„Sieht doch gut aus!“ – Mein persönlicher Geschmack

Eine Benimmexpertin hat mir auf ihrer Homepage einmal den der „Fettnapf des Monats“ verliehen, weil ich rote Strümpfe tragen und damit nicht den Benimmregeln meines Vorfahrens entsprechen würde! Als Träger des Namens Knigge steht man nun einmal unter besonderer Beobachtung, dessen muss man sich bewusst sein. Und warum sollte es mir in dieser Hinsicht anders gehen als meinem berühmten Vorfahren?

So las ich vor einiger Zeit in einer lokalen Zeitung unter der Rubrik „Wussten Sie schon …?“ folgendes: „dass Freiherr Adolf von Knigge, der später sein Buch der Benimmregeln herausgab, als Hofjunker am landgräflichen Hof zu Kassel arbeitete und dort wegen schlechten Benehmens entlassen wurde?“. Und wie heißt es so schön? Ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt es sich ganz ungeniert! Daher trage ich immer noch rote Strümpfe, während mein Urahn trotz seines schlechten Benehmens doch tatsächlich die Dreistigkeit besaß, ein Buch über den Umgang mit Menschen zu schreiben. Ganz in der Tradition dieses „ungenierten Verhaltens“, scheue ich mich an dieser Stelle nicht, Ihnen nun meine radikal subjektive Sicht der gelungen Garderobe näher zu bringen. Über Geschmack lässt sich nicht streiten? Gut so! Das ist meiner:

  • Zum Cut trage ich eine beige Weste und ein kariertes Hemd.
  • Ich bin kein Freund des Kummerbundes.
  • Ich bin ein Freund der Krawatte und würde niemals ein Button-Down-Hemd dazu tragen oder den obersten Hemdknopf aufmachen und den Knoten der Krawatte lockern.
  • Manschettenknöpfe sind für Männer ein schönes Schmuckstück.
  • Ich würde keine Budapester zum Smoking tragen.
  • Eckige, quadratische oder spitze Schuhe besitze ich nicht, Turnschuhe natürlich.
  • Ich liebe Einstecktücher. Sie sollten jedoch immer aus einem anderen Stoff sein als die Krawatte.
  • Ich trage Anzüge, wenn es der Anlass erfordert, ziehe jedoch die Kombination vor.
  • Ein Leben ohne karierte Jacketts kann ich mir nicht vorstellen.
  • Ich schätze maßkonfektionierte Hemden, Jacketts und Anzüge.

„Das geht gar nicht!“ – Die sieben Todsünden beim Outfit.

„Nennen Sie bitte sieben Sünden, die bei der Wahl des persönlichen Outfit niemals begangen werden sollten“, bat mich einmal mein journalistischer Gesprächspartner am Ende unseres Interviews. Das Wort Sünde schien es ihm besonders angetan zu haben. Ich beschloss daher, mir selbst die Frage zu stellen, ob sich wohl die sieben christlichen Todsünden auf den Gegenstand des „richtigen“ Umgangs mit der eigenen Kleidung und der Kleidung anderer anwenden ließen. Mit dem alleinigen Ziel, allen Beteiligten ein möglichst angenehmes Klima im Umgang untereinander zu ermöglichen. Hier das Ergebnis meiner Analyse:

Eitelkeit. Das „Leben und Sterben vor dem Spiegel“ mag die Devise des Dandys sein, in weniger prätentiösen sozialen Kontexten werden Sie auf Widerstände stoßen und Missgunst provozieren. Verzichten Sie als Abteilungsleiter darauf, Ihren Geschlechtsgenossen im Vorstand ästhetisch den Rang ablaufen zu wollen, verkneifen Sie sich im Kreis Ihrer Freundinnen den Anspruch, in modischen Dingen einen Alleinvertretungsanspruch zu besitzen. Ein makelloses Äußeres ruft sündige Neider auf den Plan, und die können einem das Leben wirklich zur Hölle auf Erden machen.

  • Vermeiden Sie allzu dandyhaftes Auftreten, kleiden Sie sich nicht prächtiger, als es der jeweilige Anlass erlaubt.

Neid. Selbst wenn Sie Gucci-Taschen scheußlich finden, sollten Sie sich jeglichen Kommentar sparen! Man wird Sie immer für neiderfüllt halten, so sehr Ihre Abneigung gegenüber dem jeweiligen modischen Detail auch Ihrem ästhetischen Bewusstsein entspringen mag. Allein der Umstand, dass Sie in der Lage sind, Marken wie Prada, Bulgari, Hermes, Gucci, Timberland oder La Martina  zu benennen, wird Ihnen zum Nachteil gereichen und Ihren Ruf als neidische Person unterstreichen.

  • Es ist unwürdig, seinen Mitmenschen ihre modischen Accessoires zu neiden, so luxuriös und verschwenderisch diese auch anmuten mögen.

Zorn. Nichts zeugt von weniger Klugheit, als sich auf Kosten anderer zu amüsieren oder diese aufgrund ihres geschmacklosen Äußeren zu kompromittieren.

  • Enthalten Sie sich geringschätziger, spöttischer oder gar wütender Kommentare über das äußerliche Erscheinungsbild anderer, selbst dann, wenn Sie sich für eine Koryphäe des guten Geschmacks halten.

Maßlosigkeit. Nicht jedem ist das Aussehen und Körper eines Jude Law oder einer Keira Knightley in die Wiege gelegt worden. Kein Grund zu verzweifeln! Ab und zu schadet es nicht, sich mit seiner Unvollkommenheit abzufinden und sich auf das zu konzentrieren, was zu einem passt, was Ihnen steht. Wer sagt eigentlich, dass Kleidergröße 34 das Maß aller Dinge ist? Kein Grund, einen dicken Hals zu bekommen. Und wer ohnehin schon einen hat, der muss eben zum Maßkonfektionär und seinen Kragen weiter machen lassen!

  • Finden Sie das richtige Maß für sich.

Trägheit. Natürlich wird niemand zu einem „besseren“ Menschen, weil er chic oder gar individuell gekleidet ist, und es muss ja nicht gleich der silberne Handschuh eines Karl Lagerfeld sein. Aber dessen verbaler Einwurf im Rahmen eines Interviews mit dem „stern“ zum gegenwärtigen urbanen Einheitsbrei ließe sich durchaus als Anregung zu etwas mehr modischen Esprit verstehen: „Heute sehe ich Wintersportmode in der Stadt. Die haben alle lila oder grau-grüne Anoraks an. Man bekommt das Gefühl, dass ein großer Bergsteigerverein die Stadt besichtigt.“

  • Achten Sie auf Ihr Äußeres. Sie müssen ja nicht eine Modelkarriere anstreben, aber so ganz sorglos sollten Sie mit Ihrem eigenen Erscheinungsbild auch nicht umgehen.

Wollust. In einem Interview mit der Modezeitschrift „Vanity Fair“ sagte der Top-Modedesigner Tom Ford über Angelina Jolie, sie sähe mit ihren gigantischen Lippen und Brüsten aus wie eine Comicfigur. „Wir haben angefangen zu vergessen, wie echte Brüste aussehen“, so Ford weiter. Der Wunsch nach dem perfekten Äußeren treibt uns zu Höchstleistungen an. Vor lauter wollüstigen Anstrengungen vergessen wir bisweilen, dem wahren Schönen auf die Spur zu kommen. Einem Schönheitsideal, das sich hinter aufgespritzten Lippen, aufgeblasenen Brüsten, aufgepumpten Bizeps und ausgesaugten Oberschenkeln nicht verstecken muss. Als Wolfgang Joop einmal in einem Interview gefragt wurde, welche Comic-Figur er sich am nächsten fühle, antwortete er, dass ihm dazu eigentlich nur die Figuren von Zille einfielen: „Die können alle über sich selbst lachen.“

  • Solange auch wir über uns selbst lachen können, allen zu großen oder zu kleinen Brüsten zum Trotz, solange ist unsere Suche nach wahrer Schönheit nicht vergebens.

Geiz. Geiz ist geil? Hierbei handelt es sich wirklich um eine neumodische Erkenntnis! Noch nie in der Menschheitsgeschichte war der Geiz eine Tugend, sondern immer ein Laster. Zeitzeugen aller Jahrhunderte können dies bestätigen: sei es der Apostel Paulus, der im Geiz die Wurzel allen Übels wähnte oder Adolph Freiherr Knigge, der im Geiz einer der schändlichsten menschlichen Eigenschaften erblickte. Auch in Sachen Kleidung haftete dem Geizigen immer etwas Diabolisches an. Nach Balzac lebt ein solch unglückliches Wesen „am Rande der Genüsse seiner Zeit“, trägt „vergilbte Gehröcke, deren Garn an den Nähten glänzt“ und schäbige Westen.

  • Geiz ist und bleibt das Gegenteil von Großzügigkeit, und Letztere ist und bleibt ein maßgebliches Zeichen für gute Manieren!

Wem ständig alles zu teuer, als nicht funktional genug erscheint, wer nicht bereit ist, seine Taler zum Schuster, Schneider oder Hutmacher zu tragen und Preise abseits des Schnäppchens zu zahlen, der mag ein guter Kaufmann sein, dem seine Ausstaffierung nicht einmal unangenehm ist – wie aus dem Ei gepellt wird er niemals aussehen!

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