Peter Brabeck war über zehn Jahre der mächtigste Mann eines der mächtigsten Unternehmen der Welt. Bis 2007 war er der CEO von Nestlé, alleiniger Geschäftsführer des weltweit größten Lebensmittelkonzerns. Für Peter Brabeck sind alle Fragen, die uns das Leben stellt, in etwa so einfach zu beantworten wie die Gewinnspielfragen im Privatfernsehen. Die Verantwortung eines Unternehmens besteht darin, Gewinne zu machen. Arbeit muss erst geschaffen und dann verteilt werden. Und das negative Weltbild sollte endlich durch ein positives abgelöst werden: „Ich sehe absolut keinen Grund, warum wir nicht positiv in die Zukunft schauen sollten. Wir haben noch nie so gut gelebt, wir waren noch nie so gesund, wir haben noch nie so lange gelebt wie heute, wir haben alles, was wir wollen und sind trotzdem psychologisch in einer Trauerstimmung.“ Das sagt Brabeck am Ende von Erwin Wagenhofers Film „We feed the world – Essen global“. Er sagt noch einiges weitere, und sechs Minuten später weiß der Zuschauer mehr. Über Verantwortung, Arbeit, das Recht auf Wasser, positives Weltbild und Automatisierung.

Es ist keine Übertreibung, wenn man den „sympathischen Österreicher“ – wie Jean Ziegler, der UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, Brabeck nennt – zugleich als Repräsentanten und Opfer einer Logik bezeichnet, die der Schweizer Ziegler als Profitmaximalisierung beschreibt. Einer Logik, der der Geschäftsführer von Nestlé ein Gesicht gibt, und gegen die der UN-Sonderberichterstatter leidenschaftlich ankämpft. Wem diese Profitmaximalisierung ohnehin verdächtig erscheint, dem bereiten die Aussagen Brabecks Unbehagen – wer zuvor den gesamten Film von Erwin Wagenhofer gesehen hat, dem tun sie weh.

Peter Brabeck ist geradezu ein Musterbild für den fleischgewordenen Homo oeconomicus. Vernunftbetont bis ins Mark, freiwillig oder unfreiwillig zynisch in seinen Aussagen und einfach gehalten. Brabeck liebt den technischen Fortschritt und weniger die Natur, er schätzt die Arbeit, den Erfolg, und ja, er liebt auch die Macht. Wer ihn zur Verantwortung befragt, dem erklärt Brabeck, wer alles von Nestlé abhängig ist, und nicht, wem gegenüber der Konzern verantwortlich ist. Er weiß die Guten von den Bösen zu unterscheiden. Er kämpft gegen grüne Ideologen, die nichts anderes im Sinn hätten als längst Überwundenes zu romantisieren und den Fortschritt zu verteufeln. Für Brabeck ist „Bio nicht das Beste“, sondern reine Ideologie und Heuchelei, ebenso wie die damit verbundene Ablehnung der Gentechnik. Schließlich gäbe es keinen nachweislichen Krankheitsfall, der sich auf gentechnisch veränderte Produkte zurückführen ließe.

Natur gegen Kultur. Heuchelei gegen Tacheles. Auf welcher Seite Brabeck steht, ist dem Betrachter schnell klar. Auf der richtigen. Für die jeweils andere Seite, dass sich ihre Überzeugungen als falsch herausgestellt haben oder bald als falsch herausstellen werden.

Wenn das Leben doch immer so einfach wäre! Für jede Frage, die uns das Leben stellt, gibt es zwei mögliche Antworten: Die eine ist falsch, die andere ist richtig und in unserem Besitz. Gentechnik oder Bio? Arbeit schaffen oder verteilen? Wasser zum öffentlichen Recht erklären oder privatisieren?

Peter Brabeck folgt dieser einfachen Logik in aller Konsequenz. Die Antwort, die nicht die seine ist, nennt er extrem. Es ist jene Antwort, auf die insbesondere die Nichtregierungsorganisationen pochen, nämlich „dass Wasser zu einem öffentlichen Recht erklärt wird, das heißt, als Mensch sollten Sie einfach das Recht haben, Wasser zu haben. Das ist die eine Extremlösung“. Die andere, aus Sicht eines Lebensmittelkonzernchefs vernünftigere Lösung besteht darin, den lebenswichtigsten Rohstoff, den wir auf unserer Welt haben, zu privatisieren, um davon profitieren zu können.

Eine nachvollziehbare Logik. Schließlich ist Wasser ein Lebensmittel wie jedes andere. Es kommt ja auch niemand auf die wahnwitzige Idee, Chips und Pizza zu öffentlichen Gütern zu erklären. Alles hat eben einen Marktwert. Doch in diesem Fall scheint dem mächtigsten Mann der Lebensmittelindustrie die eigene Argumentation selbst nicht ganz geheuer zu sein. Fordert er doch nach der Privatisierung für „den Teil der Bevölkerung, die keinen Zugang zum Wasser hat, spezifischere Eingriffe, für die es ja verschiedene Möglichkeiten gibt“. Vor dem Hintergrund, dass Milliarden Menschen keinen freien Zugang zu Trinkwasser haben, wäre eine Konkretisierung dieser spezifischen Eingriffe und Möglichkeiten von einem der führenden Manager auf diesem Gebiet, sagen wir einmal, wünschenswert.


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