Als Jesus sprach: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes“, da waren Kevin, Marie-Sophie und Henry Kurt noch gar nicht geboren. Vermutlich wäre Gottes Sohn dann mit seinem Versprechen ein wenig vorsichtiger gewesen. Und mal unter uns, Jesus sitzt ja auch nicht im Café Schröder in der Hoffnung, seinen freien Tag in Ruhe bei einem Milchkaffee und Sonntagszeitung zu genießen, wenn Kevin einen Tobsuchtsanfall bekommt, Marie-Sophie Spaß daran gefunden hat, alle Tischdecken herunterzureißen oder Henry Kurt einen erwachsenen Freund sucht, weil seine Eltern sich nicht um ihn kümmern! Vielleicht wollte Jesus die kleinen Erdenbürger und ihre Eltern mit seinem Versprechen auf das Paradies ja auch nur über die ersten Jahre hinwegtrösten, in der jeder Wildfremde meint, dem hilflosen Säugling Joshua die Wange tätscheln zu müssen, der Mutter von Clea zu erklären, dass sie ihre Kleine doch bitte zu Hause stillen solle, oder den Vater von Anne darauf hinzuweisen, dass die eigenen Kinder in dem Alter aber noch kein Eis bekommen hätten!

Es ist ein wahrlich kompliziertes Dreiecksverhältnis zwischen Eltern, Kindern und Dritten, so viel steht fest. Und da Jesus nicht nur ein mutiger, sondern überaus kluger Mann war, musste er Kevin, Marie-Sophie, Henry Kurt, Joshua, Clea und Anne auch gar nicht persönlich kennen, um zu wissen, dass er sie einmal zu sich bitten würde, um ihnen das Reich Gottes versprechen. Er wollte uns lediglich deutlich machen, dass wir es sind – die Erwachsenen –, die noch ihre Tauglichkeit nachweisen müssen, in Gottes Reich eintreten zu dürfen. Und an dieser Mahnung hat sich nach über 2000 Jahren nichts geändert. Nun, da die Kinder jetzt gerade in besten Händen sind, sollten wir die Zeit nutzen, unser Zusammenleben im Dreieck „Eltern-Kind-Andere“ einmal zu überdenken. Aber beeilen wir uns – ewig wird Jesus auch keine Zeit haben, sich um unsere kleinen Nervensägen zu kümmern!

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen!“ Hört sich ja nicht schlecht an, aber sagen Sie das mal den Eltern! Der Umgang mit den Kindern anderer ist ein Minenfeld. Als Spielkamerad oder Babysitter ist man womöglich erwünscht, aber wehe Sie maßregeln ein fremdes Kind. Da Blicke jedoch Gott sei Dank nicht töten, überlebt man zwar den versteckt oder offen ausgetragenen Konflikt, überlegt sich jedoch beim nächsten Mal genau, ob man sich ein weiteres Mal die Rolle des Dorfbewohners zumuten möchte. Alle Eltern kann ich nur ermuntern, Einmischung zuzulassen, insbesondere dann, wenn sie den disziplinarischen Eingriff befürworten.

  • Sie müssen ja nicht gleich eine ganze Dorfgemeinschaft ermuntern, aber die besten Freunde oder eigenen Eltern, Menschen also, denen Sie vertrauen, sollten Sie ins „Erziehungsboot“ holen.

Sie werden sehen, es entlastet ungemein, und Ihr Kind merkt schnell, dass nicht nur die eigenen Eltern bescheuert sind, sondern Oma, Opa, Anke, Verena und Carsten ebenfalls …

In öffentlichen Räumen, sei es im Restaurant, im Kaffee, auf dem Spielplatz oder im Supermarkt verhält es sich mit dem Einmischen natürlich weitaus schwieriger. Sollte es stimmen, dass Eltern heute weniger an der Erziehung ihrer Kind als vielmehr an deren bedingungsloser Beschützung gelegen ist, ist der Konflikt vorprogrammiert! Wer selber Kinder hat, weiß, wie dünnhäutig man bisweilen auf die Einmischung Fremder reagiert.

  • Bleiben Sie daher freundlich, aber bestimmt, wenn Sie den Vater darauf hinweisen möchten, dass das ununterbrochene Geplärre seines dreijährigen Sohnes die Unterhaltung aller anderen Gäste unmöglich macht.
  • Oft erweist es sich als sinnvoll, statt Mutter oder Vater, das Bedienungspersonal zu bitten, für reduzierte Lautstärke zu sorgen oder sogar den kleinen Quälgeist direkt anzusprechen. Die überraschten großen Augen und der vor Staunen offene Mund des „Delinquenten“ lassen darauf schließen, dass von nun an wieder Unterhaltungen möglich sind.
  • Nutzen Sie auch die Möglichkeiten der versteckten Einmischung. Eine Mutter kommt Ihnen mit ihrem Kinderwagen entgegen, der kleine Spross heult wie am Spieß, flehentlich in Richtung Süßigkeitenregal blickend. Sie haben nun zwei Möglichkeiten, um für Ruhe zu sorgen: den strafenden und den freudigen Blick. Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Welchen Blick Sie auch wählen – zehn Sekunden auf den plärrenden Boris gerichtet, wird er jegliches Heulen verstummen lassen.

Es ist Kleinkindern relativ früh zuzumuten, grundlegende Höflichkeitsregeln zu beherzigen. Es ist nicht zu viel verlangt, wenn Oma und Opa zu Besuch kommen, Spielsachen Spielsachen sein zu lassen, die Großeltern zu begrüßen und sich für eventuelle Mitbringsel zu bedanken. Ihr Kind wird auch keinen psychischen Schaden davon tragen, wenn Sie ihm erklären, dass Sie sich gerade mit Martha unterhalten wollen und die Bewohner der Legoburg sich kurz gedulden müssen, bevor Sie sich die Ehre geben. Kein kleines Kind der Welt sollte bei einem häuslichen Essen vier Stunden am Tisch sitzen bleiben müssen, aber eine kurze Einbindung in die Unterhaltung der Erwachsenen schadet ja nichts, bevor man sich wieder in sein Kinderzimmer begibt.

  • Kinder wollen ernst genommen werden, geben Sie Ihnen die Möglichkeit dazu.
  • Je kleiner die Kinder sind, desto weniger sollten wir uns bemüßigt fühlen, mangelndes Erziehungsgeschick oder gar Absicht zu vermuten, wenn der Säugling einen Schreikrampf erleidet, und uns daher Kommentare gegenüber den ohnehin schon nervlich strapazierten Eltern verkneifen.

Gut, ein Restaurant oder den Gottesdienst kann man verlassen, um die Nerven aller Beteiligten zu schonen, aber auf einem Langstreckenflug auf die Antillen oder der Bahnfahrt nach Dresden sind sämtliche Appelle zum Scheitern verurteilt, wenn nicht schlicht dämlich („Na, das hätten Sie sich ja mal vorher überlegen können!“).

  • Machen Sie es Ihren Eltern und Freunden einfach, sich um Ihre Kinder zu kümmern. Überhäufen Sie diese nicht mit Vorschriften, Empfehlungen und Tipps wie Klein-Anna am besten beizukommen sei.

Vergessen Sie nicht, Ihre Eltern haben mindestens ein Kind großgezogen. Und auch Sie wurden bei Ihren eigenen Großeltern mehr verwöhnt als zu Hause. Vertrauen Sie Ihren Freunden! Wenn alle Stricke reißen, gibt es ja Handys. Freuen Sie sich, dass Ihr Kind nicht nur von Ihnen lernt und beeinflusst wird, und machen Sie sich endlich mal wieder einen gemütlichen Abend zu zweit!

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