Freiheit braucht Grenzen

Aber nur solche, die Freiheit sichern. Wer Grenzen setzt, sollte das wissen. Willkür beginnt jenseits dieser Grenzen.

Die zwei Seiten der Willkür. Zum einen trachtet Willkür danach, die Freiheit eines anderen einzuschränken. Ohne Legitimation, ohne Gesetz, ohne Vernunft, ohne das Recht dazu zu haben und ohne Rücksicht auf Verluste. Nicht der eigenen, sondern die der anderen. Wer Willkür ausübt, tut dies auf Kosten der Freiheit eines anderen. Das ist die eine Seite der Willkür. Die, die uns erschaudern lässt. Die Willkür der Folterknechte, die Menschenrechte mit Füßen tritt, die Willkür von Eltern, die ihre Kinder misshandeln, die Willkür der Zensur, des Hasses auf andere, der Macht, andere ohnmächtig zu machen. Es gibt aber auch eine andere Seite der Willkür.

Es ist die Freiheit, willkürlich handeln zu dürfen, solange der andere diese Willkür ertragen kann. Eine freie Gesellschaft zeichnet sich durch ein hohes Maß an solchen Willkürfreiheiten aus, sie sichert ihren Bürgern diese im hohen Maße zu und verlangt so manchem einiges ab. Erst dann, wenn die Gesellschaft ihren Bürgern eine selbstverantwortliche Konfliktregelung nicht mehr zutraut, werden die Freiheiten eines jeden gesetzlich eingeschränkt, um sie zugleich zu sichern.

Das ist ein anspruchsvolles zivilisatorisches Konzept und in der Umsetzung nicht immer einfach. Wenn wir bei der Zeitungslektüre kopfschüttelnd über den „Krieg der Gartenzwerge“ schmunzeln, ist diese selbstverantwortliche Konfliktlösung wieder irgendwo in Deutschland oder anderswo gescheitert. Unsere Gerichte sind überlastet. Es fällt uns wahrlich nicht leicht, die Willkür unserer Mitmenschen zu ertragen. Aber noch schwerer ist es, uns selbst und anderen unsere eigene Willkür einzugestehen. Den anderen zu ertragen und selbst erträglich zu sein, stellt eine tägliche Herausforderung dar, und das Kopfschütteln des einen über die anderen ist an der Tagesordnung. Wenn es doch nur beim Kopfschütteln bliebe!

Doch statt Gartenzwergen linst Monströseres hervor. Die hässliche Fratze von untergründiger Ausgrenzung und offener Gewalt lauert jenseits der mit Nagelscheren geschnittenen Hecken. Sie ist die sprachlose Sprache derjenigen, die nur sich selbst ertragen, und für die es nicht viel braucht, um an der willkürlichen Harmlosigkeit ihrer Mitmenschen zu verzweifeln. Es sind Menschen

  • die es nicht ertragen, dass sich die Hautfarbe von Menschen unterscheidet,
  • die gleichgeschlechtliche Liebe abstoßend finden,
  • die sich als Auserwählte betrachten und andere als Verdammte,
  • für die es nicht viel braucht, um sich und ihr kleinlich gepflegtes Weltbild aus den Fugen geraten zu lassen,
  • die sich ihrer willkürlichen Betrachtung nicht bewusst sind, die sich kein eigenes Urteil zutrauen und das rheinische Motto „leben und leben lassen“ nicht gelten lassen.

Die grauen Damen und Herren, die wissen, was man zu tun und zu lassen hat, die sich sicher sind, was geht und was nicht geht, sind eine ernst zu nehmende Gefahr für die notwendigen Willkürfreiheiten einer freien Gesellschaft. Sie sind die Gralshüter einer Willkür, die sich als ordnende Kraft wähnt. In Wirklichkeit sind sie die Totengräber einer toleranten Gesellschaft.

Ein kleiner Totengräber steckt allerdings in jedem von uns. Auch wir wissen Bescheid, wie die Dinge zu laufen haben, was zu tun und zu lassen ist. Auch wir schränken die Freiheiten unserer Mitmenschen tagtäglich willkürlich ein, auch ohne Gewalt anzuwenden. Wir kommentieren und bewerten ständig, wir sind die sichtbaren Spitzel unseres eigenen kleinen Regimes. Glauben Sie nicht? Dann gehören Sie – was schön ist, für Sie und Ihre Mitmenschen – zu denen, die andere so lange gewähren lassen, bis wirklich etwas auf dem Spiel steht:

  • Sie gehören zu denen, die sich und ihr Handeln nicht zum Maß aller Dinge machen, die um ihre eigenen willkürlichen Ticks und Spleens wissen, ohne diese für alternativlos zu halten.
  • Sie nehmen sich die Freiheit, sich einen eigenen Geschmack zuzutrauen und diesen nicht als allgemeingültig zu erklären. Sie haben den Mut, zu Ihren Überzeugungen zu stehen, ohne die Vorstellungen der anderen von vornherein als unzulässig abzutun.

Machen Sie weiter so. Räumen Sie Ihre Spülmaschine so ein, drücken Sie Ihre Zahnpastatube so aus, kleiden Sie sich so, wie es Ihnen gefällt. Lassen Sie andere dies auf ihre Weise tun. Stehen Sie zu Ihren Eigenheiten, und lassen anderen die ihren. Gewähren Sie anderen nicht nur die Willkürfreiheiten, die sich selber zugestehen, sondern noch weitere, an die sich bisher noch nicht einmal gedacht haben. Lassen Sie sich irritieren, kommentieren Sie nicht alles, was die anderen tun oder lassen. Konzentrieren Sie sich lieber darauf, die Grenzen wechselseitiger Freiheiten so weit wie möglich auszudehnen, als Ihre Energie darauf zu verschwenden, sich selbst und andere in selbst gezimmerten Jägerzäunen gefangen zu halten.

Freiheit braucht Willkür, Willkür braucht Grenzen. Wem etwas am süßen Duft der Freiheit liegt, der hält diese Grenzen verantwortlich ein. Damit uns allen genügend Luft zum Atmen bleibt.

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