„Keine Macht für niemand“ – Und was ist mit der Power in uns?

 

Während die „Scherben“ sich in den siebziger und frühen achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wünschten, die Macht ganz abschaffen zu können, hat Robert Greene am Ende desselben Jahrhunderts ein Buch geschrieben, das er schlicht „Power“ nannte, Untertitel: „Die 68 Gesetze der Macht“. Von wegen keine Macht für niemanden, jede Macht, die möglich ist für jeden, der bereit ist, mächtig zu werden! Ganz in der Tradition von Machiavelli rät uns Greene, denen besonders zu misstrauen, die vorgeben, nicht denselben Hunger nach Macht zu verspüren wie ihre Nebenmenschen. Das sei nichts anderes als eine höchst perfide Machtstrategie. Wer also wie die „Scherben“ seinen Machthunger mit Fairness und Moral bemäntelt, ist entweder besonders hungrig, oder er gehört tatsächlich zu den Menschen, die immer nur das Gute möchten. Zu jener Spezies also, der Machiavelli prophezeite, sie würde zwangsläufig untergehen inmitten von so vielen Menschen, die eben nicht das Gute wollen. Und wer, bitteschön, will schon untergehen?

„Die wichtigste Fähigkeit“, so Greene, „– und die entscheidende Grundlage der Macht – ist, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu haben.“ Wer die Macht über seine Gefühle gewinnt, der gewinnt Macht über sich und seine Mitmenschen. Wer sich zum Sklaven seiner Gefühle macht, der ist machtlos und wird es immer bleiben. Ohnmächtig denen ausgeliefert, die auch auf ihren Verstand hören, statt nur zu fühlen. Greene führt uns damit noch einmal ein Prinzip vor Augen, das insbesondere die europäische Machtgeschichte geprägt hat wie kein zweites. Ein Prinzip, das sich von den Ränkespielen der aristokratischen Höfe lückenlos bis zu den „verdienstadeligen“ Strukturen einer modernen Leistungsgesellschaft beobachten lässt: Macht um der Macht willen, gekleidet in das zivilisatorische Gewand von Moral, Anstand und Gerechtigkeit.

Das führt zu einem interessanten Widerspruch: Wir sind zwar der Wolf des anderen, aber wer ohne Schafspelz kommt, muss leider draußen bleiben und sich zu den Schafen gesellen. Heute nur für Stammgäste, Naive und Plumpe haben keinen Einlass! Nur wer sich unter Kontrolle hat, wird die Kontrollposten passieren und seine Mitmenschen kontrollieren können. Nur der, der weiß, was wie gespielt wird, dem wird Einlass gewährt. Wer dieses Prinzip einmal verinnerlicht hat und sein Handeln danach ausrichtet, der wird es weit bringen im Spiel um Macht, das er selbst Einfluss nennt: nur sich selbst verantwortlich, in angemessener Distanz zu den eigenen Emotionen und denen seiner Mitmenschen. Wer bremst, verliert. Wer zu viel Gas gibt, fliegt aus der Kurve.

Man kann Machiavelli – auch wenn man ihm damit nicht umfassend gerecht wird –, durchaus als Vorreiter einer Bewegung verstehen, die nicht mehr die Haltung des Menschen zum Ziel hat sondern die Perfektion der eigenen Fertigkeiten. Der Zweck folgt später, für den ist jeder selbst verantwortlich. Zunächst geht es um die Optimierung der eigenen Fertigkeiten, um im täglichen Daseinskampf bestehen zu können: Wer etwas werden will an den modernen Höfen unserer Leistungsgesellschaft, wer im Unternehmen eine glänzende Hauptrolle spielen möchte, der muss vorbereitet sein auf den Kampf um Macht, wenn er ihn bestehen will.

Wenn der Zweck schon die diabolischen Mittel heiligt, dann wird man ja mal nachfragen dürfen, welchem Zweck die mühsam erworbenen Fertigkeiten der Macht dienen sollen. Macht zu haben, ist schön. Zu wissen, wofür Sie diese Macht einsetzen wollen, ist noch schöner. Es ist nämlich Vorsicht angebracht: Wer sich einmal den Schafspelz umgelegt hat, dem kann es passieren, Geschmack an seiner zweiten Natur zu bekommen. Wir sollten die Moral nicht auf die zu leichte Schulter nehmen. Den Teufel im Herzen, das Engelchen auf der Schulter.

Meistens sitzen Engelchen und Teufelchen ohnehin bereits auf dem Stuhl, zu dem es uns treibt. Ob Chefsessel, Kanzleramt, Wickeltisch oder Trainerstuhl. Ob Lehrerpult, Oval Office, Chefredaktion oder das neue Büro nach unserer Beförderung, die Erwartungen und Ansprüche an uns und unseren Umgang mit der Macht sind lange vor uns da. Und so halten wohl nur die Machtbesessensten der Machtbesessenen die Bitte Joseph Ratzingers an Kardinal Meißner für einen besonders raffinierten Winkelzug der Mächtigen. Vor der Papstwahl bat Kardinal Ratzinger seinen Amtskollegen Meißner, er möge für ihn beten, „dass dieser Kelch an ihm vorübergehe“. Wir wissen, dass der Kelch nicht an Kardinal Ratzinger vorüberging und dass er unter dem Namen Benedikt XVI. einer der mächtigsten Institutionen der Welt vorsteht. Als Gottes Stellvertreter auf Erden sitzt er auf dem Heiligen Stuhl. Von diesem aus blickt er sowohl zurück auf eine über 2000 Jahre alte Tradition als auch zum Schöpfer empor. Seine Macht ist groß und doch beschränkt, weil sie an eine höhere Macht gebunden ist. Man kann die Machtfülle der Institution katholische Kirche kritisieren, eine willkürliche Auslegung des Papstamtes – wie es in der europäischen Geschichte durchaus üblich war – ist hingegen kaum zu erwarten.

So individualistisch so manchem unsere Gesellschaft erscheinen mag, die Macht des Einzelnen ist wesentlich geringer als zumeist vermutet: Was dem Papst der liebe Gott und die katholische Tradition, das sind dem Vorstandsvorsitzenden seine machtgierigen Vorstandkollegen und die Anteilseigner. Wer Kinder hat, der steht plötzlich am Wickeltisch, sitzt vor Erziehungsratgebern und hat sich mit eigenständigen kleinen Menschen auseinanderzusetzen, auf die er wenig Rechte beanspruchen kann, für die er aber eine Menge Pflichten übernommen hat.

Die Macht hat ihren Preis, und der heißt Verantwortung. Mit Traditionen und dem lieben Gott mögen wir uns ja auskennen, mit Vorstandskollegen, politischen Gegnern, mit Anteilseignern und der Presse, damit wissen wir umzugehen. Windelwechseln, kein Problem. Wären da nicht all die anderen Herausforderungen, die uns wenig Platz und Zeit für persönliche Machtgelüste lassen. Eine kritische weltliche Öffentlichkeit, moralische und ökologische gesellschaftliche Ansprüche, die Regierungschefs anderer Nationen, Freunde oder die eigenen Eltern sorgen schon dafür, uns auf Trab zu halten. Despot zu werden, ist nicht schwer, Despot zu bleiben, umso mehr.

Den Despoten wird einiges abverlangt. Von Ansprüchen und Interessen umzingelt, wird Burnout zur Regel, die Frühpensionierung zum willkommenen Ausstieg aus dem mörderischen Spiel um Macht und Einfluss. Persönliche Macht um der Macht willen wird in unseren Breiten zum Auslaufmodell. An ihre Stelle ist längst eine institutionalisierte Macht getreten, die mehr von uns verlangt als die üblichen Strategien der Macht. Hohe Renditen und nachhaltiges Wirtschaften, Bewahrung der Tradition und Dialog mit der Moderne, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Wissensvermittlung und Charakterbildung oder attraktiver und erfolgreicher Fußball. Wer diesen Herausforderungen nicht gewachsen ist, der sitzt auf keinem mächtigen Thron, der sitzt auf einem Schleudersitz. Wer Glück hat, dem wird sein Abflug mit einer üppigen Abfindung versüßt, wer Pech hat, der sitzt auf der Straße oder beim Psychologen. Wenn der Zweck die Mittel heiligen soll, dann braucht dieser Zweck einen Inhalt.

„Die Deutsche Bank kann sich nicht alleine darauf beschränken oder konzentrieren, gute Geschäfte zu machen. Sie muss, weil sie eine bestimmte Größe hat, eine bestimmte Autorität, eine bestimmte Position hier und draußen in der Welt, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und – ich sage das nicht gerne, weil dieses Wort so missbraucht wird, gerade in letzter Zeit – eine Art von ethischer Verpflichtung akzeptieren.“ Das sagte Alfred Herrhausen. Knapp 20 Jahre nach seiner Ermordung durch die RAF steht das Bild des ehemaligen Vorstandsprechers der Deutschen Bank noch immer auf den Schreibtischen einiger Deutschbanker. Ein Indiz dafür, es mit einem wahrhaft mächtigen Menschen zu tun gehabt zu haben. Einem, „der es dahin brachte, dass er zurückgewünscht wird“, wie Balthasar Gracián seinen 124. Aphorismus überschrieb. Einem, den das Amt mehr bedurfte, als er des Amtes. Einem, der den unverbrüchlichen Zusammenhang zwischen Freiheit und Verantwortung einmal wie folgt zum Ausdruck brachte: „Zur Freiheit gehört gleichsam als siamesischer Zwilling die Verantwortung. Ohne sie kann Freiheit nicht leben. Deshalb muss Handlung auch aus Haltung geboren werden.“ Und so selbstverständlich es ist, dass man Fertigkeiten benötigt, um Macht zu erlangen, so selbstverständlich sollte es sein, ein vernünftiges Motiv sein Eigen zu nennen, dem diese Fertigkeiten dienen. Ein Motiv unter vielen kann es dabei sein, größtmögliche Eigenkapitalrenditen zu erzielen. Es sollten jedoch weitere Motive folgen, um es mit dem aufzunehmen zu können, der zurückgewünscht wird.

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