Willensfreiheit und Verantwortung. Mit der Willensfreiheit steht und fällt alles. Der freie Wille – ob bewusst oder unbewusst – ist die notwendige Bedingung freier menschlicher Selbstbestimmung und gleichsam die Voraussetzung, Verantwortung übernehmen zu können. Wer den freien Willen grundsätzlich infrage stellt, der stellt auch die persönliche Verantwortung infrage.

Wenn beispielsweise meine menschliche Fähigkeit, einfühlsam zu sein, auf der Anzahl der im meinem Gehirn existierenden Spiegelneuronen beruht, welche Möglichkeiten habe ich dann, eine freie Entscheidung darüber zu treffen, ob ich einfühlsam sein will oder nicht? Und wie könnte ich vor diesem Hintergrund für meine nicht vorhandene Einfühlsamkeit verantwortlich sein?

Was nützt mir das Nachdenken über mich, wenn mir letztlich die physikalischen und chemischen Prozesse in meinem Kopf vorgeben, was ich tue oder nicht tue? Warum soll ich darüber nachdenken, ob mir wirklich die Hände gebunden sind oder nicht, wenn darüber die Leistungsfähigkeit meines Gehirns entscheidet?

Kein Wunder also, dass die Debatte um die Freiheit des menschlichen Willens bisweilen bizarre und ideologische Züge angenommen hat. Es mag Sie verblüffen, doch selbst, wenn wir annähmen, das menschliche Verhalten sei vollständig determiniert – also festgelegt, von unseren Mustern bestimmt und unabhängig vom freien Willen –, würde uns das nicht davon entbinden, über unser eigenes Verhalten nachzudenken. Der Grund hierfür ist einfach. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften mögen gegenwärtig und künftig noch so überzeugend sein – eines lässt aus ihnen nicht ableiten: Die Hirnforschung kann keine Deutungshoheit über die Willensfreiheit und die Verantwortung beanspruchen oder die Begründung dafür liefern, wie Menschen miteinander leben sollen. Jedenfalls nicht, solange es Menschen gibt, die bereit sind, sich selbst und andere dazu zu ermuntern, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, um Herrschaftsansprüche aller Art zu kritisieren und zu überwinden.

Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Herrschaftsansprüche in unserem Inneren toben oder von außen an uns herangetragen werden, ob wir mit unseren inneren Schweinehunden ringen oder uns gegen äußere Schweinehunde zur Wehr setzen. Bereits der Begriff Schweinehund macht deutlich, welcher Wert einem bestimmten Verhalten zugemessen wird.

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