Als Kind der achtziger Jahre und als sportlicher Trendsetter dürfte Mehmet Scholl ein Paar Sportschuhe mit Klettverschluss besessen haben. Dieser wurde in den fünfziger Jahren nach dem Vorbild der Klettfrüchte entwickelt. Zugegeben, diese Information ist nicht unbedingt geeignet, die ganz großen ökologischen und sozialen Herausforderungen auf unserem Erdball zu lösen, aber ein amüsantes Beispiel für den vielfältigen Dialog zwischen Mensch und Natur.

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Diese Weissagung der Cree-Indianer gehörte zu den Klassikern des politischen Aufklebers der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, neben „Atomkraft, nein danke“ und der weißen Friedenstaube auf blauem Grund. Der von Frieden und Umwelt bewegte Mensch begehrte auf gegen ökologischen Raubbau, atomare Aufrüstung, Waldsterben und FCKW in Deo- und Haarspray. Der Marsch gegen und in die Institutionen des Landes hatte begonnen. Die Erde sollte nicht länger unser Untertan sein, sie sollte von nun an unserem Schutz unterstehen.

Doch das politische Klima war aufgeheizt. Der Umweltschutz war noch lange nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen und weit davon entfernt, als vorrangiges gesellschaftspolitisches Ziel Gültigkeit beanspruchen zu können. Der Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl reagierte auf seine Weise auf den ökologischen Idealismus und seiner Vertreter, indem er forderte, man solle die Grünen hängen, solange es Bäume noch gebe. Und so manch anderer reagierte auf den unterstellten Ökoterror mit schlauen Sprüchen wie: „Mein Auto fährt auch ohne Wald.“

Ein grünes Zeitalter? Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Idealisten von damals und ihre Ideen sind mittlerweile ein fester Bestandteil in unserem gesellschaftspolitischen Selbstverständnis geworden und genießen eine hohe Akzeptanz in immer breiteren Teilen der Bevölkerung. Fair Trade, Eco-Fashion, Naturkosmetik, grüne PCs, grüne Technologien und Deoroller sind längst keine Fremdwörter mehr in den westlichen Industriegesellschaften. Selbst der Warenkorb von Mehmet Scholl dürfte mittlerweile mit den Zielen der LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) vereinbar sein: Danach geht es „nicht um Verzicht, sondern um Befreiung aus einem überholten Kulturmuster, nicht um Verlust, sondern um Gewinn an Lebensqualität“.

Es grünt, und es darf Freude machen. Genuss und Umweltschutz sind kein Widerspruch mehr. Die Sprache der Preise hat sich des ökologischen Problems angenommen und die Sprache der mit Ideologie infizierten politischen Rede und Gegenrede in den Hintergrund treten lassen. Fair gehandelter Kaffe? Gerne, wenn er schmeckt! Ökomode? Prima, wenn sie gut aussieht! Die Weissagung der Cree scheint abgewendet. Wir leben in Einklang mit der Natur. Wir haben gelernt unser Geld sinnvoll auszugeben, statt es essen zu müssen. Nur, so einfach ist es leider nicht. Auch wenn Biomarken die Discounter erobern, Hollywoodstars Autos mit Hybridmotoren bevorzugen und die Plastiktüte mit der kompostierbaren Variante um die Gunst der Einkaufenden buhlt, ist es noch etwas verfrüht, ein grünes Zeitalter auszurufen.

Noch immer werden jährlich 13 Millionen Hektar Waldfläche gerodet. Rund drei Milliarden Menschen haben keinen ständigen Zugang zu sauberem Trinkwasser, und ungefähr 50 Prozent der weltweiten Gewässer sind überfischt. Allem Umdenken zum Trotz berauben wir uns weiterhin unserer Lebensgrundlagen und gleichzeitig des größten Patentarchivs, das uns zur Verfügung steht. Noch immer wütet die Krone der Schöpfung in selbiger.

Doch eines hat sich verändert: Die Einsicht ist eingekehrt, dass sich etwas ändern muss. Der politische Stellungskrieg zwischen der Wirtschaft und den Idealisten neigt sich dem Ende zu. Den Problemlösungen und Problemlösern gehört die Zukunft – in der Politik, in der Wirtschaft und in den Wissenschaften. Und wer wäre ein geeigneter Problemlöser als die Natur selbst mit ihren Millionen von intelligenten Designern, die die Evolution seit nunmehr dreieinhalb Milliarden Jahren hervorgebracht hat?

Was wir gegenwärtig und zukünftig brauchen, ist eine ernsthafte Aufmerksamkeit gegenüber der unfassbaren natürlichen Vielfalt um uns herum. Eine Aufmerksamkeit, die sich weder zum kulturellen Herrscher über die Natur aufschwingt, noch in romantischer Ergriffenheit vor ihrer urwüchsigen Schönheit erstarrt. Wer selbst etwas schöpfen will, der muss mit der Schöpfung in einen Dialog treten, ihr mit offenen Augen begegnen und von ihren intelligenten Problemlösungen profitieren. Wer etwas lernen will, der sollte genauer hinsehen, mit wem er es eigentlich zu tun hat.


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