Talent und Selbstbestimmung. Aber ist das nicht unfair? Verlangen da nicht die, die das Glück hatten, mit ausreichender neurologischer Leistungsfähigkeit ausgestattet worden zu sein, von denen, die in dieser Hinsicht weniger Glück hatten, ein bisschen viel? Haben da nicht die gut reden, denen ihr freier Wille praktisch in den Schoß gefallen ist? Zeigen nicht die Erkenntnisse der Hirnforschung, dass es sich nicht um eine selbstverschuldete, sondern um eine unverschuldete Unmündigkeit handelt? Ist es nicht weniger unsere Trägheit, die uns daran hindert, unseren eigenen Kopf einzuschalten, als vielmehr die Unmöglichkeit, neurologische Programme zu wählen, die wir einfach nicht empfangen?

Es lässt sich nicht bestreiten: Es gibt durchaus Wettbewerbsvorteile, die auf ein gegebenes leistungsstarkes vererbtes Aktivierungspotenzial, herausragende Gehirnentwicklungen und früh- oder spätkindliche Selbstwerterfahrungen zurückgehen. Doch Talent allein hat noch nie gereicht.

Man frage bei denen nach, die im Sport „ewiges Talent“ genannt werden, die von ihren Voraussetzungen alles mitgebracht und doch wenig erreicht haben. Zum Talent muss sich der Wille gesellen, das Wollen, aus seinen Möglichkeiten das Beste zu machen. Wer sich hingegen dauerhaft als fremdbestimmt erlebt, der ist und bleibt, so wie er ist. Ein ewiges Talent, ein ewiger Hans, unfähig, sich aus der eigenen Unmündigkeit zu befreien, noch nicht einmal frei, Unmündigkeit von Mündigkeit zu unterscheiden. Denn nur, weil wir selbst nicht das Beste aus unseren Möglichkeiten machen, enthebt uns dies nicht der Verantwortung, darüber nachzudenken, ob wir dem, was uns die Selbstdenkenden als Ergebnis ihres Nachdenkens anbieten, zustimmen können.

Share This