Die Speaker’s Corner ist eigentlich nichts als anderes der Inbegriff des alltäglichen Streits um die richtige, die gerechtfertige Meinung. Jener Meinung, die Platon einmal als Voraussetzung für Wissen bezeichnet hat. Doch wann ist eine Meinung gerechtfertigt, und wer bestimmt das? Zählen die vernünftigen Argumente, mit denen ich meine Meinung zu untermauern versuche? Oder die Daten, Fakten und Informationen, die ich zurate ziehe, um meine Meinung zu stützen? Die Instanzen, die ich als Zeugen bemühe? Die Menge an Menschen, die meine Ansichten teilen, oder meine rhetorische Überlegenheit?

Vermutlich ist es von allem etwas. Am Wichtigsten jedoch sind wohl das Bemühen, seine Meinung zunächst einmal als eigene Meinung, und nicht als objektive Wahrheit zu begreifen, und die Bereitschaft, die persönliche Ansicht begründen zu wollen. Hinzu kommt der Mut, seine Meinung mit anderen zu messen und auf die Argumente des Gegenübers einzugehen.

Was bedeutet das für unsere Meinungsbildung?

  • Zum einen die Demut, mich selbst und mein Meinungsbild nicht zu ernst zu nehmen und mir bestenfalls einen „kleinen Sokrates“ auf die Schulter zu setzen, der mir ins Ohr flüstert, dass ich nur eines weiß, nämlich, nichts zu wissen.
  • Zum anderen das Bemühen, meinen Kopf einzuschalten, um vernünftige Argumente zu äußern und dieselbe Demut und Mühe von meinem Kontrahenten im Meinungsstreit einzufordern.
  • Des Weiteren die Offenheit, in jedem Meinungsstreit die Bereitschaft, etwas von anderem lernen zu wollen, so schwer es mir seine Argumente oder seine Art zu streiten auch machen mögen.
  • Und zu guter Letzt meine bedingungslose Bereitschaft, im Dialog zu bleiben, und diesen wieder aufzunehmen, sobald beide Seiten ihre Regenschirme wieder weggesteckt haben.

Nun finden Meinungsbildung und Meinungsstreit nicht immer auf Augenhöhe statt. Das unabhängige Urteil ist eher die Ausnahme als die Regel. Das liegt wohl einerseits an unseren beschränkten Fähigkeiten und Möglichkeiten, zu einem solchen zu gelangen, anderseits daran, dass so mancher schlicht die Bereitschaft vermissen lässt, ein unabhängiges Urteil überhaupt anzustreben. Wenn es um die richtige Meinung geht, dann geht es eben nicht nur um die Wahrheit, sondern um die Macht, die eigene Meinung als Wahrheit erscheinen zu lassen.

Das wiederum gefährdet häufig und keineswegs ausnahmsweise die Meinungsvielfalt. Spätestens dann, wenn Meinungsmacher sich aufschwingen, ein Meinungsmonopol zu errichten, ist es an uns, unsere Regenschirme zu zücken, auf die Gefahren dieser Monopolisierung hinzuweisen und sie für unverantwortlich zu erklären.


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