Ich bin zynisch? Die Welt um mich herum ist zynisch. Wir tun so als interessierten uns die Menschenrechte, greifen aber nur ein, wenn es unseren wirtschaftlichen Interessen nutzt und der Feind ein Papiertiger ist! Wir tun so, als sorgten wir uns um die ganze Welt, bekommen aber Angst, wenn diese plötzlich an unserem europäischen Schutzwall oder den Sicherheitszäunen an der mexikanischen Grenze angeklopft und Einlass begehrt. Verlogen ist das. Die pure Heuchelei!

Zyniker sind der Stachel im moralischen Fleisch der Gutmenschen. Extrem sensibel und immer darum bemüht, dem Gegenüber einen Strick aus seinen moralischen Ansprüchen zu drehen. Mit klammheimlicher oder ganz offener Freude triumphieren sie, wenn sich einer der Gutmenschen mal wieder an seinen moralischen Brocken verschluckt: der Gewerkschaftsboss mit gewerkschaftseigenen Bonusmeilen auf dem Weg in den privaten Karibikurlaub, der Geschäftsführer von UNICEF, der mit Spendengeldern Misswirtschaft betreibt, pädophile Priester, der Korruption bezichtigte Vorzeigepolitiker wie der französische Außenminister Bernard Kouchner oder Organisationen wie Greenpeace, die sich zwar gegen die Ausbeutung der Umwelt stemmen, nicht aber gegen die der eigenen Mitarbeiter. All das ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die den Menschen alles zutrauen – nur keine moralische Standfestigkeit.

Nicht ganz zufällig geraten deshalb jene ins zynisches Fadenkreuz, die das Gegenteil behaupten. Um seiner Weltsicht mehr Nachdruck zu verleihen, bedient sich der Zyniker der üblichen Werkzeuge: Er führt Negativbeispiele an und pauschalisiert, verkündet philosophische Einsichten wie : Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, verweist auf die auf die normative Kraft des Faktischen und klammert schließlich die eigene Person konsequent aus. Nicht etwa, dass zynische Menschen über keinen moralischen Kompass verfügten. Im Gegenteil, sie trauen jedoch weder ihren Mitmenschen noch sich selbst zu, in die richtige Richtung zu steuern.

Die politische Korrektheit der Gutmenschen und die Inkorrektheiten der Zyniker haben einen gemeinsamen Nenner: Sie sind geprägt von Selbstbezogenheit und Angst. Es geht nicht um den anderen, es geht darum, gut dazustehen, und Situationen zu vermeiden, in denen man nicht weiß, was einen erwartet. Gutmenschen und Zyniker sind Brüder im Geiste, überzeugt von sich und ihrer Sicht auf die Welt. Nur eine Seele in der jeweiligen Brust: Don Quichotte ohne Sancho Pansa die einen, Sancho Pansa ohne Don Quichotte die anderen. Aber so wird das nichts mit der Moral. Eine Moral, die meint, sie könne ein Paradies auf Erden errichten, in dem sie Realitäten konsequent ausblendet, ist ebenso wenig geeignet wie ein Ethos, das die Wirklichkeit zum Maß aller Dinge verklärt.


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