Der englische Sänger und Songwriter Steven Patrick Morrissey singt in dem Song „How soon is now“ eine gleichermaßen zeitlose wie anrührende Textzeile: „I am human and I need to be loved!“ Ohne den menschlichen Wunsch nach Liebe und Anerkennung durch seine Mitmenschen und die Angst davor, diese Sehnsucht nicht erfüllt zu bekommen, würde das gute Benehmen ein wohl noch trostloseres Schattendasein fristen, als es ihm ohnehin schon 90 Prozent unserer Mitmenschen attestieren.

In allen Werken zur Lebensklugheit werden stets dieselben Fragen zum Ausgangspunkt der moralphilosophischen Betrachtung gemacht: Wie gelingt es mir als einzelnes Individuum bestmöglich, mich und meine Interessen zur Geltung zu bringen und welche Strategien benötige ich, um mir die Anerkennung meiner Mitmenschen zu sichern? Schon immer waren sich die unterschiedlichen Autoren über die Jahrhunderte darüber einig, dass neben die Vervollkommnung des eigenen Charakters ein formvollendeter Auftritt gehöre. Dabei ging es nicht immer um Liebe, aber mindestens um Achtung. So wusste Adolph Freiherr Knigge zu berichten, dass „es nicht immer in unserer Willkür steht, geliebt, aber immer von uns abhängt, nicht verachtet zu werden“.

Wir wissen, diese Achtung ist nicht nur von unseren „inneren Werten“ abhängig! Ein wenig Make-up darf es schon sein, wenn wir die Kunst beherrschen wollen, uns und unsere Vorzüge zur Geltung zu bringen. Und da keiner von uns dem anderen in den Kopf gucken kann und ja bekanntlich der erste Eindruck zählt, sollten wir unsere eigenen Vorurteile und die unserer Mitmenschen nicht unterschätzen. Ein wenig Schein darf schon sein, um das Sein zu unterstreichen!

Denn natürlich sagt alles – unsere Kleidung, das Auto, das wir fahren, der Beruf, den wir ausüben, die Musik, die wir hören, die Hobbys, die wir haben, die Menschen, die wir kennen, die Restaurants und Klubs, die wir besuchen, das, was wir essen, trinken oder lesen – etwas über unseren Stellenwert aus, den wir in den Augen unserer Mitmenschen für uns beanspruchen dürfen und den wir ihnen zugestehen.

Jede Gruppe besitzt ihre eigenen Regeln und Zeichen, denen nachzugehen den Rahmen dieses Kapitels, ja, des gesamten Buches sprengen würden. Statussymbole sind nun einmal gruppenspezifisch und abhängig vom Zahn der Zeit, der beständig an ihnen nagt. Aber so leicht – da haben Sie Recht – kann man sich natürlich nicht aus der Verantwortung stehlen. Ein paar ausgesuchte „Schminktipps“, wie es uns gelingen könnte, uns wenn schon nicht die Liebe, dann wenigstens die Anerkennung unserer Mitmenschen zu erwerben, möchte ich Ihnen daher nicht vorenthalten.

Zu diesem Zweck habe ich mich gezielt auf die Suche nach Regelkatalogen gemacht, die ganz unverblümt zum Ausdruck bringen, welche Zeichensprache sie von ihren jeweiligen Mitgliedern erwarten. Denn wer die Kunst zu erwerben trachtet, seinen eigenen Status zu unterstreichen und zu erhalten, der sollte eines ganz bestimmt beherrschen: das aufmerksame Studium seiner selbst und der Umgebung, in der er sich bewegt. (Für Interessierte an einer umfassenden soziologischen Analyse des Statusphänomens verweise ich an dieser Stelle noch einmal auf Pierre Bourdieus fast 900 Seiten starkes Werk „Die feinen Unterschiede“. Viel Spaß dabei!) Einer der wohl amüsantesten „individuellen Statusleitfäden“ ist mir auf den Internetseiten des Herrenausstatters „Chelsea Farmers Club“ in die Hände gefallen, doch urteilen Sie selbst! Unter der dem einleitenden Satz: „Damit das hier auch alles seine Ordnung hat, haben wir ein paar Regeln aufgestellt“, fand ich die folgenden:

„1. Trage niemals kurzärmelige Hemden!

  1. Bedecke im Sommer Deine Füße!
  2. Verwirre einmal im Monat Deine Mitmenschen!
  3. Benutze niemals einen Elektrogrill!
  4. Bist Du im Besitz eines großvolumigen Autos, lächle dem Tankwart unaufgefordert zu!
  5. Bereite Dir und Deinen Freunden einmal im Monat eine Dose Ravioli oder ein Vollkornbrot mit Sardinen in Olivenöl zu!
  6. Lou Rawls, der wohl auf der gesamten Erde größte Entertainer aller Zeiten, sollte
    a) einmal auf Deinem Geburtstag aufgetreten sein und
    b) gerahmt in Deinem Gästeklo hängen!
  7. Verhalte Dich ruhig, sollte sich herausstellen, dass Deine Tanzpartnerin nicht mithalten kann!
  8. Besuche in Hallenbädern sind vollkommen indiskutabel!
  9. Durchquere einmal im Leben Deine Heimat mit dem Wohnwagen oder auf dem Rücken eines Pferdes!
  10. Respektiere zu jedem Zeitpunkt die Schönheit und Vergänglichkeit der Natur!“

Zugegebenermaßen ein eher männliches Manifest, aber eines, dass die Haltung seiner Verfasser und die damit verbundenen Erwartungen an die Klubmitglieder sowohl hinsichtlich ihres Verhaltens als auch ihres Auftretens mit dem gebotenen Augenzwinkern zum Ausdruck bringt.

Sie sind kein Mann, benutzen Elektrogrills, tragen sehr wohl offene Schuhe im Sommer, hassen Sardinen und wissen weder, wer Lou Rawls ist, noch, warum Hallenbäder indiskutabel sein sollen? Gut, dann ist der „Chelsea Farmers Club“ für Sie die falsche Adresse! Aber vielleicht machen Sie sich einfach mal den Spaß und stellen Ihren eigenen „Statuskatalog“ für Ihre sozialen Kontexte auf, sei es im Privaten oder im Beruflichen! Oft hilft es ja zu wissen, was man nicht will, um sich bewusst zu machen, was einem selbst wichtig ist und wie das eigene Urteil über andere zustande kommt. Nehmen Sie dabei sich und Ihre eigenen Ansprüche nicht zu ernst, geben Sie auch „Sardinenliebhabern“ und „Hallenbadmuffeln“ eine Chance, kaufen Sie eine Lou-Rawls-CD, und vergessen Sie bei der Suche nach Ihren persönlichen Statussymbolen niemals die Worte von Steven Patrick Morrissey: You are human and you need to be loved, like anybody else!

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