So ein wenig fühle ich mich manchmal schon wie Don Quijote. Jener Landadelige, der mit seinem Knappen Sancho Pansa und seinem Pferd Rosinante als Ritter von der traurigen Gestalt durch den spanischen Norden ritt und für die Ideale einer längst vergangenen Welt kämpfte. Der gegen Windmühlen anritt, weil er sie für Riesen hielt, und sich mit Rotweinschläuchen blutige Gefechte lieferte. Vermutlich fühle ich mich dieser von Cervantes erschaffenen Figur schon deshalb so verbunden, weil sie sich einem Kampf stellt, den wir alle – sofern wir mit offenen Augen durch die Welt laufen – jeden Tag aufs Neue kämpfen. hin und her gerissen zwischen unseren Idealen und der Realität, zwischen dem, was wir tun sollten, und dem, was wir können. Ständig aufs Neue konfrontiert mit der Entscheidung zwischen naivem Träumer und seelenlosem Realisten. Und vermutlich kämpfen viele von Ihnen ebenso gegen ihre ganz persönlichen Windmühlen, die sie für Riesen halten, auch auf das Risiko hin, für einen unverbesserlichen Idealisten oder gar für einen lächerlichen Narren gehalten zu werden. Sei’s drum.

Mein Kampf gilt jedenfalls dem Riesen „steife Etikette“ mit dem Ziel, die Auffassung meines Urahns zu bestätigen, dass dieses gezwungene Benehmen etwas Unmenschliches ist! Wenn Sie mich also noch ein Stück als Sancho Pansa begleiten wollen, um mehr zu erfahren über diesen Riesen und meine Strategien, ihn zu besiegen, dann sind Sie herzlich eingeladen. Wenn nicht, dann spiele ich für Sie auf den nächsten Seiten eben den lächerlichen Narren, für den Sie mich halten. Macht nichts, damit kann ich leben!

Wer wie ich den Namen Knigge trägt, kommt eigentlich nicht umhin, sich mit den Themen Etikette und Höflichkeit auseinander zu setzen und diese im Hinblick auf ihre Eignung zu untersuchen, den zwischenmenschlichen Umgang untereinander zu befördern. Was sollte auch anderes im Mittelpunkt des Interesses stehen? Offen bleibt jedoch die Frage, welche „steifen Windmühlenflügel“ ausgetauscht werden sollten. Hier meine Vorschläge:

  • Hören wir auf, Regelwerke auswendig zu lernen. Überprüfen wir die jeweiligen Verhaltensnormen immer dahin gehend, ob sie uns und anderen das Erdenleben auch tatsächlich erleichtern.

Konventionen sind weder gottgegeben, noch obliegen Sie der Deutungshoheit von Benimmexperten. Es gibt nicht die 300 Fragen und die entsprechenden Antworten! Konventionen entstehen aus der Übereinkunft von unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Kontexten und nicht aus dem Beschluss eines „Arbeitskreises moderner Umgangsformen“. Jede konkrete Norm ist die Interpretation eines Verständnisses darüber, was wir überhaupt als richtiges oder falsches Verhalten verstehen wollen.

Wann haben Sie zuletzt einen Handkuss gegeben oder erhalten? Wie lange ist es her, dass Sie einer Gräfin begegnet sind? Mit wem waren Sie letztes Jahr auf dem Opernball? Essen Sie immer noch einmal in der Woche Hummer? Erscheinen Sie im ultrakurzen Mini Kaugummi kauend beim Bewerbungsgespräch oder kommen regelmäßig zum Gottesdienst zu spät?

Warum ich Ihnen so merkwürdige Fragen stelle? Weil es mich maßlos ärgert, dass uns viele Benimmratgeber mit Empfehlungen bombardieren, die für unseren Alltag entweder unerheblich oder so selbstverständlich sind, dass sie unfreiwillig komisch wirken. Es gibt ein gutes Benehmen abseits der Ausnahmen und Selbstverständlichkeiten!

„Fettnäpfe“, „No gos“, „Das sollten Sie nie tun …“, „Das wäre ein gravierender Verstoß …“, Vermeiden Sie es unbedingt…“ – die Sprache vieler Ratgeber liest sich wie ein einziges Bedrohungsszenario, als führten Fehltritte geradewegs in die gesellschaftliche Isolation. Einmal gepatzt, schon ist der Eintritt in das Paradies des guten Benehmens auf immer verschlossen.

Ob es dort wirklich so paradiesisch zu geht, wie es einen die Autoren mitunter glauben machen wollen, darf man getrost bezweifeln. Für mich ist es jedenfalls eher eine Horrorvorstellungen, mit Menschen am Tisch zu sitzen, die die Stirn runzeln, weil ich ihnen mit meinem Bierglas zuproste, die mich dafür maßregeln, dass ich beim Spaghettiessen den Löffel zu Hilfe nehme, oder die in sich hineinlachen, nur weil ich noch nie einen Hummer geknackt habe. Ich glaube, dass die strengen Sittenwächter den Umstand der gegenseitigen Sympathie gnadenlos unterschätzen! Wenn mir jemand sympathisch ist, werden mir die gerade genannten Fauxpas entweder gar nicht auffallen, oder sie sind mir völlig egal! Es sei denn, mein Tischnachbar hängt mit seinem Kopf tatsächlich in der Suppenschüssel oder spuckt auf den Boden. Aber mal ehrlich, wann ist Ihnen das wirklich schon einmal passiert?

Ich besitze eine CD-ROM mit insgesamt 18718 Seiten Benimmliteratur in deutscher Sprache. Da kann einem ganz schön schwindelig werden vor lauter Regeln. Selbst wenn uns diese Seiten anleiten würden, mit sämtlichen Situationen und unterschiedlichen Menschen, die uns in unserem Leben begegnen, zurechtzukommen – wer könnte sich diese Fülle an Normen merken?

Darüber hinaus widersprechen sich die Regeln bisweilen erheblich. (Ich habe allein 40 verschiedene, teilweise widersprüchliche Regeln zum Umgang mit der Serviette entdeckt.) Was ist nun aber richtig? Woran halte ich mich? Am besten an den eigenen Verstand. Oder, um es mit Werner Zillig zu sagen, dem Linguisten, dem wir diese Sammlung von Anstandsbüchern zu verdanken haben: „Worauf kommt es also an? Zuvorderst auf die Bereitschaft zum Nachdenken über das eigene Verhalten und das Verhalten anderer. Anstandsbücher können dabei eine große Hilfe sein, denn sie geben Material vor. Manchmal in einer Fülle, dass man nach Luft ringt. Und dann: Wir müssen lernen, selbst interpretierend Grenzen zu ziehen. Anstandsbücher mit ihren Regeln sind da nur Gesetze, die ohne die von uns selbst herausgearbeiteten Ausführungsbestimmungen leblos bleiben.“

  • Halten wir uns nicht sklavisch an leblose Gesetze, sondern übersetzen wir diese selbstständig hinsichtlich der konkreten Situation! Die Freiheit haben wir, also sollten wir auch von ihr Gebrauch machen!

Wissen Sie, was mich bei vielen Ratgebern am meisten stört? Der nicht vorhandene Aufruf, ja, der dringliche Appell miteinander zu sprechen. Ungeklärtes auf direktem Wege zu klären und nicht über den Umweg über Ratgeberliteratur frei nach dem Motto: „Sehen Sie, hab’ ich doch recht gehabt!“

  • Sprechen Sie einfach direkt mit denen, die es betrifft! Umgang bedeutet Kommunikation!

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gern an einen Teilnehmer eines unserer Seminare, der am Abend des ersten Tages fragte, wie es denn um den Dresscode für das anstehende Abendessen bestellt sei. Ich antwortete: „Das liegt an uns. Wie würden Sie denn gerne erscheinen?“ „Ohne Krawatte fände ich gut!“ Darauf bat ich ihn, doch die anderen Teilnehmer zu fragen, ob sie damit einverstanden wären. Sie waren es. Zwischen Vorspeise und Hauptgang richtete ich das Wort an alle Teilnehmer: „Wer von Ihnen wäre denn, ohne die Frage von Herrn Grother, mit Krawatte erschienen?“ Zwei Herren meldeten sich – froh, sich zwischen dem Ende des ersten Seminartages und dem Beginn des Abendessens nicht mit der Frage beschäftigt haben zu müssen: Krawatte, ja oder nein?

Meinen Ritt gegen die „fünfflügelige Windmühle der steifen Etikette“ erkläre ich hiermit für beendet. Je mehr Sie mit meinen Vorschlägen einverstanden waren, desto wahrscheinlicher wird es, dass wir den Riesen der „steifen Etikette“ irgendwann wirklich zur Strecke bringen! Jetzt muss ich Sie allerdings für einen kurzen Augenblick allein lassen, meine blutige Schlacht mit den Weinschläuchen will ja auch noch geschlagen werden …


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