Freiheit und Verantwortung. Hundert Jahre später war die Aufbruchsstimmung der Aufklärung bei Friedrich Nietzsche bereits einer tiefen Melancholie gewichen: „Gott ist tot! Wir aber sind frei: was wisst ihr von der Qual der Verantwortung gegen sich selbst!“ Auch die Einsicht von existenzialistischen Denkern des 20. Jahrhunderts wie Jean-Paul Sartre, dass jede Situation, in die wir geraten, letztlich selbst gewählt sei, man jedoch immer die Freiheit besitze, sich zu entziehen und sei es durch Zuhilfenahme eines Stricks, klang wenig tröstlich.

Da stand der Mensch nun mit seinem Gewissen, zur Freiheit verdammt, und wurde ständig daran erinnert, dass er sich für oder gegen Verantwortung entscheiden müsse. Dass Verantwortung lästig sein kann, war ja bereits bekannt, aber dass man als freier Mensch vom Regen der Verantwortung in die Traufe der Freiheit käme, war eine im höchsten Maße beunruhigende Nachricht.

Und je größer die Freiheit wurde, desto länger wurde der Schatten der Verantwortung. Es galt, selbstständige Antworten auf die Fragen nach einem geglückten Leben zu finden. Die Freude darüber, nun selbst zur letzten Instanz von Freiheit und Verantwortung geworden zu sein, wich allzu bald der Erkenntnis, dass es nicht unbedingt einfacher wurde mit dem Anspruch, sich jeden Morgen im Spiegel in die Augen sehen zu können.

Freiheit heute – Und wo bleibt die Verantwortung?

Doch so leicht ließen wir uns nicht unterkriegen. Wir wollten unsere Freiheit in die eigenen Hände nehmen, und wir haben davon reichlich Gebrauch gemacht. Der menschliche Eigennutz wurde vom Makel des Sündhaften befreit. Mit der Marktwirtschaft haben wir ein System entwickelt, das ein wunderbares Versprechen gibt: jeder, wie er will, zum Wohle aller. Mehr Eigenliebe, gelenkt durch die unsichtbare Hand des Marktes, macht alle glücklich. Wohlstand und persönliche Freiheit waren nicht länger das Privileg der Privilegierten sondern das Recht eines jeden:

  • Wir haben Staaten geschaffen, in der die Souveränität beim Volk und nicht in den Händen weniger liegt. Wir genießen Wahlfreiheit, wir können uns unsere Frauen, Männer, Freunde und Freundinnen selbst aussuchen, die Politiker und Parteien, die wir wählen, die Zeitungen und Bücher, die wir lesen, die Fernseh- und Radioprogramme, die durch unsere Wohnzimmer flimmern oder unsere Autos beschallen, die Produkte, die wir kaufen oder anbieten wollen, unsere Ausbildung oder unser Studium.
  • Wir haben gut bezahlte Politiker und deren hochgradig spezialisierte und qualifizierte Staatssekretäre, um die Geschicke einer modernen Demokratie effektiv zu unserem Wohle zu lenken.
  • Wir sind Bürger eines Staates, der uns Abwehrrechte gegen ihn selbst zusichert! Freie Meinung, freies Eigentum, freie Entfaltung der Persönlichkeit, körperliche Unversehrtheit, Gleichberechtigung, Glaubensfreiheit, freie Versammlung, die Freiheit vor Diskriminierung, betriebliche Mitbestimmung, freie Kunst, freie Wissenschaft, freie Berufswahl, das Postgeheimnis oder die Unverletzlichkeit der Wohnung – alles inklusive.
  • Wir gehören zu denen, die frei und gleich an Rechten und Würde geboren, mit Vernunft und Gewissen ausgestattet und einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen sollen, wie uns der Artikel 1 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ aus dem Jahre 1949 zu verstehen gibt.
  • Wir haben die Idee des Eigennutzes eigenmächtig verfeinert, indem wir mit der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland eine Wirtschaftsordnung eingeführt haben, die freien Marktzugang, freie Preisbildung und Vertragsfreiheit garantiert, die sich selbst überlassenen Märkten nicht über den Weg, aber den auf ihnen handelnden Menschen einiges zutraut, um für mehr Wohlstand in unserem Lande zu sorgen.
  • Wir haben ein soziales Netz der staatlichen Sicherung gespannt, das denjenigen, die nicht oder nicht mehr, sei durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit bedingt am „freien Spiel der Kräfte“ teilnehmen können, ein menschenwürdiges Leben ermöglichen soll.
  • Wir haben eine rechtlich geschützte Pressefreiheit und in Deutschland neben dem privaten Fernsehen das gebührenfinanzierte Fernsehen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das sich auf einen Bildungsauftrag verpflichtet hat.
  • Wir teilen die Vorstellung, dass freier Zugang zur Bildung die Selbstbestimmung des Einzelnen befördern soll und zu einer menschlicheren Gesellschaft beizutragen habe.
  • Wir haben im Prinzip die Zukunft zur Richtschnur für die Verantwortung gemacht. Wir haben die Fragen, die einst ein Umweltminister in Turnschuhen stellte, ganz oben auf die politische Agenda gesetzt. Wir sind dabei Antworten zu finden, wie wir den zukünftigen Generationen eine Welt überlassen können, in der nicht der letzte Baum gerodet wurde und die Staatsverschuldung noch mehr Nullen aufweist als ohnehin schon.
  • Wir haben den Wissenschaften freie Hand gegeben, die sich mit unseren Nervensystemen beschäftigen. Biologen, Mediziner und Physiker erforschen die Mechanismen, die unsere Lebensvorgänge steuern, und wir erwarten von der Psychologie, den letzen unbekannten Winkeln unserer Seele auf die Spur zu kommen. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften haben wir mit der Untersuchung beauftragt, nach welchen Mustern wir unter welchen sozialen Bedingungen Entscheidungen treffen.

Kein schlechtes Fundament: Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte als Bedingungen eines freien Lebens. Wir waren wahrlich nicht untätig, um der Freiheit zu mehr Geltung zu verhelfen. Wir haben uns einiges zugetraut, und die Ergebnisse können sich sehen lassen. Und auch wenn die Menschheit im 21. Jahrhundert noch weit von paradiesischen Zuständen entfernt ist, so hat sie doch ein nicht unbedeutendes Stück auf ihrem Weg zurückgelegt. Wir haben die Idee von Freiheit und Verantwortung verallgemeinert, institutionalisiert, und wir leben diese Idee.

Da könnte man doch meinen, alles sei in bester Ordnung. In Ordnung vielleicht, aber in bester? Da sind wir in unseren Landen so frei wie vermutlich nie zuvor in unserer Geschichte, und trotzdem beschleicht uns bisweilen das Gefühl, es stimme etwas nicht, es laufe etwas aus dem Ruder. Finanzkrise, grenzenlose Gier, Politikverdrossenheit, Terrorismus, Amokläufe, Jugendgewalt, soziale Ungerechtigkeiten, vernachlässigte, misshandelte und verwahrloste Kinder, Menschenrechtsverletzungen und Hungerkatastrophen, Klimawandel und Umweltverschmutzung und religiöse Fundamentalisierung und hedonistische Vertrashung.

Na ja, so ganz prima scheint es nicht zu laufen, allen unseren freiheitlichen Bemühungen zum Trotz. Woran liegt das? Haben wir etwas Wesentliches übersehen bei der Verwirklichung unserer freiheitlichen Bestrebungen? Haben wir den vollmundigen Versprechungen der Freiheit mehr geglaubt als den leidenschaftlichen Appellen an unsere Verantwortung? Haben wir es versäumt, unseren Freiheiten verantwortungsvolle Grenzen zu setzen?

Das kann doch gar nicht sein! Wir haben doch alles nach bestem Wissen und Gewissen organisiert. Wer würde ernsthaft behaupten, wir wären unserer Verantwortung nicht nachgekommen? Wir haben doch wirklich alles unternommen, um dem Einzelnen mehr Freiheitsräume zu geben, wir haben Verantwortung gesellschaftlich bestmöglich verankert und keine Mühen gescheut, den Möglichkeiten und Beschränkungen unserer Gehirne, Seelen und den sozialen Bedingungen unseres Handelns auf die Spur zu kommen. Jeder kann sich auf die ihm gegebenen Freiheiten konzentrieren, während gesellschaftliche Institutionen und Systeme in der Verantwortung stehen, diese Freiheiten zu schützen.

Vielleicht liegt genau hier der Kern des Problems. Vielleicht sprechen ja immer mehr Menschen von einer tief greifenden Verantwortungskrise, weil wir etwas getrennt haben, was zusammengehört: persönliche Freiheit und persönliche Verantwortung. Vielleicht haben wir bewusst oder unbewusst einen Zustand der Unverbundenheit geschaffen, in dem sowohl die Freiheit unseres Willens als auch unser Wille zur Verantwortung zusammenschrumpfte.

Share This