Sprezzatura. Das ist die Kunst auch Mühsames mühelos aussehen zu lassen. Der Begriff geht auf  Baldassare Castiglione zurück. Der mit seinem berühmten Buch Der Hofmann als einer der bedeutenden Vorläufer Adolph Freiherr Knigges gilt. Sprezzatura ist für Castiglione der Ausweis formvollendeter Höflichkeit wie sie einem wahren Hofmann gebührt. Sprezzatura, das ist die Fähigkeit „eine gewisse Art von Lässigkeit anzuwenden, die die Kunst verbirgt und bezeigt, dass das was man tut oder sagt, anscheinend mühelos und fast ohne Nachdenken zustande gekommen ist“.

Mache Dir die Mühe mühelos zu wirken

Ich mag die Sprezzatura sehr, weil sie den Regeln für den Umgang mit Menschen die Strenge nimmt. Weil sie sich lässig, gelassen und geschmeidig im Miteinander präsentiert. So selbstverständlich als gäbe es keine Regeln. Das gefällt mir, weil es im Umgang mit Menschen um eben diese Lockerheit und Selbstverständlichkeit geht. Weil die Freude am Umgang mit Menschen und nicht die Angst vor Fehlern im Mittelpunkt steht. Die Sprezzatura ist der der konkrete Gegenentwurf zu gängigen Klischee des strengen Benimmpapstes Knigge, der meinte alles mit Regeln zu können. Dafür war Adolph Freiherr Knigge zu klug. Regeln stiften Orientierung, aber sie dürfen nie zum Selbstzweck werden. Dann nämlich befördern sie den guten Umgang mit Menschen nicht sondern verhindern ihn im schlimmsten Falls. 

Knigge ist mehr als Regeln

Der Umgang mit Menschen braucht Regeln. Aber noch mehr braucht er Menschen, die Regeln menschengrecht auslegen. Regeln sollen das Miteinander befördern und ihm nicht im Wege stehen. Und schon gar nicht dazu missbraucht werden andere schlecht aussehen zu lassen. Regeln, das sind Übereinkünfte: Konventionen. Und die sind weder  gottgegeben, noch obliegen Sie der Deutungshoheit von einigen wenigen Benimmexperten. Es gibt nicht die 300 Fragen und die 300 Antworten! 

Nicht strenger als die Polizei erlaubt

„Fettnäpfe“, „No gos“, „Das sollten Sie nie tun …“, „Das wäre ein gravierender Verstoß …“, Vermeiden Sie es unbedingt…“ – die Sprache vieler Ratgeber liest sich wie ein einziges Bedrohungsszenario, als führten Fehltritte geradewegs in die gesellschaftliche Isolation. Einmal gepatzt, schon ist der Eintritt in das Paradies des guten Benehmens auf immer verschlossen.

Ob es dort wirklich so paradiesisch zu geht, wie es einen die Autoren mitunter glauben machen wollen, darf man getrost bezweifeln. Für mich ist es jedenfalls eher eine Horrorvorstellungen, mit Menschen am Tisch zu sitzen, die die Stirn runzeln, weil ich ihnen mit meinem Bierglas zuproste, die mich dafür maßregeln, dass ich beim Spaghettiessen den Löffel zu Hilfe nehme, oder die in sich hineinlachen, nur weil ich noch nie einen Hummer geknackt habe. Ich glaube, dass die strengen Sittenwächter den Umstand der gegenseitigen Sympathie gnadenlos unterschätzen! Wenn mir jemand sympathisch ist, werden mir die gerade genannten Fauxpas entweder gar nicht auffallen, oder sie sind mir völlig egal! Es sei denn, mein Tischnachbar hängt mit seinem Kopf tatsächlich in der Suppenschüssel oder spuckt auf den Boden. Aber mal ehrlich, wann ist Ihnen das wirklich schon einmal passiert?

Nicht alles regeln

Ich besitze 18.718 Seiten Benimm-Literatur in deutscher Sprache. Da kann einem ganz schön schwindelig werden vor lauter Regeln. Selbst wenn uns diese Seiten anleiten würden, mit sämtlichen Situationen und unterschiedlichen Menschen, die uns in unserem Leben begegnen, zurechtzukommen – wer könnte sich diese Fülle an Normen merken?

Darüber hinaus widersprechen sich die Regeln bisweilen erheblich. (Ich habe allein 40 verschiedene, teilweise widersprüchliche Regeln zum Umgang mit der Serviette entdeckt.) Was ist nun aber richtig? Woran halte ich mich? Am besten an den eigenen Verstand. Oder, um es mit Werner Zillig zu sagen, dem Linguisten, dem wir diese Sammlung von Anstandsbüchern zu verdanken haben: „Worauf kommt es also an? Zuvorderst auf die Bereitschaft zum Nachdenken über das eigene Verhalten und das Verhalten anderer. Anstandsbücher können dabei eine große Hilfe sein, denn sie geben Material vor. Manchmal in einer Fülle, dass man nach Luft ringt. Und dann: Wir müssen lernen, selbst interpretierend Grenzen zu ziehen. Anstandsbücher mit ihren Regeln sind da nur Gesetze, die ohne die von uns selbst herausgearbeiteten Ausführungsbestimmungen leblos bleiben.“

Miteinander reden

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gern an einen Teilnehmer eines unserer Seminare, der am Abend des ersten Tages fragte, wie es denn um den Dresscode für das anstehende Abendessen bestellt sei. Ich antwortete: „Das liegt an uns. Wie würden Sie denn gerne erscheinen?“ „Ohne Krawatte fände ich gut!“ Darauf bat ich ihn, doch die anderen Teilnehmer zu fragen, ob sie damit einverstanden wären. Sie waren es. Zwischen Vorspeise und Hauptgang richtete ich das Wort an alle Teilnehmer: „Wer von Ihnen wäre denn, ohne die Frage von Herrn Grother, mit Krawatte erschienen?“ Zwei Herren meldeten sich – froh, sich zwischen dem Ende des ersten Seminartages und dem Beginn des Abendessens nicht mit der Frage beschäftigt haben zu müssen: Krawatte, ja oder nein?

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