Gefällt mir das, was ich will? Denn erst mit der Beurteilung darüber, ob einem das gefällt, was man will, wird Verantwortung zur Freiheit. Und da die meisten von uns nicht auf einer einsamen Insel leben, liegt der Verdacht nahe, dass auch andere Menschen etwas wollen könnten. Zu diesem Wollen kann ich mich in Beziehung setzen, indem ich mir die Konsequenzen meines Wollens für das Wollen meiner Mitmenschen bewusst mache:

  • Wenn ich günstig einkaufen will, will jemand anderes unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten.
  • Wenn ich rechts überhole, will jemand sicher nach Hause kommen.
  • Wenn mir die Beziehung zu meinen idiotischen Mitarbeitern egal ist, ist sie diesen wichtig.
  • Für meine volle Tüte Klamotten wollen anderswo kleine Kinderhände nicht arbeiten, sondern spielen.

Erst, wenn ich Anteil nehme am Wollen meiner Mitmenschen – wo immer sie auch sein mögen, im Großraumbüro nebenan oder in Bangladesch –, erst wenn ich mein Wollen mit dem Wollen anderer abzugleichen bereit bin, werde ich sagen können, ob mir das, was ich will gefällt.

Erst wenn ich den Mut fasse, genauer hinzuschauen und herauszufinden, wo ich Teil eines Problems bin oder Teil einer Lösung werden kann, trete ich in Verbindung. Zu meinem Wollen und dem Wollen anderer. Dann mache ich Freiheit möglich. Eine Freiheit, deren Zweck darin besteht, zu einer Gemeinschaft beizutragen, in denen sich selbstbewusste Menschen in Selbstachtung und mit wechselseitigem Respekt begegnen können. Nicht mehr und nicht weniger!

Wer sich mit dieser Welt und ihren Menschen verbunden fühlt, der sollte vorsichtig sein in seinem Urteil. Doch wir sind schnell mit unseren Urteilen, sehr schnell. Wir wissen, wer an den Pranger gehört und wer sich der Verantwortungslosigkeit schuldig gemacht hat. Einen Tag stellt die Boulevardpresse das Jugendamt an den Pranger, weil es wieder einmal versäumt hat, ein verwahrlostes Kind aus den Händen seiner überforderten Eltern zu befreien. Am nächsten Tag stehen die Sozialarbeiter immer noch am selben Pranger: diesmal jedoch, weil sie so herzlos waren, ein Kind seiner Mutter zu entreißen.

Unsere Urteile sind unerbittlich und klar. Klarer als die Umstände es meist zulassen, nicht selten auf tönernen Füssen, grenzüberschreitend, bisweilen unverschämt und im schlimmsten Fall ohne Sinn und Verstand. Wir haben unsere Meinung, und die lassen wir uns ungern nehmen, mag auch die Beweislast noch so erdrückend sein. Wir wissen, was läuft. Uns macht man nichts vor.

Doch wer wissen will, ob ihm das, was er will, auch gefällt, der sollte behutsamer vorgehen, und sich auf Spurensuche begeben, der sollte ein ernsthaftes Interesse daran haben, zu erkunden, wie es um das wechselseitige Wollen bestellt ist.

  • Nur wenn ich wach bleibe, wenn ich aufmerksam bin gegenüber mir selbst, meinen Mitmenschen und den Zusammenhängen, in denen ich lebe, ist gegenseitiges Verständnis möglich.

Nur dann, wenn wir mit offenen Augen durch diese, unsere Welt laufen, werden wir einen Blick hinter den Vorhang unseres wechselseitigen Wollens und seiner Funktionsweisen werfen können. Das führt uns zu einer weiteren Frage, auf die wir Antworten finden wollen: Will ich die Welt, in der ich lebe, verstehen?

Will ich die Welt, in der ich lebe, verstehen?
  • Wollen wir wirklich wissen, warum wir kein Verständnis mehr für den Kapitalismus und seine gierigen Vertreter aufbringen, selbst aber kein Problem damit haben, zehn Paar Socken für fünf Euro im Supermarkt zu kaufen?
  • Interessiert es uns eigentlich, warum wir über die Macht der Medien schimpfen, uns selbst aber gerne empören lassen und uns an gefallenen Helden ergötzen?
  • Warum verdammen wir die Selbstherrlichkeit von Topmanagern, deren Erfolgsgeschichte im Managermagazin uns vor einem halben Jahr noch so stark beeindruckt hat?
  • Passt es zu unserem Verständnis, dass wir nach sportlichen Höchstleitungen gieren, aber von denen, die des Dopings überführt wurden, öffentliche Abbitte verlangen?
  • Warum verabscheuen wir Paparazzi, können aber von ihren Bildern nicht genug kriegen?

Wir wissen zwar nicht, ob wir uns anders verhalten hätten, erwarten aber von anderen päpstlicher zu sein als der Papst. Wir kritisieren unseren Finanzberater für seine allzu vorsichtige oder riskante Vorgehensweise, um ihn hinterher dafür zu verurteilen. Wir machen dabei nicht halt vor Pauschalisierungen: typisch Lehrer, Manager, Politiker, jüngere Generation, Frauen, Männer, Katholiken oder Muslime.

Natürlich sind das Vorurteile, aber hat nicht jedes Vorurteil einen wahren Kern?, denken wir. Im Zweifel ist uns alles recht, wenn wir nur ein wenig mehr Ordnung in unsere Welt bekommen. Was aber, wenn die Welt wesentlich weniger ordentlich wäre, als wir es uns wünschen? Wenn sie stattdessen unendlich vielschichtig, kaum entschlüsselbar, bedrohlich oder gar das pure Chaos wäre?

Wenn wir uns mit der Welt verbinden und nicht länger aus sicherer Entfernung auf das blicken, was um uns herum geschieht, dann machen wir eine überaus interessante Entdeckung: Das, was wir Welt nennen, erscheint plötzlich als ein Teil von uns. Die Welt verliert ihre Feindseligkeit, weil wir nunmehr verantwortlich sind für das, was wir in dieser Welt tun.

Man muss sich auf die Welt einlassen, in der man lebt, wenn man etwas verändern will. Ja, man muss sich auch auf die Menschen einlassen, die in dieser Welt leben. Ja, man muss sie sogar mögen die Menschen, mit all ihren Fehlern, Ungereimtheiten, ihrer Engstirnigkeit und ihren Dämlichkeiten. Man muss verbunden sein mit der Welt und ihren Menschen und sich den Herausforderungen stellen, wenn man etwas bewirken möchte. Wir können das: uns die Welt zu eigen machen, wenn wir in ihr wirken wollen. Wir können unsere Kräfte entfalten, wenn wir uns in der Öffentlichkeit, über die Büroflure und Supermarktgänge bewegen, die Zeitung aufschlagen, den Fernseher anmachen oder ausschalten oder einen wie auch immer gearteten demokratischen Beitrag leisten wollen. Wir haben es nicht anders gewollt!

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