Sich selbst ein Bild machen und das eigene Urteil prüfen

Egal ob wir von der Freiheit unseres Willens ausgehen oder nicht, egal wie hoch wir das Maß an Vernunft einschätzen, das jedem von uns gegeben oder für jeden von uns erreichbar ist – wir stehen in der Pflicht, uns damit auseinanderzusetzen, welche Werte und Moralvorstellungen in unserer Gesellschaft gewollt sind. Ein wenig hinderlich dabei ist die Ich-Perspektive oder, wie Max Planck sie nannte, die Erste-Person-Perspektive, in der wir uns von Kindesbeinen an erleben. Aufgrund dieser Sichtweise können wir das, was in unserem Gehirn an Prozessen abläuft, und das, was wir erleben, nicht gleichzeitig wahrnehmen. Für unser Bewusstsein ist unser zukünftiges Handeln offen und grundsätzlich unvorsehbar. Die Regeln des Zusammenlebens, die Werte und Moralvorstellungen einer Gemeinschaft sind dagegen vorhersehbar. Über diese kann jeder – selbst wenn wir den ewigsten Hans unter den ewigen Hänsen unterstellen – nachdenken. Und das sollten wir auch tun.

Werte und Moralvorstellungen. Schließlich wollen wir nicht nur abschalten und Urlaub machen. Wir wollen vieles mehr: Anerkennung, Sicherheit, Frieden, Wohlstand, Freiheit, Freundschaft, Authentizität, Wahrheit, Loyalität, Solidarität, Liebe, Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit, Selbstverwirklichung, Gerechtigkeit, Liebe, Abwechslung und Glück – um nur einiges zu nennen.

Wir wissen auch, was wir nicht wollen: Missachtung, Unsicherheit, soziale Kälte, Aggressivität und Kriminalität, Ungerechtigkeit, Verlogenheit und Verstellung, Hass, Langweile und Armut gehören dazu.

Und je intensiver wir über das nachdenken, was wir wollen, und das, was wir nicht wollen, desto deutlicher wird uns, dass die genannten Werte nicht nur Orientierung, sondern auch Verwirrung stiften können. Kein Wunder, wenn schon die Werte, die wir wollen, sich untereinander nicht grün sind! Wenn etwa Sicherheit und Freiheit darum ringen, wer von ihnen mehr gewollt ist, oder wenn unsere Selbstverwirklichung ständig an die Grenzen von Gerechtigkeit, Rücksichtnahme oder Solidarität stößt.

Hinzu kommt, dass Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was sie unter den jeweiligen Werten konkret verstehen wollen. Was dem einen als fair erscheint, ist für den anderen eine unfaire Unverschämtheit. Während der eine nur jemandem hilft, der ihm selbst geholfen hat, ist der andere grundsätzlich hilfsbereit, wenn man ihn fragt. Und ein Dritter stellt auch dann seine Hilfe zur Verfügung, wenn er nicht ausdrücklich darum gebeten wurde. Während die einen unter persönlicher Freiheit verstehen, dass sie tun und lassen können, was sie wollen, und sich jedwede Einmischung verbitten, wünschen sich andere geradezu die Beeinflussung von außen, indem sie sich unbewusst ihrer Freiheitsspielräume berauben und kurz davor sind, eine Dummheit zu begehen. Was für den einen Loyalität ist, bedeutet für den anderen Kadavergehorsam. Einmal wird der Freund zum Feind, weil er sich nicht scheut, ein offenes Wort zu sprechen, und ein andermal festigt er durch die schonungslose Ehrlichkeit die Freundschaft umso mehr.

Vor diesem Hintergrund sollten wir allen Umfragen, die uns erzählen, an welchen Werten Menschen ihr Handeln orientieren, mit einer gesunden Skepsis begegnen. Jedenfalls, solange diese Werte auf einer sehr theoretischen, abstrakten Ebene bleiben. Die Abstraktion bietet ja den Vorteil, dass sie ein grundlegendes Verständnis erzeugt. Wer würde sich in unseren Breiten zum Beispiel öffentlich ernsthaft gegen Freiheit, Wohlstand und Sicherheit aussprechen? Wer würde die Idee eines gerechten Zusammenlebens als Unsinn infrage stellen? Welcher Politiker wäre dämlich genug, die Frage der sozialen Gerechtigkeit und Sicherheit nicht auf der Agenda zu haben, welcher Manager so blöde, den Beitrag seines Unternehmens zu mehr gesellschaftlichen Wohlstand nicht zu erwähnen, welcher Medienvertreter beschränkt genug, nicht auf die Notwendigkeit einer freien Presse für eine freiheitliche Gesellschaft hinzuweisen?

Verlässt man jedoch die abstrakte Ebene der Einigkeit und der wohlfeilen Selbstzeugnisse und wagt sich in die Niederungen des konkreten Wollens, dann entsteht sehr rasch ein ganz anderes Bild. Dann kommt man nicht umhin, ein wenig genauer darüber nachzudenken, wie weit die eigene Freiheit reicht und wo die des anderen anfängt. Es stellen sich ganz konkrete Fragen:

  • War das ungerecht, oder fühle ich mich mal wieder ungerecht behandelt?
  • Wird mein Wohlstand mit der Armut anderer erkauft?
  • Welche Leistung soll sich lohnen?
  • Was wünsche ich mir von anderen, und was erwarte ich von mir selbst?
  • Vertragen sich Wirtschaft und Mäßigung miteinander?
  • Lassen sich Sicherheit und Freiheit ausbalancieren?
  • Trage ich Verantwortung nur vor oder auch für Normen?
  • Welche alten Werte sollen gelten und welche neuen?
  • Verbessert es die Menschenrechtssituation in meinem Urlaubsland, wenn ich meinen Urlaub anderswo verbringe?
  • Welcher Zweck heiligt welche Mittel?


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