Ein Mangel an Großzügigkeit macht krank, sagen Psychologen. Geiz ist ungeil. Großzügigkeit ist cool. Sage ich. Ein Plädoyer für die großen Züge und gegen die Kleingeistigkeit.

1. Großzügige Menschen bleiben im Gedächtnis

In einem der zahlreichen Interviews, die ich im Rahmen der Recherche für meine Bücher führte, entgegnete mir ein guter Freund auf die Frage, was einen Menschen mit Manieren ausmache: „Darauf gibt es aus meiner Sicht eine denkbar einfache Antwort: Vor allen anderen Dingen ist es die Großzügigkeit, die die unhöfliche Spreu vom höflichen Weizen trennt. Ich habe letztens ein Interview mit einem Psychiater gelesen, in dem dieser den Mangel an Großzügigkeit als Symptom für schwere psychische Krankheiten ins Feld führte. Ich bin kein Psychologe, aber mir erschien das schlüssig! Großzügigkeit ist etwas Großartiges. Ich erinnere mich heute noch an einen Urlaub, in der mir ein völlig unbekanntes Pärchen einen recht üppigen Geldbetrag lieh, ohne auch nur im Ansatz einen Pfand zu verlangen. Das Einzige, was sie verlauten ließen, war, dass ich ihnen ja das Geld überweisen könne, sobald ich wieder zu Hause sei! Das hat mir imponiert. Und wenn man sich schon auf das zweischneidige Bewerten in Kosten-Nutzen Kategorien einlässt, wie wir es im Umgang mit Geld gewohnt sind, was wäre eine schönere Belohnung als auch noch zwanzig Jahre nach seiner großzügigen Geste im Gedächtnis des Empfangenden fest verankert zu sein? Da lohnt sich doch das Risiko eines möglichen Geldverlustes allemal!“

Das hat mir imponiert. Grund genug dem schnöden Mammon zu wirklicher Ausstrahlung zu verhelfen.

2. Beim Trinkgeld geben üben

 Kein Anstandsbuch, das ohne eine kurze Lektion über Trinkgelder auskäme. Das ist so, und das war scheinbar auch schon vor über hundert Jahren so. In „Spemanns goldenem Buch der Sitte – Eine Hauskunde für jedermann“ von Wolf Graf und Eva Gräfin von Baudissin in der Erstauflage von 1901 steht zu lesen: „Ebenso wie wir für unser Geld gutes Essen zu beanspruchen berechtigt sind, können wir auch eine nicht nur aufmerksame, sondern auch gute Bedienung für das schwere Trinkgeld, das wir geben müssen, verlangen!“ Hier schwingt schon im Tonfall ein so weitreichender Mangel an Großzügigkeit mit, dass wir den beiden Autoren nicht wünschen wollen, im Verlauf ihres Lebens an einer schweren psychischen Krankheit gelitten zu haben. Über das, was Sie selbst zu verlangen zu gedenken, darüber vermag ich nichts zu sagen, eines möchte ich Ihnen jedoch raten: Setzen Sie Ihr Trinkgeld gezielt ein, und zeigen Sie sich großzügig, wenn das Servicepersonal einem gelungenen Abend nicht im Wege stand.

3. Typisch englisch

 Als ich kürzlich in London war, trafen wir uns mit einem mir nicht näher bekannten Freund eines guten Freundes von mir. Nun sagt man den Engländern ja ohnehin nach, sie verstünden etwas von wahrer Höflichkeit. Und nach dieser Erfahrung gelebter Großzügigkeit habe ich keinen Grund daran zu zweifeln. Was war passiert? Nun, besagter Engländer mit Namen Jamie hatte sich mit uns in einer Bar getroffen und war bereits vor uns anwesend. Als wir eintrafen, erhob er sich von seinem Stuhl, begrüßte uns freundlich, zückte sein Portemonnaie, fragte uns, was wir trinken wollen und verschwand zur Theke. Nachdem er uns die Getränke serviert hatte, überreichte er uns jedem ein kleines „schokoladiges“ Geschenk, das er für uns besorgt hatte, als Erinnerung an unseren Aufenthalt in London. Besser kann man das Feld für einen gelungenen Abend nicht bereiten.

4. Taten sprechen lassen

Der Großzügigkeit ist eine gewisse Nachlässigkeit eigen. Sie ist, wenn Sie so wollen, der exemplarische Gegenentwurf zur doppelten Buchführung der „Beziehungskonten“, die allzu oft unserer Miteinander bestimmt. Großzügige Menschen holen in der Kneipe auch dann die nächste Runde, wenn sie nicht an der Reihe sind. Ja, sie wissen nicht einmal, dass sie an der Reihe wären. Großzügige Menschen machen in ihren Gesten und Handlungen keinen Unterschied zwischen den Empfängern ihrer Wohltaten, und sie rühmen sich weder ihrer Taten, noch würden sie sich jemals öffentlich über die „Nehmerqualitäten“ ihrer Mitmenschen beschweren. Ob und wie viel Geld sie wirklich besitzen, das spielt keine Rolle, sie reden ja nicht darüber sondern lassen ihre Taten für sich sprechen.

5. Am Gemeinschaftsdeckel üben

Überhaupt sind großzügige Menschen schweigsam. Sie fragen nicht, ob die anderen noch etwas benötigen, sie wissen, wem es an was fehlt und beseitigen diesen Mangelzustand. Sie fragen nicht, wer noch was trinken möchte, sie besorgen, was es zu besorgen gilt. Und sie zahlen, was bezahlt werden muss! Jeder, der schon jemals an der Abrechnung einer gemeinsamen Rechnung beteiligt war, weiß, dass der zuletzt Bezahlende mindestens ein Getränk mehr bezahlen muss, als er selbst getrunken hat. Der Großzügige nimmt das in Kauf, er würde niemals als Erster sein Portemonnaie zücken, um den Schwarzen Peter weiterzureichen. Er würde zwar darauf achten, wer dies besonders häufig tut, ohne es jedoch zu thematisieren. Was bleibt dem sprachlosen Großzügigen auch anderes als die Hoffnung, der andere würde beizeiten beim Blick in den Spiegel der eigenen Kleinmütigkeit begegnen und sich eines Besseren besinnen?

6. Kein Aufheben machen

Großzügige Menschen haben ihr Geld nach einer gemeinsamen Taxifahrt umgehend zur Hand und wühlen nicht erst nach Ankunft quälend langsam in ihren Taschen, bis die anderen bezahlt haben. Großzügige Menschen wundern sich zwar immer wieder über leidenschaftliche Raucher, denen mal wieder auf der Hochzeitsfeier um 22.00 Uhr die Zigaretten ausgehen, helfen aber gerne ohne zu Murren bereitwillig aus. Wer großzügig ist, der lässt andere Menschen an seinem Leben teilhaben, der lädt gerne ein, verleiht Bücher, CDs und selbst seine Lieblingskleidungsstücke.

7. Nicht aufrechnen

 Großzügigen Menschen ist jede Art des Aufrechnens fremd. Sätze wie: „Ich hatte ja gerade schon …“, „Der Ralf könnte ja auch mal…“, „Es kann doch nicht sein, dass immer dieselben…“, „Ich glaube, Du bist jetzt dran …“ oder „So, jetzt wäre ich soweit!“, kommen den Großzügigen nicht über die Lippen. Das bedeutet nicht, dass ihnen das Kleinmütige nicht auffiele und nicht zuwider sei. Aber allein die Vorstellung, genau dies anzusprechen oder durch rhetorische Winkelzüge zu entlarven, erscheint ihnen als mindestens ebenso falsch!

8. Woran Du die Kleinmütigen erkennst

Kleinmütige Menschen kämen nie auf die Idee, die gemeinsame Rechnung im Restaurant allein zu bezahlen und ihren verwunderten Mitmenschen zu eröffnen: „Ich lade Euch heute ein!“. Kleinmütige Menschen fordern geliehenes Geld umgehend zurück, wenn sie überhaupt jemals etwas verleihen. Sie hängen an den weltlichen Dingen. Ihre Devise lautet „Haben statt Sein“. Das macht sie ängstlich und missgünstig gegenüber dem Mut der Großzügigen und ihren „großen Zügen“. Während sie ständig über Geld sprechen, geben es die Großzügigen ohne große Worte aus. Einfach so!

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