Nichts ist unangenehmer als schlechte Kopien. Wie auf dem Oktoberfest gilt auch in anderen Lebenslagen: Entweder echtes Dirndl oder gar nicht. Kunstvolle Natürlichkeit nannte Adolph Freiherr Knigge das Talent Schein und Sein in Einklang zu bringen. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Muß oder will man in der großen Welt leben, und man ist nicht ganz sicher, den Ton derselben annehmen zu können, so bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wendung treu, die uns Natur und Erziehung gegeben haben. Nichts kann abgeschmackter sein, als wenn man jene Sitten halb und unvollständig kopiert … „

Über den Umgang mit Menschen, III, 3, 3

Der weiße Seidensmoking

Ich war auf das Winterfest der angesehensten englischen Hochschule für Landwirtschaft eingeladen, des Royal Agricultural College in Cirencester. Die vorgeschriebene Kleidung für den Abend war „black tie“, also Smoking – eine recht vornehme, oder, wenn man so will, elitäre Veranstaltung mithin. An jenem Tag lernte ich den Bekannten eines Freundes kennen, einen Deutschen. Seinem Namen nach zu urteilen war er bürgerlich, seinem Verhalten nach zu urteilen verunsichert.

Als erstes erzählte er uns von dem maßgeschneiderten weißen Seidensmoking, den er am Abend tragen würde. Dann kam er auf seinen Siegelring zu sprechen – einen auffälligen Ring mit geschlossener Krone, Symbol für den hohen adligen Rang seines Trägers. Niemand hatte ihn gefragt, trotzdem weihte er uns ein: Er sei tatsächlich adelig, verkündete er, aber seine Familie habe den Titel verkauft. Das löste Heiterkeit aus. Offenbar war ihm nicht bekannt, daß es in Deutschland schlichtweg unmöglich ist, seinen Titel zu verkaufen. In dieser Art imponierte er jedenfalls noch ein Weile weiter, dann kam der Abend und damit der nächste Dämpfer: Sein weißer Smoking sei mit der Kleidervorschrift nicht zu vereinbaren, wurde ihm am Eingang zum Festsaal bedeutet, und nur mit viel Überredungskunst gelang es uns, ihn einzuschleusen. Dort wurde ihm dann sein maßgeschneiderter weißer Seidensmoking erneut zum Verhängnis: Die Hosenbeine waren zu lang – bei jedem Schritt drohte er sich darin verhedderte und mußte sie schließlich aufkrempeln. Kurz und gut – sollte es seine Absicht gewesen sein, aufzufallen, so hatte er sein Ziel erreicht.

Nicht zu viel Aufhebens machen 

Ich befürchte nur, daß er in Wirklichkeit so wenig wie möglich auffallen und einfach nur ebenso vornehm wie alle anderen sein wollte. Der Versuch war gründlich mißlungen, weil ihm dabei der gröbste Fehler unterlaufen war, den man in vornehmer Gesellschaft begehen kann: Aufhebens von seiner Person zu machen. Die erste Regel für Außenstehende, die sich in diesen Kreisen bewegen, lautet also: jede Anmaßung, jede Ungebührlichkeit vermeiden! Nicht glauben, sich mit irgendwelchen Federn schmücken zu müssen, gleichgültig, ob mit eigenen oder fremden! Damit kommt man nicht weit. Die feine Gesellschaft hat nämlich ein feines Gespür dafür, ob jemand etwas vortäuscht. Das nimmt man dann vielleicht mit Humor, läßt sich in seinem Urteil aber nicht im geringsten beirren. Wer in feiner Gesellschaft also den Neureichen markiert und sich aufbläht oder gar den Neufeinen heraushängen läßt, der wird sich schnell alle Sympathien verscherzen.

Nicht in Wettbewerb treten

Genauso unangebracht wäre es, mit anderen in Wettbewerb treten zu wollen. Mein Haus? Mein Pool? Mein Pferd? Mein Auto? Darüber spricht man nicht; das hat man, oder man hat es nicht. Kleider machen Leute? Ganz im Gegenteil! Wenn die Kleidung nicht gerade vorgeschrieben ist, kann man herumlaufen, wie man will, kann seine Sachen tragen, bis es nicht mehr geht, ganz egal – in diesen Kreisen spielen Äußerlichkeiten eine ziemlich untergeordnete Rolle. Dazu gehört im übrigen auch der finanzielle Aspekt der Dinge, der, wenn überhaupt, allenfalls beiläufig Erwähnung finden sollte.

Was aber spielt dann eine Rolle?

Selbstverständlichkeit statt sinnentleerte Etikette

„Moritz, bei euch geht es ja zu wie bei ganz normalen Menschen“, sagte meine Freundin, vermutlich erleichtert, nach ihrem ersten Besuch bei uns zu Hause. Was hatte sie erwartet? Daß wir uns daheim nach einem ausgeklügelten Regelwerk bewegen würden? Daß man ein Reich der Konventionen und Etickette betritt, sobald man die Schwelle unseres Hauses überschreitet? Daß überall Fettnäpfchen warten? Wie dem auch sei, ihre Befürchtungen waren zerstreut.

Tatsache ist, daß ich steifer Etikette und sinnentleerter Konvention in adligen Häusern sehr selten begegnet bin. Das eigentliche Merkmal des Adels ist nämlich etwas, das man als Ungezwungenheit, als eine in Jahrhunderten gewachsene und in der Tradition verankerte Selbstverständlickeit bezeichnen könnte. Daraus ergibt sich in aller Regel eine so beträchtliche Sicherheit im Umgang mit Menschen, ein so ausgeprägtes Gespür für angemessenes Verhalten in unterschiedlichsten Situationen, daß Konventionen und Etikette ein weitgehend verzichtbares Beiwerk darstellen.

Diese Selbstverständlichkeit läßt sich nicht imitieren. Sie beruht im Wesentlichen auf einer großen Vertrautheit mit solchen Verhaltensweisen, Ausdrucksformen und Zeremonien, die sich im Lauf von Jahrhunderten in den zwischenmenschlichen Beziehungen bewährt haben. Konservativ ist diese Haltung insofern, als sie davor bewahrt, leichtfertig Umgangsformen und Rituale aufzugeben, die Ausdruck für Respekt und Achtung sind. Und erstaunlich widerstandsfähig ist sie wahrscheinlich deshalb, weil sie auf einer grundsätzlichen Übereinkunft darüber beruht, wie man vernünftigerweise miteinander umgehen sollte und welche Werte für diesen Umgang unerläßlich sind. Mit anderen Worten: Was den Adel in erster Linie auszeichnet, ist ein gemeinsames Gerüst von Grundwerten.

Einklang von innerer und äußerer Struktur

Welche Werte das sind? Ich würde sagen, daß Diskretion und Respekt vor der Intimsphäre dazu gehören, auch ausgeprägter Familiensinn, auch Gastfreundschaft, überhaupt Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftssinn und Verläßlichkeit, dann Ungezwungenheit im Umgang zwischen Jungen und Alten und schließlich eine gewisse Ehrfurcht vor den zeremoniellen Formen, in denen die Höhepunkte und Einschnitte des Lebens von der Geburt bis zum Tod feierlich begangen werden. Es gibt also eine innere und äußere Struktur, die sich meiner Erfahrung nach beruhigend auf den einzelnen auswirkt und die Gelassenheit fördert – man ist vermutlich weniger stark dem Zwang zur Konkurrenz ausgesetzt, der im bürgerlichen Milieu fortwährend unterschwellig wirksam ist, weil man nicht ganz so vielen Menschen ganz so viel beweisen muß. Daraus folgt aus meiner Sicht eine Umgänglichkeit, die sich im Alltag oft nur in Nuancen vom Üblichen unterscheidet: in dem Interesse, das man an der Person des anderen beweist, in der Art, auf die man versucht, eher etwas von ihm zu erfahren als über sich selbst zu reden, in der neidlosen Anerkennung, die man achtunggebietenden Leistungen oder gescheiten Köpfen ganz unabhängig von ihrer Herkunft zollt. Alles in allem könnte man diese Haltung vielleicht als Stil bezeichnen.

Grundwerte sind geklärt

Es hat übrigens auch einen ganz praktischen Vorteil, daß man untereinander wie selbstverständlich von denselben Grundwerten ausgehen kann: Die Kennenlernphase, das gegenseitige Abtasten bei der ersten Begegnung, erübrigt sich weitgehend. Man ist einander nie wirklich fremd, weil jeder im Prinzip schon weiß, mit wem er es zu tun hat, auch bei Menschen, die er nie zuvor gesehen hat. Auf Außenstehende mag dieses vertrauliche Einvernehmen untereinander einschüchternd wirken – ich rate aber ganz entschieden von dem Versuch ab, diese Art des Umgangs nachzuahmen, etwa aus Furcht, sonst unangenehm aufzufallen. Diese Furcht ist unbegründet, solange man nicht krampfhaft mithalten oder gar auftrumpfen zu müssen meint, seinen Charakter verleugnet, seine Herkunft verschleiert und es genau an der Ungezwungenheit, genau an der Selbstverständlichkeit fehlen läßt, auf die in der feinen Gesellschaft so großer Wert gelegt wird.

Ungezwungenheit – sogar im Übermaß

Für diese Ungezwungenheit gibt es in der Geschichte viele Beispiele; aus bürgerlicher Sicht dürften manche davon an Rücksichtslosigkeit grenzen. Eines der drastischsten verdanken wir dem österreichischen Staatskanzler Fürst Kaunitz (1711–1794), der es sich nie nehmen ließ, nach dem Diner am Tisch sitzen zu bleiben und sich gemütlich die Zähne zu reinigen, ungeachtet des Rangs seiner Gäste. Einmal speiste der französische Botschafter bei ihm, und als der Fürst mit seiner Reinigungsprozedur begann, wandte der sich an seine Begleiter mit den Worten: „Der Fürst möchte alleingelassen werden“, erhob sich und ging, gefolgt von allen anderen. Auch wenn ich in diesem Fall eher die Höflichkeit des Botschafters als die Ungezwungenheit des Fürsten für vorbildlich halte – die Anekdote zeigt doch immerhin, daß die Feinheit der Manieren nicht unbedingt ausschlaggebend ist für die Feinheit einer Gesellschaft.

Sollte es jemanden in diese Kreise verschlagen, braucht er sich also nicht auf Schritt und Tritt zu fragen, was wohl erlaubt, was womöglich verboten, was schicklich und was unschicklich sein könnte. Man bringe sich nicht selbst in Verlegenheit! Schon die Höflichkeit gebietet ja allen Anwesenden, über Unsicherheiten hinwegzusehen und Fehltritte zu verzeihen. Die Höflichkeit gebietet sogar, Nachsicht zu üben, sollte jemand ganz unübersehbar aus dem Rahmen fallen. Allerdings dürfte man nur dann damit rechnen, auch das nächste Mal wieder eingeladen zu werden, wenn man sich etwas mehr Zurückhaltung auferlegt als der junge Mann damals in Cirencester mit seinem maßgeschneiderten, weißen Seidensmoking.

Moritz Knigge sagt: „Nichts wäre in vornehmer Gesellschaft falscher, als aufzutrumpfen und partout beweisen zu wollen, daß man den anderen das Wasser reichen kann. Man bleibe einfach seiner Art, seinem Auftreten, seinen Anschauungen treu – in wirklich vornehmen Kreisen kann man nämlich sehr gut zwischen Äußerlichkeiten und innere Haltung unterscheiden. Und nur auf letztere kommt es an.“

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