Nicht zuständig? Warum sollten wir uns mit unserer persönlichen Verantwortung auseinandersetzen, wenn wir diese der Zuständigkeit anderer überlassen haben: in den unsichtbaren und sichtbaren Hände des Marktes, der Politik oder den Medien, den Managern, Politikern oder Redakteuren? Warum soll ich mich mit dem Zweck, den Mitteln und den Folgen meines Handelns auseinandersetzen, wenn unser Wirtschaftssystem einer äußerst attraktiven Logik folgt: „Maximiere deinen eigenen Nutzen, und es wird für alle gesorgt sein“? Wenn Zweck, Mittel und Folgen also eine Einheit bilden?

Wir leben in einer hochgradig spezialisierten Gesellschaft. Über allem, was wir tun, liegt der Mehltau der Arbeitsteilung. Das hat gute Gründe, weil diese Spezialisierung die Funktionsfähigkeit des jeweiligen Systems sichert. Für alles gibt es zuständige Spezialisten. Und das ist ja gut so: Wer würde sich schon gerne von einem Arzt operieren, von einem Anwalt vertreten, einem Politiker regieren, einem Banker beraten lassen, die ihr Handwerk nicht verstehen? Es birgt aber die Gefahr, die eigene Verantwortung zu sehr auf den eigenen Bereich zu beschränken.

Und dann wären da noch all unsere natürlichen Eigenschaften, durch die wir angeblich keine andere Wahl haben:

  • Warum sollte ich mich mit meiner persönlichen Freiheit auseinandersetzen, wenn über das, was ich tue oder unterlasse, meine biologischen Muster oder die Struktur meines Nervensystems entscheiden?
  • Laut der Sozialpsychologie sinkt die Bereitschaft, Zivilcourage zu üben, mit der Anzahl der Personen, die Zeugen eines Übergriffes werden („Bystander-Effekt“). Warum soll dann ausgerechnet ich die rühmliche Ausnahme bilden und meine Gesundheit gefährden? Wer kann ernsthaft von mir erwarten, Mitgefühl zu zeigen, wenn die Natur mich dafür nicht ausgestattet hat?
  • Wenn Männer auf Wettbewerb programmiert sind und dieser ein Fundament unserer wirtschaftlichen Ordnung ist, wer kommt eigentlich ständig auf die Idee, Führungskräfte in „Kooperations-Workshops“ zu stecken? Es kommt ja auch keiner auf die Idee, aus einem Autisten einen brillanten Rhetoriker machen zu wollen.
  • Warum sollte ich weniger Fleisch essen? Der Mensch ist nun einmal von Natur aus Fleischfresser und kein Vegetarier!

Berechtigte Fragen, wenn man davon ausgeht, Freiheit sei einerseits eine durch und durch persönliche Angelegenheit und andererseits weitestgehend biologisch festgelegt. Nachvollziehbare Aussagen, wenn man Verantwortung entpersonalisiert und arbeitsteilig organisiert hat. Vor diesem Hintergrund gibt es tatsächlich wenige Gründe, sich mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen.

Warum auch, wenn nicht man selbst, sondern andere in der Verantwortung stehen und dies auch nur zum Teil? Uns ernsthaft zu fragen, wofür wir unsere Freiheit einsetzen wollen, hat wenig Sinn, wenn diese Freiheit einerseits durch biologische und neurologische Muster eingeschränkt wird und andererseits die Regeln des Systems schon dafür sorgen, dass alles seine Ordnung hat.

Doch selbst wenn der „Ort der Verantwortung“, wie manche meinen, in Zukunft nicht mehr beim Einzelnen zu suchen wäre, so müssten wir doch die nächsten Jahre – bis wir uns unserer persönlichen Verantwortung endgültig entledigen könnten und einen Zustand größtmöglicher Unverbundenheit verwirklicht hätten –, irgendwie über die verantwortungsvollen Runden bringen.

Wir wollen die Zeit nutzen, die uns bleibt. Wie wollen wir unsere Vernunft und unser Gewissen dazu einsetzen wollen, uns im Geiste der Brüderlichkeit zu begegnen? Wir können den Versuch unternehmen, in Verbindung zu treten – zu uns selbst und dem, was wir wollen, zu unseren Mitmenschen und dem, was sie wollen und zu der Welt, in der wir leben.

Wollen, aber nicht können? Ein wenig Mut brauchen wir dafür schon. Den Mut, die Welt, in der wir leben mit zu erzeugen und verändern. Als Mitglied einer Gemeinschaft, die Fragen stellt und nach Antworten sucht, wie ein Leben, das auf Selbstachtung, wechselseitigem Respekt und Kooperation beruht, konkret aussehen könnte:

  • Sitzen ist schön, aber Stehen nicht schlimm, wenn jemand anderes den Sitzplatz nötiger braucht als ich.
  • Ein Schnäppchen schont den Geldbeutel, aber belastet das Gewissen, wenn dafür kleine Kinderhände schuften mussten.
  • Natürlich geht es mich etwas an, wenn anderen in der U-Bahn Leid angetan wird.

Wir sind so frei. Wir können uns für eine Freiheit entscheiden, die nicht nur selbst etwas will, sondern auch aufmerksam ist gegenüber dem Wollen anderer, ohne ein Schild dafür zu brauchen, wer auf einem Platz in der Bahn sitzen darf, ohne einen Staat, der einen Mindestpreis für Brathähnchen festlegt. Wir können selbst bestimmen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, deren Bürger Polizei und Security als zuständig, aber sich selbst als verantwortlich betrachten.

Wir können uns selbstbewusst mit dem Zweck unseres Handelns, den eingesetzten Mitteln, und den möglichen Folgen unseres Tuns oder Unterlassens auseinanderzusetzen, ohne auf unsichtbare Hände, äußere Zwänge oder das Verhalten anderer zu verweisen. Dafür müssen wir jedoch die Dinge wieder verbinden, von denen wir uns so tatkräftig befreit haben und unsere Sichtweise radikal verändern. Wir müssten uns vorstellen, wie unser Leben aussehen könnte, wenn wir das Wollen und nicht das Nicht-Können in Augenschein nehmen.

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