Was sollte jetzt noch schief gehen? Was sollte unsere Vorfreude auf den nächsten Small Talk und die darauf folgende gepflegte Unterhaltung noch schmälern? Jetzt, wo wir wissen, wie es geht? Jetzt, wo das Feuer der Konversation so prächtig lodert?

Und dann das: Es klopft an der Tür zum Kaminzimmer! Und wer bittet um Einlass? Ungebetene Gäste: Menschen, die den Mund nicht aufbekommen, die uns und alle anderen mit ihren belanglosen Geschichten vollquatschen, die alles und jeden in Frage stellen, nur nicht sich selbst, und die zum Lachen in den Keller gehen. Mit solchen „Spezialisten“ das Feuer der Konversation zu entzünden und am Brennen zu halten, bevor die Stichflammen an die Decke schlagen, ist wahrlich kein Vergnügen, ein Zusammentreffen jedoch nicht immer zu vermeiden. Im Gegensatz zu den vorherigen Empfehlungen, die in erster Linie auf das zielen, was wir selbst zum Gelingen einer wie auch immer gearteten Konversation beitragen können, hängt der glückliche Ausgang leider nicht nur an uns. Aber auch! Denn schließlich ist das Zusammentreffen mit „Konversationsbanausen“ ein besonders eindringlicher Appell an unsere Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und Kreativität, um auch diese zwischenmenschliche Herausforderung zu meistern!

Der Langweiler. Ich bin zwar kein Freund des Ausdrucks, dass man „nur die richtigen Knöpfe eines jeden Menschen finden müsse“, um ihn zu „öffnen“, aber im Falle langweiliger Zeitgenossen erscheint mir das Bild durchaus geeignet. Wir haben bereits alles versucht, doch weder unsere Anekdoten, unsere amüsanten Einlassungen noch unseren harmlosen Provokationen haben unserem langweiligen Sparringspartner irgendetwas entlocken können. Für nichts scheint sich dieser zu interessieren.

  • Hier hilft nur eines: Bleiben Sie beharrlich, hören Sie nicht auf, Fragen zu stellen. Irgendwann haben Sie den richtigen „Knopf“ gefunden, und plötzlich werden aus großen Schweigern sprudelnde Quellen der Mitteilung.

Wenn auch nach der hundertsten gezielten Frage nichts passiert, bleibt nur noch der „Notschalter“: „Helfen Sie mir doch bitte, und nennen Sie mir einfach ein Ihnen genehmes Gesprächsthema, oder haben Sie womöglich gar keine Lust, sich mit mir zu unterhalten?“

Der Schwätzer. Der Prototyp des Schwätzers stellt eine Herausforderung ganz anderer Art dar. Kaum haben wir unseren Mund geöffnet, um uns mitzuteilen, fährt dieser uns bereits in die Parade: „Sagen Sie nichts, ich weiß genau, was Sie meinen. Ich erzähle Ihnen mal, was mir da letztens passiert ist. Da glauben Sie an gar nichts mehr.“

Redselige Menschen haben ein Arsenal an rhetorischen Phrasen parat, die sie immer wieder das Gespräch an sich reißen lassen. Da stockt einem wahrlich der Atem, kaum hat man wieder das Wort ergriffen, bitten sie einen: „Nur ganz kurz, halten Sie Ihren Gedanken einfach fest“, oder reden einfach ganz unverblümt drauf los: „Ich widerspreche ja nur ungern, aber wenn ich kurz die folgende Geschichte erzählen dürfte, dann wird Ihnen einiges klar werden!“

Auch die Rolle des oberlehrerhaften Besserwissers ist ihnen alles andere als fremd. Da wird uns unter Vortäuschung eines Lobes auch beim dritten Versuch das Wort entzogen: „Genau, darauf wollte ich hinaus!“, „Ich war wirklich gespannt, ob Sie darauf kommen würden, was ich nämlich noch sagen wollte …“ oder „Gut, dass Sie mich daran erinnert haben!“ sind besonders perfide Phrasen, das Gespräch an sich zu reißen und nie wieder loszulassen! Doch der Gipfel ist die rhetorische Finesse, bereits zu Anfang des „Gesprächs“ darauf hinzuweisen, ein notorischer Vielredner zu sein: „Sie werden das merken, ich rede ganz gerne, aber ich hoffe, ich habe auch was zu sagen!“

  • Dem Schwätzer sind die Grundlagen der gepflegten Unterhaltung schlichtweg egal, ihm ist nichts heilig und schon gar nichts peinlich. Hier hilft nur eines: Gehen oder Gegenhalten!

Alles andere ist zwecklos. Da Sie nicht immer das Weite suchen können, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich derselben Waffen zu bedienen. Lernen Sie einfach die obigen Phrasen auswendig, und bedienen Sie sich ihrer gegenüber Schwätzern mit der gleichen Inbrunst, wie diese es tun!

Vielleicht trägt diese bewusste „Spiegelung“ ja sogar dazu bei, das Verhalten Ihrer geschwätzigen Gesprächspartner ein wenig zu „zivilisieren“ (wobei Sie sich nicht allzu große Hoffnungen machen sollten). Was Sie aber in jedem Fall erreichen werden – sofern Sie bereit sind, in den „Marktschreier-Wettbewerb“ einzutreten –, ist eine signifikante Erhöhung Ihrer Redeanteile und die Chance, so etwas Ähnliches wie einen Dialog zu realisieren, so anstrengend der auch sein mag!

Der Aufschneider. Ein ähnlich verdrießlicher Zeitgenosse ist der Aufschneider. Menschen, die sich mit Vorzügen aufspielen, die Sie nicht besitzen, sind eine Gefahr für jedes Gespräch. Auch sie beherrschen die „Kunst der gezielten Unterbrechung“. Kein Thema, zu dem sie nichts beizusteuern hätten, keine Geschichte, die nicht noch zu toppen wäre, mit ihnen selbst in der Hauptrolle versteht sich.

Der Aufschneider macht jedes echte Gespräch zunichte, weil er nichts stehen lassen kann, auf nichts wirklich eingeht und keine Unsicherheiten oder selbstkritische Fragen duldet. Für jede Situation hat er eine passende Lösung parat, für jedes Verhalten einen Kommentar auf Lager und verhindert so jedes echte zwischenmenschliche Gespräch bereits im Ansatz: „Das ist doch kein Problem! Also, ich gehe direkt auf meine Mitarbeiter zu. Da wird Tacheles geredet. Das brauchen die, was soll ich sagen, das fordern die sogar von mir!“ „Also mir macht da keiner was vor, da bin mit allen Wassern gewaschen, so können die mir nicht kommen, die Herren aus dem Vorstand. Ich bin der doch der einzige, der sich nicht scheut, die unangenehme Wahrheiten anzusprechen.“

Sorgenfalten oder Versagensängste sind dem Aufschneider fremd, er packt an, er löst die Probleme, die wir alle haben, für sich und, wenn gewünscht, auch für uns. Er verkehrt mit den wichtigen Menschen, mit den Siegern und den Machern und ist um keine Antwort verlegen, egal welche Frage wir ihm stellen: „Warum ich zur Miete wohne? Nun, ich habe das Haus von meinem Vater geerbt, werde es aber wohl demnächst verkaufen, meine Wohnung ist schlichtweg zu klein – für mich und meine Gäste.“

Im Umgang mit Aufschneidern ist guter Rat wirklich teuer. Menschen, die keine Kosten und Mühen scheuen, sich interessanter zu machen als sie sind, haben viel Zeit und Energie in das Bild investiert, dass sie vor anderen von sich abgeben. Dieses gezielt zu zerstören, ist nicht nur anstrengend, sondern auch heikel und obliegt wohl eher professionellen Psychologen als uns Laien.

  • Lassen Sie Baron von Münchhausen auf seiner Kannenkugel ruhig vorbeifliegen, in der Hoffnung, dass die erdachten Geschichten und Vorzüge wenigstens unterhaltsam und amüsant sind, auch wenn Sie offensichtlich dem Reich der Fantasie entstammen …

Der Verleumder und Missgünstige. Ohne Klatsch und Tratsch kommt auch die zivilisierteste Unterhaltung nicht aus. Der werfe den ersten Stein, der nicht schon einmal über abwesende Personen gesprochen hat, sich über deren Verhalten gewundert oder seinem Unmut Luft gemacht hätte. Solange wir nicht alle unsere Probleme mit unseren Mitmenschen hinter deren Rücken austragen, kann ich daran nichts Verwerfliches finden.

Anders verhält es sich bei Menschen, die keine Gelegenheit auslassen, ihren Mitmenschen Gemeinheiten nachzusagen, um sich im schlimmsten Fall selbst in ein besseres Licht zu rücken! Der Verleumder und Missgünstige ist in der Lage, jeder Unterhaltung seinen negativen Stempel aufzudrücken, solange man ihm nicht die Nahrung für seine Gemeinheiten entzieht. Der Verleumder ist darauf angewiesen, dass seine Gerüchte, Verdächtigungen und moralischen Urteile über andere auf fruchtbaren Boden fallen. Nur wenn er genug Mitstreiter in der Runde findet, kann er sein unlauteres Spiel Schritt für Schritt entwickeln. Ist die Neugier der Zuhörer erst einmal gereizt, werden die ersten Nachfragen gestellt oder begonnen, eigene verleumderischen Geschichten zu erzählen, die geeignet sind, das Urteil des Missgünstigen stützen, dann hat dieser sein Ziel erreicht. Das Gespräch ist im Fluss und muss nur noch mit weiteren kleinen Anekdoten angereichert werden. Wie ein Ballon, der ständig mit Luft gefüllt wird, ist schon bald der ganze Raum mit der zersetzenden Kraft der Verleumdung erfüllt.

Doch Luftballons lassen sich zum Platzen bringen! Ein gezielter Stich, ein lauter Knall – und vorbei ist der verleumderische Spuk. Vorausgesetzt, Sie bequemen sich zuzustechen. Im Gegensatz zu anderen Konfliktsituationen gehört gar nicht allzu viel Courage dazu, selbiges zu tun. Wissen wir doch alle, dass nichts unangenehmer ist, als sich auf frischer Tat erwischen zu lassen, wenn wir uns geifernd über Abwesende echauffieren und damit unsere eigene Unfähigkeit demonstrieren, dem Geschmähten offen und ehrlich gegenüberzutreten.

  • Lassen Sie einfach die Luft raus, ignorieren Sie mögliche Rechtfertigungsversuche, und nutzen Sie das nun folgende betretene Schweigen zu einem Themenwechsel. Ihre Gesprächsteilnehmer werden es Ihnen danken!

Der Unverschämte. Eine besonders unhöfliche Spezies fehlt noch: die Unverschämten. Wer unverschämt ist, macht sich selbst zum Maßstab aller Ding, immer und überall. Wer unverschämt ist, schämt sich für nichts, besitzt keine Überzeugungen, schielt in allem, was er tut auf seinen eigenen Vorteil, unterstellt seinen Mitmenschen dieselben niederen Triebe, die auch ihn leiten. Unverschämten Menschen ist nichts und niemand heilig, sie sind unfähig, Schuld zu empfinden und sich reuig zu zeigen. Die Unverschämten instrumentalisierten alles und jeden, um ihre Ziele zu erreichen, sie wissen um die Nützlichkeit des guten Benehmens, doch dessen Wesen ist ihnen fremd. Sie sind formvollendet, aber inhaltsleer. Unverschämte sind der natürliche Feind wahrer Höflichkeit.

Ein mir bekannter Personalberater erzählte mir einmal eine schöne Geschichte. Immer mehr Menschen hätten das Gefühl, ihre Manieren „optimieren“ zu müssen: „In erster Linie junge Anwälte und Unternehmensberater mit hervorragenden Zeugnissen und glänzenden Karrierechancen. Die bemerken plötzlich, dass andere die Karriereleiter schneller erklimmen als sie selbst, obwohl viele von denen ein wesentlich schlechteres Examen gemacht haben. Dann kommen sie plötzlich drauf, dass dies etwas mit den Umgangsformen der Konkurrenten zu tun haben könnte. Gut, denken sie sich, dass lässt sich ja wohl in einem ‚Etiketteseminar’ schnell lernen. Die Ernüchterung folgt jedoch auf dem Fuß: Gutes Benehmen im Crashkurs das gibt es nicht, gutes Benehmen ist eine Haltung, und die erlernt man eben nicht auf dieselbe Weise wie MS-Office-Programme! Dann sitzen die an ihren Schreibtischen und verstehen die Welt nicht mehr.“

Cicero hatte Recht: „Alles Ehrenhafte ist nützlich!“ Jedoch nur dann, wenn ich das Ehrenhafte um seiner selbst Willen in den Mittelpunkt meines Handelns stelle, alles andere wäre unverschämt.

  • Wie Sie mit den Unverschämten umgehen sollen? Darf ich ehrlich sein? Wenn es irgendwie geht, gar nicht. Sollte sich der Umgang nicht vermeiden lässt, erklären Sie Ihrem Gegenüber klipp und klar, dass Sie niemals als Steigbügelhalter für seine Unverschämtheiten zur Verfügung stehen werden, für keinen Lohn der Welt!
Share This