Das Internet ist die Plattform der neuen Meinungsbildner. Von hier aus unterstützen sie die altgedienten Repräsentanten der freien und unabhängigen Presse, hier legen sie den Finger in deren Wunden, wenn sie vom Pfad der Wahrheit und Unabhängigkeit abzukommen drohen, hier machen sie publik, worüber sonst keiner berichtet. Von hier aus schalten sie sich ein und verbreiten in Windeseile die Botschaften, die sonst zu kurz kommen. Sie bloggen, tuben und twittern, was das Zeug hält. Investigativ und couragiert.

Nicht immer sind sie davor gefeit, die Wahrheit in ihrem Sinne zu beugen, immer in der Gefahr, dieselben Mittel anzuwenden, die sie ihren Kontrahenten vorwerfen. Ob Greenpeace oder bildblog.de, die Kontrolleure einer freien und verantwortungsbewussten Gesellschaft stehen selbst in der Verantwortung, ihren hohen Ansprüchen gerecht zu werden. Und da sehen manche gerne besonders genau hin. Wer seinen Gegner aufs Kreuz legen will, der muss sich etwas einfallen lassen, und wer in den Wind spuckt, der muss mit allem rechnen. Die Wahl der Mittel ist entscheidend im Kampf um die öffentliche Meinung. Und so will auch das moralische Ross mit Sporen getreten werden, wenn die eigenen Überzeugungen nicht Privatsache bleiben sollen. Thilo Bode, der ehemalige Greenpeace Chef, verantwortlich für die Brent-Spar-Kampagne und heutige Vordenker von Foodwatch, hat diese Einsicht einmal auf eine einfache Formel gebracht: „Die Öffentlichkeit interessiert sich nur für Niederlagen des jeweiligen Gegners. Aufmerksamkeit bekommen Sie nur, wenn Sie jemanden aufs Kreuz legen.“

Auch wenn Christoph Schultheis sich mit dem Bild David gegen Goliath nicht recht anfreunden kann und Ghandi gegen Goliath bevorzugt, haben er und Stefan Niggemeier einmal etwas ganz Unpazifistisches getan. Sie riefen dazu auf, Kai Diekmann, den Chefredakteur der BILD-Zeitung, zu fotografieren. Auf diese Weise wollten sie darauf aufmerksam machen, welche Gefahren von einem Bürgerjournalismus ausgehen, in dem es einzig darum geht, Fotos gegen Geld zu machen, damit BILD eine gute Geschichte daraus stricken kann – Privatsphäre hin, Privatsphäre her.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, weniger Privatsphäre genießen als andere. Dennoch sollten wir uns nicht daran gewöhnen, unsere Vorstellung von Meinungsbildung darauf zu beschränken, dass jeder zum Paparazzo des anderen wird. Eine Art „Pleiten, Pech und Pannen“ in der Endlosschlaufe. Das wäre den großartigen Errungenschaften von freier Meinungsbildung, freier Meinungsäußerung und eines gewaltlosen Meinungsstreits schlicht nicht würdig.

Es liegt in unserer Verantwortung, diese Errungenschaften zu schützen:

  • Schauen wir genauer hin, und nehmen wir nicht alles für bare Münze.
  • Hauen wir denen, die Falschgeld unter die Leute bringen, auf die Finger. Ob als Gandhi, David oder Goliath. Wir sollten schon bereit sein, die Verantwortlichen zu benennen.
  • Wir sollten den Mut haben, Unwahrheiten als solche zu bezeichnen, die Mächtigen zu demaskieren, uns um Wahrheiten zu bemühen und uns um diese leidenschaftlich zu streiten. Mit offenem Visier und, wenn es denn sein muss, mit gezücktem Regenschirm. Ob in der Speaker’s Corner oder anderswo.
  • Stehen wir zu unserer Meinung!


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