Verbundenheit – Das geht mich etwas an!

Wie sähe es unsere um Verantwortung aus, wenn wir alles, was wir mühsam getrennt haben, wieder zusammenführen würden?

  • Freiheit und Verantwortung als zwei Seiten einer, meiner eigenen Medaille zu verstehen,
  • nicht zwischen Vernunft und Begierde zu trennen, sondern von Wollen zu sprechen,
  • mich nicht hier und die Gesellschaft dort zu sehen,
  • meine Ängste, meine Gefühle, meine Unvernunft genauso als Teil meines Wollens zu betrachteten wie die Anforderungen, Erwartungen und Ansprüche, die meine Mitmenschen, Institutionen und Systeme an mich haben,
  • meinem Gewissen zu folgen und nicht auf die Mechanismen des Systems zu verweisen,
  • mit meinem inneren Schweinhund Frieden zu schließen und äußere Bedingungen nicht mehr als Zwänge, sondern als Entscheidungshilfen zu begreifen.

Es bedeutet, das Leben ungezwungen, selbstbewusst, und verständnisvoll zu führen. In Verbundenheit. Führt das zu was? Wir glauben schon. Und zwar dann, wenn man davon ausgeht, dass jeder von uns alles, was er tut, deshalb tut, weil er es tun will. Jeder von uns tut stets das, was er will, niemand handelt gegen seinen eigenen Willen.

Niemand handelt gegen seinen eigenen Willen? Jeder tut, was er will? Ist das nicht eine gewagte These? Ja, aber wir benötigen einen radikalen Ausgangspunkt für unsere Überlegungen.

Natürlich können wir weiterhin darauf pochen, dass man eigentlich gegen den eigenen Willen gehandelt hat, weil man zu etwas gezwungen wurde. Selbstverständlich kann man auf die Umstände, die einem keine andere Wahl lassen, auf die inneren Schweinehunde, die einem tagtäglich das Leben zur Hölle machen oder auf unsichtbare Hände verweisen, die irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen. Wir können uns eingestehen, mal wieder schwach geworden zu sein, wir können dafür werben, eigentlich ganz anders zu sein, nur nicht dazu zu kommen. Wir können auf Zeitnot, volle Terminkalender oder auf die Folgen verweisen, die dieses Tun oder jenes Unterlassen für uns hätte. Wir können uns damit entschuldigen, dass uns immer und überall die Hände gebunden sind, dass wir ständig mit dem Rücken zur Wand stehen.

Doch machen wir uns nichts vor:

Wir werden nicht gezwungen. Wir suchen nach Ausreden und Ausflüchten, die das eigentliche Ziel, den tatsächlichen Zweck unseres Handelns verschleiern sollen. Das gilt selbst für die Extreme unseres Lebens. Situationen, in die keiner von uns geraten möchte, die aber an dieser Stelle für unser Gedankenexperiment notwendig sind. Notwendig, um die Perspektive zu verstehen, aus der Verantwortung erst verstehbar wird: Niemand kann gezwungen werden, einem anderen Menschen Leid anzutun, ihn zu foltern, ihn zu ermorden und sein Wollen über das Wollen eines anderen zu stellen. Keiner zwingt uns dazu, es ist, es bleibt unsere Entscheidung.

Wir entscheiden uns dafür. Wir entscheiden uns dafür, jemand auf Geheiß eines anderen zu erschießen, mit Druck zu einem Geständnis zu bewegen, preisgünstigen statt fair gehandelten Kaffee zu kaufen, Schmiergelder zu zahlen, uns korrumpieren zu lassen, uns zu wenig um unsere Kinder zu kümmern, Steuern zu hinterziehen, der Boulevardpresse Glauben zu schenken, unsere beste Freundin nicht zurückzurufen oder „Ego-Shooter“ zu spielen, statt Hausaufgaben zu machen.

Wir haben unsere Gründe. Wir wollen am Leben bleiben, wir wollen nicht selber das Opfer von Unterdrückung und Gewalt werden, wir wollen wenig Geld ausgeben, einen Auftrag gewinnen oder die Macht genießen, am längeren Hebel zu sitzen, wir wollen uns entspannen und nicht Verstecken spielen, mehr Geld in der Tasche haben, lieber fernzusehen, als zu klönen, und lieber zu ballern, als Wurzeln zu ziehen.

Das Erste, womit wir wieder Verbindung aufnehmen müssen, ist unser eigenes Wollen. Und da schadet eine gewisse „protestantische Strenge“ im Denken nicht. (Ein wenig gnädiger mit sich selbst und anderen umzugehen, dazu werden wir noch kommen.) Radikal ehrlich und schonungslos. Keine Ausreden, keine Ausflüchte mehr! Keine Rechtfertigung, warum etwas nicht geht, keine Prognosen, was passieren würde, wenn man dies oder jenes täte, keine inneren Schweinhunde, keine äußeren Zwänge, keine Hinweise darauf, warum es unser wirtschaftliches oder politisches System schon richten werde. Kein ruhiges Gewissen mehr, das Ende aller Gewissheiten. Gute Gründe dafür, warum wir etwas tun oder unterlassen, finden sich immer, das ist keine Frage, sollen aber jetzt keine Rolle spielen.

Was zählt, ist, sich selbst Rechenschaft darüber abzulegen, warum man so handelt, wie man handelt. Verantwortung findet im Hier und Jetzt und nicht im Konjunktiv statt. Deshalb sollten wir zunächst auf größtmögliche Distanz zu unserem geschäftigen Alltag gehen und uns dem zuwenden, was wir tagtäglich tun oder unterlassen. Wir sollten den Lauf durch unser Hamsterrad für einen kurzen Moment unterbrechen und uns ein paar Fragen stellen. Verschnaufpause!

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