„Immer war für die Redekunst das Verständnis des Publikums maßgeblich. Denn alle, die Beifall finden wollen, haben die Einstellung der Zuhörer im Auge, richten sich ganz nach ihr und passen sich dem Urteil und dem Willen der Hörer an.“ Hätte sich Dr. Eddie Fitzgerald, der Titelheld der Krimifernsehserie „Für alle Fitz“, die Mahnung Ciceros zu Herzen genommen, dann wäre es ihm erspart geblieben, seiner weinenden Tochter hinterherzulaufen und sich für sein „Missgeschick“ in aller Form zu entschuldigen. Was war passiert?

Extra aus dem fernen Australien angereist, um der Hochzeit seiner Tochter in Manchester beizuwohnen, hat es sich der für seine beißende Ironie bekannte Polizeipsychologe Fitz nicht nehmen lassen, als Brautvater eine Rede zu halten: „Er ist wirklich ein wunderbarer Mann, er hat alles, was Du an Deinem alten Vater vermutlich immer vermisst hast. Er ist selbstbewusst, klug, charmant, sensibel und einfühlsam und bringt wirklich alles mit, was man als liebender Vater seiner Tochter wünschen kann. Was ich nur nicht verstehe, warum Du ihm letztes Jahr den Laufpass gegeben hast und nun Peter heiratest …“

Statt eines herzhaften Lachers in der Zuhörerschaft sah sich der „liebende Vater“ mit betretendem Schweigen im Auditorium und einer vom Brauttisch flüchtenden Tochter konfrontiert. Dumm gelaufen! Selbst den für ihren skurrilen Humor bekannten Briten ging der Auftritt von Fitz doch ein Stück zu weit. Statt Verständnis nichts als Unverständnis. Rednerprüfung nicht bestanden!

Damit steht der gute Fitz alles andere als allein da. Ganze Seminarkataloge sind gespickt mit dem Versprechen, aus nervösen, sich verhaspelnden, unstrukturierten, langatmigen Amateurrednern charismatische Profis zu machen. Und die Erfahrung zeigt, dass dies für den beruflichen Bereich durchaus Früchte trägt. Schwitzige Hände und trockener Mund gehören für viele Seminarbesucher tatsächlich der Vergangenheit an. Die Ansprache gegenüber Mitarbeitern und Führungszirkeln wird zur leichtesten Übung, und der Auftritt auf Tagungen und Kongressen gerät zum umjubelten rhetorischen Meisterwerk.

Doch wehe, es wird persönlich! Kerzenschein und gedeckte Tafeln, viele nette Menschen zu Mamas Sechzigstem, Jonas’ Taufe oder Nataschas Hochzeit. Gelöste Stimmung, Stimmengewirr, lautes Lachen, Gläserklirren und Wiedersehensfreude werden jäh durch den Messerschlag ans Weinglas unterbrochen, gespanntes Gemurmel und plötzlich Totenstille, wenn wir uns von unserem Stuhl erheben, den Anzug oder das Kleid zurechtrücken und mit einem kurzen Räuspern unsere vorbereitete Rede beginnen …

Was nun folgt, liegt ganz in Ihrer Hand. Um jedoch den Schlüssel zum Verständnis Ihrer Zuhörerschaft in den Händen halten zu können, sollten Sie nichts dem Zufall überlassen:

  • Ruhen Sie sich nicht auf den Lorbeeren Ihrer Erfolge als Kongressredner aus, sondern vergegenwärtigen Sie sich die Spielregeln für die Redekunst bei privaten Anlässen.

Jede Rede anlässlich von Geburtstagen, Hochzeiten, Taufen oder sonstigen familiären Zeremonien ist unweigerlich mit der Unterbrechung der laufenden Gespräche verbunden. Jeder Ihrer Zuhörer weiß, dass das Glas erklingen wird, doch mindestens die Hälfte fürchtet sich vor Ihrem Auftritt. („Hoffentlich redet die nicht so lange wie Carolins Vater!“, „Und bitte nicht wieder einen zwanzig Minuten dauernden Ausflug in die seligen Kindheitstage; Teddybären, erste Worte und Zähne, das brauche ich jetzt wirklich nicht!“) Kurzum: Ihre Zuhörer haben Angst vor einem peinlichen Auftritt, und sie sind sehr sensibel …

  • Reden sollten kurz sein!

Zwanzig Minuten? Um Himmels Willen. Was immer Sie vorbereitet haben, werfen Sie die Hälfte Ihrer Rede in den Mülleimer!

  • Eine Rede sollte alle unterhalten. Vermeiden Sie daher „Insidergeschichten“.

Insbesondere Väter, Trauzeugen und engste Freunde neigen dazu, besonders witzige oder anrührende Geschichten aus der „Kreidezeit“ auszugraben, deren Pointen 99 Prozent der Zuhörerschaft nicht folgen kann. Sobald es Ihnen gelingt, einen Tisch zum Lachen zu bringen, während an den anderen fünfzehn Tischen ein gequältes Schmunzeln vorherrscht, können Sie Ihre Chancen auf ein gutes Zeugnis als Redner begraben!

  • Bedanken Sie sich bei den Menschen, die einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen des Festes beigetragen haben, aber übertreiben Sie es nicht – zehn Minuten sind schnell um!
  • Verzichten Sie auf anzügliche Geschichten, und drücken Sie nicht zu stark auf die Tränendrüse. Die Emotionsdichte im gesamten Raum ist der Regel hoch genug, da müssen Sie nicht noch künstlich nachhelfen.
  • Spielen Sie nicht den lustigen Entertainer. Seien Sie Sie selbst. Niemand erwartet von Ihnen, mit den Unterhaltungskünsten eines Harald Schmidt oder Hape Kerkeling zu konkurrieren.

Eine Bühne verleitet dazu, den eigenen Auftritt zur Selbstdarstellung zu nutzen. Das ist dann wirklich peinlich! Nehmen Sie sich zurück. Überprüfen Sie Ihre Rede im Vorfeld auf Ihre eigene Rolle. Überlassen Sie die Hauptrollen denen, die am jeweiligen Abend Ihren Ehrentag begehen.

Sie lieben, es Reden zu halten? Sagen Sie es bloß niemanden, Ihre Chancen jemals wieder eine zu halten, sinken rapide. Ein guter Redner ziert sich, hat natürlich Lampenfieber und fügt sich am Ende doch in sein Schicksal! Wer sich anbiedert oder anpreist, ist mit Vorsicht zu genießen! Erinnern Sie sich noch an das gekonnte Understatement?

„Lieber eine gut abgelesene als eine schlechte freie Rede“, heißt es. Auf den bereits bekannten Tagungen und Kongressen mag das gelten.

  • Im privaten Rahmen sollten Sie in der Lage sein, Ihre warmen, persönlichen Worte frei vorzutragen.

Niemand wird Ihnen das eine oder andere „äh“ übel nehmen, solange Inhalt und Länge stimmen. Machen Sie sich jedoch vorher Notizen, um Ihren Ausführungen Struktur zu verleihen und wesentliche Pointen nicht im Eifer des Gefechts zu vergessen!

Sie haben schon immer gerne gereimt und Gedichte geschrieben? „Thorsten und Sandra sind ein Paar, / und das finden wir wunderbar. / Heute das ist Euer Tag, / doch hört noch meinen teuren Rat: / Seid Euch treu / und / erfindet jeden Tag die Liebe neu!“ Prima. Schreiben und reimen Sie ruhig weiterhin, aber behalten Sie es für sich. Denn schon Cicero wusste, „dass man in allen Dingen sehen muss, wie weit man geht“.

So jetzt wird es aber langsam Zeit, das Dessert wird gerade gereicht, und die Leute wollen ja auch noch das Tanzbein schwingen. Wenn Sie also kurz um Aufmerksamkeit bitten würden …


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