Welchem Zweck dient das, was ich tue oder nicht tue? Wir wollen Geld, Dominanz, Status quo, Fernsehen oder Sitzplätze, und das sollten wir uns bewusst machen.

  • Ja, ich hätten die Stelle als Projektleiter in der Stiftung, die sich um bessere Bildungsmöglichkeiten für Kinder in Schwellenländern einsetzt, haben können, aber ich wollte nicht, hätte ich doch auf die Hälfte meines jetzigen Gehalts verzichten müssen.
  • Ja, es gab die Möglichkeit in der Diskussion nachzugeben, aber ich wollte das nicht, ich wollte meinen Gesprächspartner dominieren.
  • Natürlich hätte ich meinen Vorgesetzten auch widersprechen können, aber ich wollte das nicht, weil ich keine Lust auf negative Konsequenzen habe.
  • Ja, ich hätte heute mein Buch weiterlesen können, bin aber dann doch wieder vor dem Fernseher eingeschlafen.
  • Ja, ich hätte meinen Sitzplatz jemandem anbieten können, war aber selber froh zu sitzen.

Das hat einen großen Vorteil: Wer den Finger an der eigenen Nase hat, hat keine Zeit mit diesem auf andere oder anderes zu zeigen. Wer sich seiner selbst bewusst wird, der bemüht sich erst um eigene Antworten auf eigene Fragen, bevor er Antworten von anderen erwartet, und er wird feststellen, dass er die Welt um sich herum mit anderen Augen sieht, weil er mit Argusaugen auf sich selbst schaut und auf das, was er tut.

  • Wer auf sich schaut, der nimmt direkten Anteil an der Welt, in der er lebt, der beobachtet nicht aus sicherer Entfernung. Der gibt sich nicht damit zufrieden, zu wissen, wie es besser geht, der schaut erst einmal, was überhaupt geht: Der verklärt nichts und macht sich nichts vor.

Wir kaufen bei Discountern ein, weil wir Geld sparen wollen, wir nehmen die verkorkste Beziehung zu unseren Mitarbeitern in Kauf, weil wir die meisten ohnehin für Idioten halten, wir nutzen unsere persönliche Beziehungen, weil wir uns davon handfeste Vorteile versprechen, und wir kaufen Markenklamotten, weil sie wichtig für unseren sozialen Status sind. Wir reden mehr als andere, weil wir mehr zu sagen haben, wir beharren auf unseren Standpunkten, weil die der anderen auf tönernen Füßen stehen, und wir lesen die BILD-Zeitung, weil wir uns empören wollen. Wir haben begriffen, dass es an uns liegt, ob wir die Welt um uns herum als gegeben oder als gestaltbar betrachten wollen. Wir sind ein Teil von dem, was um uns herum geschieht, wir handeln unseren eigenen Neigungen und Vorlieben entsprechend, so wie alle anderen auch.

Mit dem Unterschied, dass wir dafür ohne Wenn und Aber die Verantwortung übernehmen.

  • Wir Fernsehzuschauer geben zu, dass die Tour de France mit Lance Armstrong – Doping hin oder her – spannender ist als ohne ihn.
  • Wir Banker wussten schon früh, dass unsere Tresore voll mit faulen Krediten sind, aber wenn wir als Erster den Kopf rausgestreckt hätten, wäre allein unser Aktienkurs ins Bodenlose gestürzt.
  • Uns Politikern war klar, dass wir durch den stetigen Abbau von Regulierungen mit zur Finanzkrise beigetragen haben, aber wir wollten mitverantwortlich sein für eine boomende Wirtschaft und Wahlen gewinnen.
  • Ja, ja, ich als Konsument sehe die Schilder in den T-Shirts, und ich habe keine Ahnung wie die Produktionsbedingungen in Bangladesch sind, aber für 50 Euro habe ich eine ganze Tüte voll Klamotten.
  • Natürlich weiß ich als Autofahrer, dass ich nicht rechts überholen darf, aber ich bin diese Verkehrserzieher, die mit hundert über die linke Spur schleichen, einfach satt, und dann kostet das jetzt eben.
  • Ich als Vertriebsprofi wollte mir keine Gedanken darüber machen, ob man auch in anderen Ländern Geschäfte machen kann, weil ich von Umschlägen unter Tischen gut leben konnte.
  • Einmal im Jahr will ich als Tourist halt leben wie Gott in Thailand, mit allem, was dazugehört, schließlich habe ich Urlaub!

Zeit für Tacheles! Wir tun nicht so, als hätten wir mit alledem, was uns um herum passiert, nichts zu tun, als ginge uns das nichts an. Wir haben gesagt, was wir wollen, unumwunden und gerade heraus, ohne Ausflüchte und ohne Ausreden. Wir bekennen uns zu dem, was wir wollen. Wir setzen uns auf kein moralisches Ross. Wir rücken unser eigenes Handeln weder ins Licht der ethischen Untadeligkeit noch der sozialen Erwünschtheit. Wir geben nicht vor, eigentlich etwas ganz anderes zu wollen oder verweisen darauf, keine Wahl gehabt zu haben. Wir hatten die Wahl, und wir haben uns entschieden. Basta!

Aber ist das nicht eine merkwürdige Vorstellung von Verantwortung? Fehlt da nicht noch etwas Entscheidendes?

Ja es fehlt noch etwas sehr Entscheidendes: selbstständig Antworten auf die Frage zu finden: Gefällt mir das, was ich will?

Share This