Es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen nutzen jeden öffentlichen Auftritt dazu, sich selbst ohne Rücksicht auf Verluste in den Vordergrund zu spielen. Die anderen sind froh, wenn sie im Hintergrund bleiben können. Sie fühlen sich wohl in der gesellschaftlichen Anonymität. Während Erstere sich wie der berühmte Elefant im Porzellanladen über das gesellschaftliche Parkett wälzen, tun Letztere alles dafür, den eigenen Kopf bloß nicht zu sehr aus der Menge herauszustrecken. Einem vorsichtigen Mäuschen gleich sitzen sie in ihrem Mauseloch und scheuen das Licht der Öffentlichkeit.

Sie wissen es selbst, so leicht ist das nicht mit den vereinfachenden Kategorisierungen – hier Elefant, da Maus. So dürften wir in Wirklichkeit wohl alle sowohl Elemente des Elefanten als auch des schüchternen Mäuschen in unserer Person vereinen! Über den Elefanten in uns sprachen wir ja bereits. Kommen wir also nun zum Mäuschen in uns, dessen größte Sorge darin besteht, bloß nichts falsch zu machen, wenn es sich aus seinem Mauseloch wagt. Folgen Sie mir, wir wagen uns mal gemeinsam vor …

Schauen Sie mal der Mann da vorn im Eingangsbereich. Ja, genau der, der gerade so zögerlich die Frau begrüßt. So wie der seine Stirn in Falten legt, ist ihm bestimmt gerade ihr Name entfallen, obwohl die beiden sich schon einmal begegnet sind. Fettnapfgefahr!

  • Gar nicht dumm! Haben Sie gehört, was der gerade gesagt hat? „Schön, Sie wiederzusehen! Beim nächsten Mal geben Sie einen aus. Das ist ja bereits das dritte Mal innerhalb eines Monats. Erst auf der Messe, dann in der Galerie und nun hier. Ich heiße im Übrigen immer noch Finkelmeier.“ „Freut mich, ich immer noch Sommer.“

Sehen Sie den großen Tisch dahinten am Fenster? Ganz rechts die beiden Frauen. Haben Sie das Gesicht gesehen, als die gerade ihren Hummer serviert bekommen haben? Ich kann Ihnen sagen, der Adrenalinspiegel steigt. Die wissen nicht, wie sie dem armen Tier zu Leibe rücken sollen, wetten?

  • Was macht die eine denn jetzt? Die beugt sich zu ihrem Nebenmann und fragt ihn, ob er ihr behilflich sein kann. Der zuckt aber auch nur schmunzelnd mit den Schultern. Jetzt sind sie bereits zu dritt. Aber da kommt ja schon der Ober: „Selbstverständlich zeige ich Ihnen, wie Sie an Ihr Abendessen kommen!“

Jetzt sind der Serviererin die ganzen leeren Gläser runtergefallen. Mitten im Raum. Na, für Publikum ist ja gesorgt.

  • Nett, dass sich einer der Herren von der Bar bequemt, ihr mit den Worten „Scherben bringen ja bekanntlich Glück“, seine Hilfe anzubieten. Natürlich ist das kein origineller Spruch, aber immerhin sitzt das Mädchen nicht so völlig einsam in ihrem Fettnäpfchen!

Die Frau am hinteren Tisch scheint Stuttgart ja nicht besonders zu mögen. Merkwürdiger Einstieg in ein Gespräch, einer Landeshauptstadt direkt ihren Stadtstatus abzusprechen. Die haben sich doch gerade erst kennengelernt, oder habe ich das falsch beobachtet? Oh nein, haben Sie das gehört? Die Gesprächspartnerin der Frau kommt aus Stuttgart. Wie peinlich!

Was ist denn der jungen Frau über die Leber gelaufen, die gerade so fluchtartig das Restaurant verlassen hat? Sie haben es gehört? Ja, dann mal raus damit! „Sie hat Ihre Bekannte gefragt, wann sie und ihr Mann denn gedenken, Kinder zu bekommen.“ Heikle Frage. Was hat sie geantwortet? Ist nicht Ihr Ernst! „Bernd ist unfruchtbar, aber vielleicht machen wir es ja wie Madonna!“ Sehr unangenehm!

Vielleicht können wir uns ja in Zukunft noch weiter herauswagen, man lernt so einiges, wenn man seine Umgebung genau beobachtet, was meinen Sie? Sie hätten da gleich eine Frage? Bitte! Sie wollten schon immer wissen, wie Sie mich eigentlich richtig ansprechen? Ach, wissen Sie, solange Knigge in der Anrede vorkommt, fühle mich angesprochen.


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