem Trittbrett, solange uns keiner auf die Füße tritt.

Das ist unsere Natur. Wir nehmen mit, was wir kriegen können, bevor es andere bekommen. Wir stehen dabei, warten, bis andere etwas tun, und wir sparen unser Geld, solange sich genügend andere finden, die das ihre ausgeben. Ist doch nur menschlich!

Ein fauler Apfel – und schon bricht der ganze Baum zusammen. Ein schwarzes Schaf – und schon färbt sich die ganze Herde grau ein. Aus Diskussionen über die Verfehlungen Einzelner werden Klagen über das Versagen von Institutionen, und schließlich steht das ganze System am Pranger. Ackermann, Siemens und die Finanzkrise lassen grüßen.

Eine Handvoll Barbaren, denen ihr Geldbeutel und ihr Spaß an der Zerstörung mehr bedeutet als die nächste Fahrradtour, zerstören im Handumdrehen die Hoffnung, dass dem Menschen an mehr gelegen sein möge als an seinem eigenen unmittelbaren Vorteil. Die Natur ist stärker, sie ist urwüchsiger und rückt der Kultur ständig zu Leibe. Je einfacher es uns gemacht wird, die Folgen unseres Handelns für andere zu vernachlässigen, je einfacher es ist, nicht einstehen zu müssen und andere die Zeche zahlen zu lassen, desto eher werden die natürlichen Kräfte überhand gewinnen und mit spöttischem Blick auf die ehrlichen Dummen herabblicken.

Umso gesichtsloser die Folgen des eigenen Handelns erscheinen, umso geheiligter werden die Mittel, die wir anwenden und desto unreflektierter wird der Zweck, der diesen zugrunde liegt. Was Verantwortung demnach zu allererst braucht, ist ein konkretes Gegenüber, die Möglichkeit, den Auswirkungen des jeweiligen Handelns ein Gesicht zu geben.

Wenn uns wirklich an mehr Verantwortung gelegen ist, wenn es tatsächlich heißen soll:

  • Wir überlegen uns, ob wir etwas tun wollen, egal, ob andere es tun.
  • Wir greifen ein, egal, ob andere danebenstehen.
  • Wir beteiligen uns aus freien Stücken, ob andere eine Beteiligung einfordern oder nicht.

Dann müssen wir dieser Verantwortung ein Gesicht geben, ein leuchtendes Antlitz.


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