Unsere Welt vernetzt sich zusehends. Wir rücken zusammen. Die Verfügbarkeit von Informationen und deren Reichweite wächst exponentiell.

Sie sitzen in ihrer Lieblingskneipe und hören einen Song aus den Lautsprechern, den sie gut finden, aber nicht kennen. Sicher, Sie können den Wirt fragen, und der weiß im besten Fall die Antwort, vielleicht ist er sogar so nett, Ihnen das Lied auf CD zu brennen, einem dieser Datenträger, dessen Schicksal auch schon besiegelt ist. Brauchen Sie doch gar nicht! Halten Sie einfach Ihr iPhone in die Höhe und lassen sich den Interpreten und andere Songs von ihm auf Ihrem Display anzeigen. Nach einer weiteren Berührung schauen Sie sich dann das entsprechende Video an und kaufen diesen oder weitere Songs.

Sie sind im Supermarkt und wollen wissen, ob das ausgewählte Erzeugnis Ihren Vorstellungen eines wertvollen Produktes entspricht? Kein Problem, ziehen Sie doch einfach Ihr Handy über den Barcode, und Sie erfahren neben dem, was Sie eh schon wissen wie beispielsweise den Preis, ob das Unternehmen ökologischen und sozialen Standards gerecht wird, ob es auch seine Lieferanten auf diese verpflichtet, welche Zertifizierungen hierfür vorliegen, in welchen Ländern das Unternehmen produziert, ob darunter solche sind, die gegen Menschenrechte verstoßen oder ob die Zusammensetzung der Lebensmittelbestandteile Ihrem Diätplan entspricht, Ihren Allergien entgegenläuft oder mit Ihrem Glauben vereinbar ist.

Nichts verändert unsere Welt momentan auf eine derart umfassende Weise wie die Informationstechnologie. Wissen ist auf Knopfdruck verfügbar, brachliegende Kontakte können schnellstmöglich aufgefrischt werden, neue werden geknüpft, über Blogs und Twitter werden die Grenzen zwischen institutionalisierten und selbst ernannten Berichterstattern immer fließender. Menschliche Neigungen, Meinungen und Interessen werden sicht- und teilbarer. Solche, über die man schon immer mehr erfahren, solche, von denen man noch nicht wusste, und solche, von denen man lieber nichts wissen wollte.

Der Datenverkehr boomt. Wie aus einer längst vergessenen Zeit wirkt heute der Aufruf zum Volkszählungsboykott, so viele Informationen kursieren mittlerweile im weltweiten Netz, die einem die eine oder andere Sorgenfalte bescheren können. Auf der anderen Seite haben wir es mit einer nie gekannten Transparenz zu tun, die Druck auf diejenigen ausübt, die sich früher verstecken konnten. Vor diesem Hintergrund erscheint die Aussage von Chris Avery, dem Gründer des Human Rights Ressource Center, als ebenso realistisch wie begrüßenswert: „Wir wollen den Konzernen das Gefühl vermitteln: ‚Ihr steht unter ständiger Beobachtung, ihr könnt euch nicht verstecken, egal, wo ihr aktiv seid!’“

Außerdem sind wir so mobil wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Wir fahren, fliegen und treiben Handel rund um die Welt. Dafür brauchen wir keine 80 Tage, wir sind schneller. Wir reisen und treffen auf die unterschiedlichsten Menschen in den unterschiedlichsten Kulturen oder doch nur auf unseren Animateur im Robinson Club, weil man sich in seinem Urlaubsland besser nicht außerhalb des Ferienparadieses bewegt. Wir wollen unser Stück vom Kuchen haben, dafür scheuen wir weder Kosten noch Mühen. Wir sind auf chinesischen und indischen Märkten genauso zu Hause wie in thailändischen oder dominikanischen Hotels. Wir verteidigen unsere Freiheit am Hindukusch, sind Mitglied der UNO, der NATO, der OECD, der Europäische Union, der G8 und aller weiteren Gs. Wir beziehen unser Erdgas aus Russland und schauen in die Röhre, wenn dort oder in der Ukraine einer den Hahn abdreht. Wir besorgen uns unser Öl auf dem Weltmarkt, weil wir selbst nichts haben, aber mobil bleiben wollen.

Wir sind so vernetzt wie noch nie zuvor. Wir haben Zugang zu Milliarden von Informationen und Ressourcen, es mangelt uns wahrlich nicht an Input. Wir können uns ein eigenes Bild machen und hinterlassen selbst so viele Spuren, dass andere, die wir nicht einmal kennen müssen, ein sehr genaues Bild von uns und unseren Vorlieben haben. Wir gehen online und meinen, weil wir alleine mit uns und unserem Bildschirm sind, wir wären unbeobachtet. Wir nutzen Prepaidkarten, Treueherzen, erstellen virtuelle Wunschzettel bei Amazon und geben der netten Dame an der Kasse beim Mediamarkt bereitwillig Auskunft über unsere Postleitzahl. Wir sitzen im selbst gebauten Glashaus und werfen mit Steinen auf die, die uns mit Werbepost und Werbeanrufen daran erinnern wollen, was sie uns noch Gutes tun können.

Und wer im Glashaus sitzt, der sollte einen Blick auf die Welt draußen riskieren. Eine Welt, die täglich enger zusammenrückt und deren Teil wir sind. Das lässt sich nur vermeiden, wenn man in den Keller geht …

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