„Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben, sei, keiner Freunde zu bedürfen; aber jeder Mensch von Gefühl bedarf Freunde – und sollte es denn wirklich so schwer sein, in dieser Welt treue Freunde zu finden?“, schrieb mein Ahnherr über Freundschaft. Auch wenn ich Sie nicht kenne, so halte ich Sie doch für einen Menschen mit Gefühl! Daher nehme ich mir das Recht heraus, Sie zu denen zu rechnen, die Freunde brauchen und sich gleichzeitig glücklich schätzen dürfen, treue Freunde gefunden zu haben. Und mit der Stimme Adolph Freiherr Knigges möchte ich Ihnen zurufen: „Hast Du einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre ihn auch!“ Wer sich also von mir Antworten auf die Frage erhoffte: „Wie finde ich einen guten Freund?“, den muss ich enttäuschen. Wem hingegen daran gelegen ist, seine guten Freunde auch zukünftig als solche bezeichnen zu können, dem vermag ich vielleicht noch den einen oder anderen Anstoß zu geben.

knigge freundschaft
Friends will be friends.

Womit sollte ein Kapitel über Freundschaft anders beginnen, als mit einer Ode an jene zwischenmenschliche Verbindung, die für Epikur „von allen Geschenken, die uns das Schicksal gewährt“, das größte Gut ist. Für den griechischen Philosophen bedeutete nichts größeren Reichtum und Freude als die Freundschaft.

Freundschaft ist Reichtum

Geschenk, Gut, Reichtum und Freude? Epikur zeichnet ein Bild der Superlative. Doch dessen irdische Entsprechung sieht bisweilen ganz anders aus. Da meldet sich die beste Freundin eine ganze Woche nicht, der beste Freund hat nur noch seine Familie im Kopf, da gehen Freundschaften in die Brüche, ziehen lieb gewonnene Menschen in andere Städte oder bringen uns mit ihrer Unzuverlässigkeit zur Weißglut. Von wegen Geschenk! Zumutung! Freundschaften fordern uns oft so sehr, dass wir uns schon so manches Mal dabei ertappten, das so hoch gelobte Geschenk des Schicksals umtauschen zu wollen oder bei eBay zu versteigern! „Irgendwann ist auch mal Schluss! Ich lass mich jedenfalls nicht mehr zum Narren halten!“

Doch bevor Sie etwas Unüberlegtes tun, lesen Sie doch lieber die folgenden Zeilen oder schlafen eine Nacht drüber, bevor Sie ein so hohes Gut Ihrem – sicherlich nachvollziehbaren – Ärger opfern! Haben Sie denn wirklich die nächtelangen Gespräche, als Sie eine tröstende Schulter benötigten, die gemeinsamen Partys und Konzertbesuche, den gemeinsamen Humor, mit dem sich auch schwierige Situationen meistern ließen, die Besuche am Krankenbett, das Gefühl, jederzeit anrufen zu können, die Komplimente für Ihr neues Kleid, die gemeinsamen Abenteuer, Urlaube und Dummheiten vergessen? Und das wollen Sie wegwerfen? Nur, weil der/die andere unpünktlich ist, zu viel redet, einen unsympathischen Freund oder eine zickige Ehefrau hat, den Hintern nicht hoch kriegt, Sie auch mal wieder zum Essen einladen könnte, einen Karrierensprung gemacht hat und keine Lust hat, im Urlaub das Forum Romanum, den Vatikan und die Engelsburg an einem Tag abzuklappern

„Wie war der Urlaub?“ – Freundschaft Bewährungsprobe

Es gibt Menschen, die behaupten steif und fest, mehr als einen, maximal zwei gute Freunde habe man nicht im Leben. Ich finde, so pauschal kann man das nicht sagen. Lautete der Satz hingegen, es gebe nur ein oder zwei Menschen, mit denen ich in Urlaub fahren würde, dann wäre ich zur Pauschalierung bereit. Der gemeinsame Urlaub ist eine Herausforderung für jede Freundschaft, er wird sogar zur Existenzbedrohung, wenn man beschließt, statt einer gleichgeschlechtlichen Zusammensetzung die Variante des Pärchenurlaubes zu wählen! Und selbst Loriot, der des Machogehabes gänzlich unverdächtige Grandseigneur des deutschen Humors, wusste ja zu berichten, dass Frauen und Männer einfach nicht zusammenpassen. Vermutlich machte er diese Aussage kurz nach einem missglückten Pärchenurlaubes, denn schließlich ist er selbst bereits seit 55 Jahren mit der gleichen Frau verheiratet! Doch so pauschal sollte man den Urlaub zweier oder mehrerer Paare nicht verdammen.

Unbestritten ist hingegen, dass Ausflüge von reinen Männer- oder Frauengesellschaften in der Regel erheblich reibungsloser verlaufen als die von gemischt geschlechtlichen Reisegruppen. Bevor ich mich jedoch der Geschlechter-Apartheid verdächtigt mache und beginne, den pittoresken südeuropäischen Dorfplätzen zu huldigen, auf denen die männlichen Dorfbewohner rauchend und Karten spielend auf der einen Seite sitzen und ihre Ehefrauen es sich in angeregter Unterhaltung hundert Meter entfernt auf der gegenüberliegenden Seite bequem gemacht haben, möchte ich doch lieber zum Kern der Kapitels vorstoßen: Ja, ich glaube, dass Urlaube unter Freunden eine Bewährungsprobe sind! Ich glaube aber auch, dass sich Vorsorgemaßnahmen ergreifen lassen, um nachhaltige Katastrophen zu verhindern.

  • Bevor Sie sich für einen gemeinsamen Urlaub entscheiden, sollten Sie annähernd wissen, mit wem Sie es zu tun haben.

Haben Sie mit den „Auserwählten“ schon einmal längere Zeit verbracht, Übernachtung inklusive? Sind Ihnen Dinge aufgefallen, die sich in einem zweiwöchigen Urlaub potenzieren könnten? Fahren Sie doch mal zwei Tage gemeinsam nach Holland oder an die Nordsee, und scheuen Sie sich nicht, das Ganze als Test zu deklarieren, schließlich dürften Ihre potenziellen Reisepartner ähnliche Sorgen und Befürchtungen haben wie Sie selbst.

  • Vergessen Sie nicht: Im Urlaub gibt es kein eindeutiges Gastgeber-Gast-Verhältnis.

Selbst wenn Sie in Ihr Ferienhaus fahren, sollte sichergestellt sein, dass man sich die gemeinsamen Arbeiten teilt. Wer nach drei Tagen bereits das Gefühl hat, der andere könnte ja auch mal mit anpacken, der riskiert die eigene, so dringend notwendige Erholung! Es ist Ihr Ferienhaus, Ihre Küche, Ihr Garten? Wenn Sie auch so auftreten, werden Sie weder in den Genuss von Jens’ Kochkünsten kommen, noch von Miriams grünem Daumen profitieren. Nehmen Sie Abstand von Ihrer Gastgeberrolle! Lernen Sie Neues kennen und Ihre Art zu kochen, zu putzen, den Rasen zu sprengen und einzukaufen nicht als den einzigen Weg zu betrachten. Entspannen Sie sich, Sie haben Urlaub!

  • Wählen Sie ein Urlaubsziel, das allen Beteiligten ausreichend Freiräume gewährt, und machen Sie bereits im Vorhinein deutlich, dass Freiräume dazu da sind, selbige zu ergreifen.

Freundschaft genießen

Wer es gewohnt ist, sich mit Trekking, Mountainbiking oder Ähnlichen zu beschäftigen, der wird es wenig angebracht finden, den ganzen Tag lesend am Strand zu verbringen oder jede Dorfkirche auf ihren kulturellen Gehalt zu überprüfen und umgekehrt! Wenn Sie mit einem oder mehreren Pärchen und Kindern unterwegs sind, sorgen Sie für freie Tage. Passen Sie auf die Kinder – wenn das Alter es zulässt – auf, und ermöglichen Sie Pärchen- Männer- und Frauenabende! Das ständige Suchen und Finden des kleinsten gemeinsamen Nenners ist selten ein erstrebenswertes Ziel; im Urlaub gefährdet es sogar den inneren Frieden.

  • Unterschätzen Sie besondere Lebenssituationen nicht!

Wer zum ersten Mal mit Kindern verreist, noch nie mit einer größeren Gruppe unterwegs war oder Großstädte nur aus dem Fernsehen kennt, der wird sich erst mal mit den neuen Herausforderungen abfinden müssen. Erwarten Sie nicht, dass alles stillschweigend glatt läuft. Ich halte zwar nichts von schriftlichen Rechte- und Pflichtenkodizes, grundsätzliche Absprachen sind jedoch immer dann zu empfehlen, wenn sie sich selbst als konfliktscheu bezeichnen würden und Ihre Mitreisenden als extrem sensibel einstufen würden! Wenn bereits die leiseste Kritik oder gar angebotene Hilfe auf vehementen Widerstand treffen könnte, dann regeln Sie bestimmte Dinge lieber im Vorfeld, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.

  • Jede Beziehung ist Krisen unterworfen. Doch wenn es zwischen Ihnen und Ihren Freunden oder gar zwischen Jens und Miriam bereits im Vorfeld kriselt, nehmen Sie Abstand von Ihrem gemeinsamen Vorhaben!

Nichts wäre törichter, als den gemeinsamen Urlaub als Friedensmission zu betrachten, nichts anstrengender als eine angeschlagene Ehe, deren Partner sich bemühen, die Fassade zu wahren, zu kitten oder, im schlechtesten Fall, die eigenen Konflikte offen auszutragen.

  • Klären Sie im Vorfeld, wie Sie die finanziellen Dinge regeln wollen.

Gibt es eine gemeinsame Urlaubskasse? Was soll davon bezahlt werden? Was wird im Nachhinein wieder herausgerechnet, weil Antje keinen Käse mag, Luigi keine Nudeln isst, Jean keinen Rotwein trinkt oder Dörte sich vor Fischen ekelt? Wie Sie es auch machen, welche Toleranzen Sie auch gewähren, gewöhnen Sie sich an, im Ausland auf getrennte Rechnungen im Restaurant zu verzichten, auch wenn Dominiks Hauptspeise drei Euro teurer war als Ihre.

  • Gemeinsamer Urlaub bedeutet Anpassung und gegenseitige Unterstützung. Zügeln Sie Ihr Ego!

Sie glauben gar nicht wie sehr „asoziales“ Verhalten im Urlaub den Ruf der betreffenden Person auf Dauer zu schädigen vermag. Sie wussten nicht, dass die anderen auch gerne Croissants zum Frühstück essen? Sie sehen gar nicht ein, den Käse mitzubezahlen, wo Sie doch selbst keinen mögen? Selbstredend nehmen Sie Ihr mitgebrachtes Nutella wieder mit nach Hause? Ach, Sie dachten die anderen kaufen gerne ein, und übertreiben müsste man es mit dem Aufräumen auch nicht? Warum jetzt niemand mehr mit Ihnen in den Urlaub fahren will? Keine Ahnung, das kann ich mir auch nicht erklären …

Weitere Informationen:

Knigge über Gastfreundschaft: gebetene und ungebetene Gäste
Freundlichkeit Knigge
Wer war Adolph Freiherr Knigge, Moritz Knigge?
https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Freiherr_Knigge

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