Jean Ziegler, der sympathische Schweizer, redet ebenfalls gerne Tacheles. Ihm geht es um die Folgen jenes Business, das nun einmal so läuft, wie es läuft. Ein Business, in dem nach seiner Auffassung der „sympathische Herr Brabeck“ auch nur ein kleines Rädchen in einem System darstellt, das sich mehr zuraunt, als es zu leisten imstande ist, und mehr Trauerstimmung rund um den Globus produziert, als es uns lieb sein sollte. Wer wie Jean Ziegler für das Menschenrecht auf Nahrung in der Verantwortung steht, hat die Aufgabe, seine Finger in die Wunden zu legen, die in der Welt eines Peter Brabeck nicht zu existieren scheinen. Die Augen zu verschließen, das ist Zieglers Sache nicht. Anderen die Augen zu öffnen, das ist seine Sache. Und er weiß, wie das geht mit dem Augenöffnen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund bei seiner Suche nach Verantwortung, er stellt Zusammenhänge her, politische und ökonomische, er hat Zahlen und Informationen, er zeigt Emotionen und appelliert an die unsrigen, in erster Linie an unser Mitgefühl.

Wir erfahren, dass vier Fünftel des Getreides in der Schweiz aus Indien kommt, einem Land, in dem laut UN-Statistiken rund 200 Millionen Menschen unterernährt sind. Wir lernen, dass die westlichen Regierungen jeden Tag eine Milliarde Euro an ihre Mitgliedstaaten zahlen, um die Produktion und den Export von Agrarprodukten zu subventionieren. Damit tragen sie erheblich dazu bei, die Agrarwirtschaften der südlichen Halbkugel zu zerstören, weil europäisches Gemüse zum Beispiel auf den Märkten in Dakar im Senegal deshalb zu einem Drittel des Preises der heimischen Produkte angeboten werden kann. Die Folgen sind absurd: Wir liefern Gemüse nach Afrika, und Afrika liefert uns Menschen, die sich unter Todesgefahr auf die Reise nach Europa machen, um zu überleben.

Jean Ziegler schont weder die großen Konzerne, noch die Politik, noch uns, die wir als Konsumenten Teil dieses absurden und menschenunwürdigen Systems sind, ohne es zu wissen oder wissen zu wollen. Doch wer nichts weiß oder nichts wissen will, der ist noch lange nicht seiner Verantwortung entbunden, es besser wissen zu wollen. Wer sich seiner Verantwortung stellen will, der will es wissen, auch wenn es seine Vorstellungskräfte übersteigt, auch wenn es wehtut!

Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, alle vier Minuten verliert jemand sein Augenlicht aus Mangel an Vitamin A, 842 Millionen Menschen sind jährlich chronisch unternährt. Und das, obwohl laut dem „World Food Report“ der Vereinten Nationen die heutige Weltlandwirtschaft problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte. Für Jean Ziegler ergibt sich daraus eine ebenso einfache wie brutale Schlussfolgerung: „Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet!“ Und wo ein Opfer, da ist auch ein Täter, oder da sind ganz viele – sollte man meinen.

Wie wir bereits festgestellt haben, braucht Verantwortung ein Gesicht, sie braucht ein Gegenüber. Da aber die wenigsten von uns die Elendsviertel rund um den Globus aus eigener Anschauung kennen, empfinden wir die Katastrophennachrichten von dort allzu rasch als abstrakten Meldungen aus einer fernen, mit uns nicht in Verbindung stehenden Welt. Und Abstraktionen sind wenig geeignet, um Verbundenheit aufzubauen.

Ohnehin scheint die moderne Wirtschaftspolitik, uns eine menschliche Eigenschaft austreiben zu wollen, unsere Fähigkeit zum Mitleid zur Empathie, so der Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Chef der Weltbank Joseph Stieglitz. Ent-empathisierung und Dehumanisierung, Mitleidlosigkeit und Entmenschlichung, nennt Stieglitz diese gegenwärtig vorherrschende wirtschaftliche Logik, die ihn in ihren Grundzügen an moderne Kriegsführung erinnert. Wenn heute Bomben aus 15000 Metern abgeworfen werden, dann wirkt das wie ein Videospiel. In der Weltwirtschaft fallen keine Bomben, aber es werden globale Statistiken erstellt. Videospiel und Statistik, beides ist bestens geeignet, den Menschen, auf den die Bomben fallen, den Menschen, der existenzielle Not leidet, in Vergessenheit geraten zu lassen.

Nach der Vorstellung Arthur Schopenhauers sind es zwei Haupttriebfedern, die unser Handeln bestimmen: der Egoismus, der das eigene Wohl will, und die Bosheit, die das fremde Weh will. Aber Schopenhauer hat noch eine dritte ausgemacht: das Mitleid, das das fremde Wohl will. Wir scheinen auf dem besten Wege zu sein, uns dieses zu berauben. Was übrig bliebe, verheißt nichts Gutes: eine Welt voll boshafter Egoisten.

Damit es nicht soweit kommt oder nicht noch weiter kommt, braucht es Menschen wie Erwin Wagenhofer, Jean Ziegler oder Florian Opitz, der Joseph Stieglitz zu Beginn seines Films „Der große Ausverkauf“ zu Wort kommen lässt, um uns auf die Folgen mitleidlosen Handelns aufmerksam zu machen. Menschen mit bildlicher Sprache und filmischem Bildmaterial, die uns zeigen, welche Konsequenzen unser Wollen für das Wollen anderer hat, die Verbundenheit herstellen zwischen denen, die viel haben, nämlich uns, und denen, die wenig, bis gar nichts haben, und die Zusammenhänge aufzeigen, warum es so ist, wie es ist. Und es braucht uns, die wir bereit sind, ihre Filme zu gucken und uns zu fragen, was all das mit uns zu tun haben könnte. Verantwortung braucht Mut. Mut, den Tatschen ins Auge zu sehen und den Irritationen, den Zwangslagen, der Ohnmacht und den Widerwillen, den echte Bilder und Geschichten hervorbringen, auszuhalten.

Man muss hartgesotten sein, um sich vorzustellen, das Mütter Wasser zum Kochen bringen und Steine hineinlegen, und ihren Kindern sagen, dass das Essen bald fertig ist, in der Hoffnung, dass diese in der Zwischenzeit einschlafen und endlich aufhören zu weinen. Das Programm der Mitleidlosigkeit und Entmenschlichung müsste schon sehr erfolgreich gewesen sein, wenn wir beim Anblick der Wasserquelle, aus der die Eltern das Trinkwasser für sich und ihre Kinder beziehen, kein Mitleid empfänden oder das Schreien des Zickleins überhörten, dass die Bauern von ihrer Mutter getrennt haben, um von ihrer Milch die eigenen Kinder zu ernähren. Es ist etwas anderes, wenn wir bloß darüber reden, „den Gürtel enger zu schnallen“, darüber zu lesen, dass „die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht“, oder uns davon berichten lassen, dass „Afrika im Chaos versinkt und wir im Überfluss leben“, als wenn wir uns bewusst machen, was das tatsächlich bedeutet.


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