Nachdem der Experimentalökonom Ernst Fehr das Ultimatumspiel erdacht hatte, spielte er es mit Studenten aus unterschiedlichen Fachbereichen rund um den Erdball. Jeder erhielt das gleiche Angebot: „Ich schenke Ihnen 100 Euro unter der Bedingung, dass Sie diesen Betrag mit einer anderen Person teilen. Über den Betrag, den Sie dem anderen anbieten, können Sie frei verfügen. Lehnt der andere jedoch ab, gehen Sie beide leer aus. Was bieten Sie an?“

Probieren Sie das sogenannte Ultimatumspiel doch einmal im Freundes- oder Kollegenkreis aus. Überlegen Sie, was Sie selber anbieten würden, was sie bereit wären zu akzeptieren, und ob Ihre jeweilige Entscheidung von Ihrem Handelspartner abhängt. Der weltweite Mittelwert liegt übrigens bei 50 Euro.

Wer sein Gegenüber mit weniger als 40 Euro abspeisen würde, wird sich darüber wundern, dass viele Menschen bereit sind, sich ihre Erziehung hin zu mehr Fairness stattliche Summen kosten zu lassen: Wer in unseren Breiten bereit, ist mehr als 50 Euro abzugeben, wird ungläubige Blicke ernten, aber dankbare Abnehmer finden. Der Homo oeconomicus würde gar die Welt nicht mehr verstehen, die er erklären soll. Aber er könnte sich ja mit denen trösten, die ganz oben an der Spitze der wirtschaftlichen Hierarchie stehen oder sich auf dem Weg dorthin befinden: In Seminaren für Führungskräfte lässt sich feststellen, dass der vernunftbetonte, auf den eigenen Vorteil bedachte Mensch sich in den Köpfen der gegenwärtigen und zukünftigen wirtschaftlichen Verantwortungsträger weitaus größerer Beliebtheit erfreut als im Rest der Welt. Angebote weit unter € 40 sind dort eher die Regel als die Ausnahme. Den Homo oeconomicus wird das freuen, aber auf einen Abnehmer für sein, aus seiner Sicht vernünftiges Angebot von einem Euro wird er wohl noch lange warten müssen …


Vorheriger Artikel:
«
Nächster Artikel:
»


Share This