Mit Sprache muss man behutsam umgehen. Ist ein Wort erst einmal gesagt, eine Geste erst einmal getan, dann läuft man den Folgen des eigenen Handelns meist hinterher. Ohne Chance den Lauf der Dinge noch stoppen zu können. Für das Unterlassen gilt im Übrigen dasselbe, nur umgekehrt. Ist das Versäumnis einmal angeprangert, gelten alle nachträglich unternommenen Handlungen als blanker Aktionismus.

Wer sich einmal breit grinsend mit Victory-Zeichen vor Gericht hat ablichten lassen, wer öffentlich zeitgleich mit der Veröffentlichung üppiger Jahresgewinne den Abbau von „netto“ 1920 Stellen verkündet oder einen chemischen Stoff als mindergiftig einstuft, der darf sich nicht wundern, wenn wenig später die geballte öffentliche Empörung über ihn hereinbricht.

Doch so sehr es in der Verantwortung derer liegt, die so etwas verkünden, links, rechts und nochmals links zu schauen, bevor sie ihren Mund aufmachen, so liegt es in unsere Verantwortung in dieselben Richtungen zu blicken, bevor wir schreien Skandal! Netto bedeutet in der Schweiz nicht anderes als unter dem Strich. Josef Ackermann ist Schweizer. So kann man ihm zwar vorwerfen, die Wirkung seiner Wortwahl unterschätzt zu haben, sollte sich aber hüten, ihm vorschnell die Rolle des menschenverachtenden Kapitalisten zuzuteilen. „Mindergiftig“ bedeutet in der Sprache der Chemie nicht giftig. Das kann man wissen, muss man aber nicht, was wiederum der Werksleiter von Hoechst hätte wissen können und sollen, als er die Öffentlichkeit informierte.

Doch nicht nur die Worte, die wir verwenden, sondern auch, wie und in welchem Zusammenhang wir diese verwenden, liegt in unserer Verantwortung. Man frage nach bei Philipp Jenninger, dem ehemaligen Bundestagspräsidenten. Einen Tag nach seiner Rede am 10. November 1988 im Deutschen Bundestag anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Pogrome im November 1938 trat Jenninger von seinem Amt zurück und verzichtete auch auf eine erneute Kandidatur bei der Bundestagswahl 1990.

Die Vorwürfe ihm gegenüber hätten heftiger kaum ausfallen können: Mit Knobelbechern sei er durch die Geschichte marschiert, so der Spiegel, Jenninger habe keinen historischen Fehler vermieden, so die Süddeutsche Zeitung, und die italienische La Stampa bescheinigte ihm gar „Verständnis für den Nazismus“.

Wie so oft gehören zur Verantwortung immer zwei. In diesem Fall, die, die sprechen und die, die zuhören. Die nachträgliche Einschätzung Jenningers selbst, die Rede sei von vielen nicht so verstanden worden, wie er sie gemeint habe, ist vor diesem Hintergrund eine passende Überschrift für den Skandal im Bundestag vor etwas mehr als 20 Jahren. Jenninger begründete seinen Rücktritt damit, das Amt solle keinen Schaden erleiden, und übernahm dadurch seinen Teil der Verantwortung. Er ist dafür eingestanden, Teil eines Missverständnisses gewesen zu sein.

Einer von denen, die dieses Missverständnis näher untersucht haben, ist Holger Siever, ehemals Lehrbeauftragter für Interkulturelle Kommunikation an der Universität Mainz. In seiner Doktorarbeit „Kommunikation und Verstehen“ unterzog er Jenningers Rede einer genaueren Betrachtung. Es ging ihm dabei nicht nur um die Rede selbst. Siever wollte Erkenntnisse gewinnen über das, was er als kooperierendes Verstehen bezeichnet, als die Bereitschaft, den anderen verstehen zu wollen. Einer Bereitschaft, der sich Jenninger nicht sicher sein konnte, weil seine Zuhörer ihm diese verweigerten.

Die Gründe hierfür waren vielfältig. Zum einen wagte sich Jenninger an eine Perspektive, die für eine Gedenkrede durchaus ungewöhnlich war: Er stellte die Täter und nicht die Opfer in den Mittelpunkt seiner Rede. Sein Gedenken galt denen, die sich schuldig gemacht hatten. Er stellte die Frage, wie es dazu hatte kommen können, und was nötig ist, damit es nie wieder dazu kommt. Damit enttäuschte er eine grundlegende Erwartungshaltung. Das war das Eine.

Zum anderen bediente sich Jenninger in seiner Ansprache immer wieder der Form der erlebten Rede, was ihm den Vorwurf einbrachte, er habe sich durch die Übernahme der nationalsozialistischen Sprache nicht ausreichend von deren Inhalten distanziert. Die von Jenninger später wahrgenommene Eiseskälte, die ihm aus dem Publikum entgegenschlug, war zudem wohl darauf zurückzuführen, dass Unaufmerksamkeit und Unruhe herrschten. Schon nach knapp zwei Minuten wurde Jenninger in seiner Rede unterbrochen, und etliche Abgeordnete verließen nach und nach den Saal. Ob gewollt oder ungewollt, es entstand eine Atmosphäre des Missverstehens. Wer bereit ist, einen zweiten Blick auf Jenningers Rede – besser ein zweites Ohr – zu wagen, dem sei der folgende Link empfohlen: http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/mp3s/jenninger_rede.mp3. Nur Ton, kein Bild, 45 Minuten lang. Wenn Sie sich die Zeit nehmen, genauer hinzuhören, werden Sie sich eine eigene Meinung bilden können. Ob Sie danach die Einschätzung teilen, Jenningers Rede sei ein Werben um Verständnis für die Täter oder er habe den Holocaust verharmlost, wissen wir nicht, bezweifeln es jedoch.

„Die Erinnerung wach zu halten, die Vergangenheit als Teil unserer Identität als Deutsche anzunehmen, das verheißt uns Älteren wie uns Jüngeren Befreiung von der Last der Geschichte“, sagt Philipp Jenninger gegen Ende seiner Rede. Zu dieser Erinnerung gehört eben auch, sich ernsthaft mit den Tätern auseinanderzusetzen. So vertrat der Historiker Christian Meier zwei Jahre vor Jenningers Rede in der FAZ die Auffassung, es sei „notwendig, alles zu versuchen, um zu verstehen, was am Handeln unserer Großeltern und Eltern verstanden werden kann. Wir müssen unsere Vergangenheit nicht nur mit Verurteilen, sondern auch mit Verstehen begegnen“. Philipp Jenninger hat diesen Versuch unternommen. Er hat versucht, sowohl zu verstehen, als auch zu verurteilen. Das kann misslingen. Gar nicht erst verstehen zu wollen, misslingt jedoch immer. Im Bundestag oder anderswo.


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