Man kann zum Christentum stehen, wie man will, seine prägende Kraft auf unser kulturelles Selbstverständnis lässt sich nur schwer leugnen. Man kann die Antike als antiquarisches Überbleibsel einer längst vergessenen Zeit betrachten, übersieht dabei aber eine weitere wichtige Quelle unserer kulturellen Identität. Und da es die Mischung macht, gilt nicht umsonst die Renaissance als die Zeitenwende unseres Kulturkreises. Jenes Zeitalter, in dem Antike und Christentum miteinander verschmolzen und menschliche und göttliche Größe in den Meisterwerken von Michelangelo, Raffael, Palladio oder Leonardo da Vinci zum Ausdruck kam. Die Kultur gewann die Oberhand, die Erde wurde Untertan, die Natur zurechtgestutzt, wo immer es möglich war. Der Mensch lebte längst nicht mehr vom Brot allein.

Der Glaube an seine eigene Schaffenskraft ließ die Ebenbildlichkeit Gottes schrumpfen, und bald war der Mensch sich selbst und seinen tätigen Kräften genug. Seinem Wollen war bald alles unterworfen. Mit spitzer Feder wurde gerechnet, geschrieben und geplant. Der Kaufmann macht sich den Markt untertan, die Dichter das Wort, die Künstler die Farben und die Architekten die Steine. Die Natur und ihre Urwüchsigkeit wurden in Fesseln gelegt, die Temperamente der Vernunft unterworfen. Disziplin und Gehorsam züchtigten alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war, und die Bäume und Sträucher selbst wurden durch Gärtner und Landschaftsarchitekten so weit gezähmt, dass auch das letzte bisschen Natürlichkeit langsam verblich. Der englische Rasen wurde zu einem Teppich, auf dem kultivierte Menschen sich kultivierten Picknicks und Sportarten hingaben.

Das antik-christliche Menschenbild, nach dem der Mensch ein grober Klotz ist, der so lange zu schleifen sei, bis sich seine wahre Natur zeige, hatte gesiegt. Der Mensch als ewiger Gärtner, als Gestalter seiner selbst, die eigene Natur im Griff, alles Urwüchsige verbannt. Doch wie immer in der Menschheitsgeschichte, wenn das eine das andere zu stark zu beherrschen drohte, tönte alsbald ein neuer Ruf durch die zivilisierte Wüste. Denn als solche empfanden immer mehr Menschen die Verdrängung des Natürlichen aus ihrem Leben. Mit seinem Aufruf „Zurück zur Natur“ forderte der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert ein neues Menschenbild. Ein Bild von uns, das zum Beispiel Sigmund Freud dazu anregte, unseren ins Unterbewusstsein gesperrten natürlichen Trieben auf die Spur zu kommen und die Generation der Achtundsechziger dazu ermunterte, den neuen, den freien und von Zwängen befreiten Menschen auszurufen.

Man braucht schon Regeln, keine Frage. Zu viel Kultur sollten wir jedem Einzelnen nicht zutrauen, zu viel Natur nicht durchgehen lassen. Zu viel Selbsterziehung überfordert, zu wenig aber auch. In der Regel sind wir weder Helden noch Barbaren. Eher irgendwas dazwischen. Und das sollten wir uns dann auch zutrauen.


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