Mit dem Satz „be liberal in what you accept, be conservative in what you send”, hat der 1998 verstorbene Internet-Pionier John Postel eine tragende Säule der Höflichkeit auf wunderbare Weise auf den Datenaustausch im weltweiten Netz übertragen: Gelassenheit im Umgang mit den Verhaltensweisen anderer bei gleichzeitiger hohen Ansprüchen an das eigene Verhalten. Doch wo hört die „Liberalität“ bei der E-Mail auf, wo fängt das „Bewahrenswerte“ an? Wann beginnt uns die Laissez-faireHaltung unserer Mitmenschen gehörig auf die Nerven zu gehen, und wann beginnen wir, an unserem eigenen konservativen Käfig zu basteln? Welche Wortwahl, welche Inhalte, welche Reaktionszeiten sollten wir erwarten dürfen, wenn wir uns gegenseitig auf das Terrain der elektronischen Post begeben? Fragen über Fragen!

Und wo könnten wir auf diese, unsere Fragen zur „Netiquette“ vernünftigere Antworten erhalten als im Internet selbst? Also werfen Sie Ihren Rechner an, öffnen Sie Ihren Browser, und folgen Sie mir auf die Seiten von „Wikipedia“, der „freien Enzyklopädie“. Auch dann, wenn sich die Kritik an diesem digitalen Nachschlagewerk immer wieder aufs Neue entzündet – da in der Wikipedia-Welt immer jene die Wahrheit bestimmen, die am stärksten besessen sind und der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen –, traue ich uns gemeinsam ein ausreichend kritisches Bewusstsein zu, den Wahrheitsgehalt dessen, was heute bei Wikipedia unter Netiquette verstanden wird, achtsam unter die Lupe zu nehmen.

In fünf Punkte gegliedert, umfasst die „Verfassung der digitalen Manieren“ Hinweise zu den Schwerpunkten, Zwischenmenschliches, Lesbarkeit, Technik und rechtlichen Aspekten. Da ist von einem angemessen Tonfall und Inhalten, der Vermeidung von Doppeldeutigkeiten und Beleidigungen die Rede. Da werden orthografische Anforderungen formuliert und die maximale Zeilenlänge von 78 propagiert sowie an die Achtung des Urheberrechts erinnert.

Wie bei jeder Grundlage des respektvollen und wertschätzenden Umgangs braucht es noch einige Konkretisierungen für den perfekten Auftritt auf dem digitalen Parkett. Werfen wir uns also in Schale, um den Herausforderungen der digitalen Welt formvollendet zu begegnen, denn, so wusste schon Adolph Freiherr Knigge zu berichten: „Vorsichtigkeit ist im Schreiben noch weit dringender als im Reden zu empfehlen.“

  • „Bedenke, am anderen Ende sitzt ein Mensch“, lautet der übergeordnete Leitsatz der Netiquette und mahnt uns, den ersten Artikel unseres Grundgesetzes, nach dem die Würde des Menschen unantastbar ist, auch in unserem elektronischen Briefverkehr zur Anwendung zu bringen.

Also, hüten Sie sich vor Beleidigungen und Beschimpfungen aller Art, überlegen Sie genau, wem Sie welches „lustige“ Filmchen senden. Denn so manchem könnte das Lachen im Halse stecken bleiben, weil er bewusst oder unbewusst die Gefühle der Adressaten verletzt hat.

  • Jedes geschriebene Wort bietet noch weit größere Interpretationsmöglichkeiten als sein gesprochenes Pendant. Wählen Sie Ihre Worte sorgfältig, denn das geschriebene Wort verflüchtigt sich weniger schnell als sein gesprochener Verwandter.

Gehen Sie auch mit Satzzeichen behutsam um. Wer hinter jeden seiner Sätze ein Ausrufezeichen setzt, der tritt ähnlich sensibel auf wie die berühmte Axt im Walde. Ich erinnere mich an einen Vorgesetzten, der die angemessene Begrüßung „Lieber Herr…“, „Sehr geehrte Frau…“ gerne durch „Schulze!“ oder „Sabine!“ ersetze. Ein denkbar ungehobelter Einstieg in die schriftliche Konversation!

  • Sie müssen ja nicht als wandelndes Rechtschreib- und Grammatiklexikon durch die Gegend laufen und hinter jeder Ecke den Genitiv vermuten, der dem Dativ sein Tod sein könnte – den Grundlagen der deutschen Sprache sollten Sie jedoch zu ihrem Recht verhelfen.

Und da unsere Sprache nun mal Groß- und Kleinschreibung kennt, sollten Sie diese auch in E-Mails zur Anwendung bringen. Das kurze Tippen auf die Hochstelltaste dürfen Sie sich auch unter Zeitnot zumuten. Auch das Komma steht keineswegs unter Artenschutz und darf ruhig gesetzt werden!

  • Jede E-Mail sollte mit einer vernünftigen Anrede beginnen und einer entsprechenden Verabschiedung enden.

Natürlich unterscheiden sich hier die Regeln im Hinblick auf Ihre Adressaten. Doch die Erfahrung zeigt, dass eine allzu laxe Sprache im Kontakt mit Freundes- und Bekanntenkreisen sich unweigerlich auf offiziellere Kontakte übertragen kann. Wer seinen privaten Verteiler regelmäßig mit flapsigen oder zotigen Anreden „versorgt“, dem fehlen oftmals auch gegenüber anderen Personenkreisen die Worte. Da werden plötzlich „Sie“ oder „Ihnen“ klein geschrieben, das „Hallo“ zum Standard und außer den „freundlichen Grüßen“ fällt einem als Verabschiedung auch nicht mehr viel ein!

Immer wieder wird der gesunde Menschenverstand eingefordert. Bei so manchen Mails, die wir tagtäglich erhalten, scheint diese Forderung bei ihren Versendern vollends auf taube Ohren gestoßen zu sein. Intelligente Menschen, die sich bereits vor zwanzig Jahren über ihre Kinder lustig machten, als die um das Porto für die Weitersendung eines Kettenbriefs baten, leiten nun die ominösesten Weiterleitungsaufforderungen weiter, nur weil der Absender darauf verweist, dass das Unternehmen Microsoft eine Produktprüfung durchführe und jedem Weiterleitenden üppige Geldbeträge in Aussicht stelle!

  • Ebenso wie für das Handy gilt auch für die Entscheidung, am E-Mail-Verkehr teilzunehmen, dies auch wirklich zu tun.

Erst seinen gesamten Bekanntenkreis über die eigene E-Mail-Adresse zu informieren, um sich einen Monat später darüber zu beschweren, warum man über die Wochenendaktivitäten der letzen vier Wochen nicht informiert wurde, ohne einmal ins eigene Postfach geschaut zu haben, wird Ihnen abgesehen von lautstarken Gelächter wenig einbringen.

  • Schränken Sie Ihre digitale Goldgräbermentalität ein wenig ein!

In manchen Verteilern bekommt man glatt das Gefühl, bestimmte Personen würden sich gar keiner anderen Beschäftigungen mehr widmen, als das gesamte Internet nach lustigen Filmen, unsäglichen Seiten, komischen Bildern oder anderen Skurrilitäten zu durchforsten. Spätestens dann, wenn Sie jemand ganz direkt mit der Frage konfrontiert, ob Sie eigentlich nichts anderes zu tun hätten, sollten Sie einen Gang zurückschalten, wenn Sie nicht in den allgemeinen Ruf eines Faulpelzes kommen wollen.

  • Allen, denen die Sendefreudigkeit ihrer Mitmenschen auf die Nerven geht, empfehle ich, sich eine zweite E-Mail-Adresse zuzulegen und die witzigen Einfälle des Freundes- und/oder Kollegenkreises dorthin senden zu lassen.

Wenn Sie Lust haben, können Sie sich diese ja am Ende der Woche anschauen oder endgültig löschen! „Arbeitsadressen“ sollten für die Verwendung diskutabler Inhalte ohnehin tabu sein, haben doch die meisten Unternehmen eine Firewall, die grenzwertige Inhalte aussortiert – und dem Empfänger wird im Wiederholungsfall schon mal etwas genauer auf die Finger geschaut. Und das wollen doch weder Absender und Empfänger, vorausgesetzt sie sind an einem guten Verhältnis interessiert …

„In der Kürze liegt die Würze!“ Das gilt für das Schreiben gleich in einem doppelten Sinne:

  • Schreiben Sie keine „Romane“, sondern beschränken Sie sich auf das Wesentliche.

Sie wissen selbst, wie anstrengend das Lesen am Bildschirm ist und wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, mit „kleinen Häppchen“ vorlieb zu nehmen. Wenn Sie also wirklich länger ausholen wollen, dann nehmen Sie doch einfach Stift und Papier oder „Word“ und einen Drucker zur Hand.

  • Reagieren Sie kurzfristig.

Spätestens nach 24 Stunden sollten Sie eingehende E-Mails beantwortet haben. Selbst wenn Sie die Wünsche oder Forderungen des Absenders nicht im selben Zeitraum erfüllen können, sollten Sie doch in der Lage sein, genau dies umgehend mitzuteilen.

Können Sie sich ein weniger geeignetes Medium zur Konfliktbewältigung vorstellen, als das Versenden von Emails? Dennoch werden viele Streitereien, aber auch existenzielle Konflikte vermehrt über den Versand von digitalen Briefen ausgetragen. Dies hat durchaus seine Gründe: Wer von uns hielte es nicht für verführerisch, seinem Ärger umgehend Luft zu machen, ohne dem anderen von Angesicht zu Angesicht die Meinung geigen zu müssen? E-Mails sind verführerisch. Sie lassen sich schneller schreiben als Briefe, und sie enthemmen uns, weil die physische Anwesenheit des Kontrahenten fehlt. Bezieht man darüber hinaus den bereits erwähnten Umstand ein, dass das geschriebene Wort zusätzliche Missverständnisse befördert, besitzen sie mindestens das Zerstörungspotenzial von Giftspritzen! Daher:

  • Egal, welchen Unverschämtheiten Sie ausgesetzt sind, schreiben Sie ruhig Ihre hasserfüllte Antwort. Lassen Sie es raus! Schlagen Sie hart und unerbittlich zurück! Sie werden sehen, Sie fühlen sich gleich viel besser. Danach speichern Sie die betreffende Mail unter „Entwürfe“, fahren den Rechner herunter, schlafen den Schlaf der Gerechten und löschen den Entwurf am nächsten Morgen.

Denken Sie immer daran: Jede E-Mail ist ein zwischenmenschlicher Kontakt. Unsere Sprache bringt zum Ausdruck, welche Wertigkeit wir der jeweiligen Beziehung zumessen. Unser geschliffener Umgang mit dem geschriebenen Wort ist unsere persönliche Visitenkarte und eröffnet die Chance, das eigene Profil zu schärfen.

Werfen wir beizeiten einen kritischen Blick auf unsere schriftliche Ausdrucksweise. Es wäre im höchsten Maße höflich, so lange auf das Schreiben von E-Mails zu verzichten, bis wir das kleine Einmaleins der Netiquette auch wirklich beherrschen!

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