Eine kurze Geschichte der Verantwortung

„Am Anfang war das Wort, und Gott war das Wort“, heißt es in der Bibel, und das Wort und die Antwort waren bei Gott. Doch die Antworten, die Gott und seine Vertreter auf Erden gaben, reichten den Menschen bald nicht mehr. Sie machten sich selbst auf die Suche nach Antworten, und was fanden sie? Die Verantwortung.

Vernunft statt Glauben. Nicht ganz zufällig erschien der Begriff Verantwortung im Zeitalter der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert erstmalig auf der Bildfläche. Der Mensch hatte sich aufgemacht, sich von göttlicher Bevormundung zu befreien. Martin Luther hatte ihn allein vor Gott gestellt, befreit von einer Institution, die sich nach Meinung vieler zu weit von Gottes überliefertem Wort entfernt hatte. Und es dauerte gar nicht lange, da sagten sich die Menschen, wenn schon alleine, dann auch richtig, dann auch ohne Allmächtigen und dessen allumfassende Liebe und Strafe. Der bis dahin größte Verantwortungsträger wurde in den Ruhestand geschickt.

Das klingt übertrieben und womöglich ein wenig ketzerisch, wenn man bedenkt, dass immerhin eine Milliarde Menschen auf dieser Welt dem katholischen Allmächtigen noch heute die Treue halten. Dennoch stimmt es, insbesondere für Europa: Die Bitte um göttlichen Beistand soll in der europäischen Verfassung nicht mehr ausdrücklich erwähnt werden, und mehr als die Hälfte aller Europäer bezeichnen sich nicht mehr als praktizierende Christen.

Wir haben uns Gottes zwar nicht entledigt, ihm aber doch eine Nebenrolle zugewiesen. Wir wollen es einmal ohne ihn probieren. Ob das gut so ist, fahrlässig oder anmaßend, das soll uns zunächst nicht weiter interessieren. Wichtiger ist, dass wir nun selbst einzustehen haben für das, was wir tun oder unterlassen. Wir haben nicht nur vom paradiesischen Apfel gekostet, wir sind auf den Geschmack gekommen. Wir haben uns selbst an Gottes Stelle gesetzt und uns zugetraut, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Die ersten Antworten gaben die Denker und Reformer der Aufklärung, die ihren Zeitgenossen darlegten, wovon es sich zu befreien galt. Von Macht, von der Herrschaft der einen über die anderen. Von denen, die von Gottes Gnaden meinten, Menschen in Abhängigkeit halten und ihnen vorschreiben zu können, wovon, wie und wozu sie zu leben hatten. Adelige und Geistliche mussten den Wechsel von göttlicher Gnade zu menschlicher Gnadenlosigkeit während der Französischen Revolution am eigenen Leib erfahren und konnten auf dem Schafott nicht auf die Brüderlichkeit der Freien und Gleichen hoffen.

Ein neues Zeitalter brach an, das Zeitalter der Aufklärung. Es versprach ein helles Zeitalter der Vernunft zu werden, das die Dunkelheit des Mittelalters vertreiben sollte. Es verhieß einen freien, gleichen, brüderlichen, gewissenhaften und vernünftigen Menschen. Einen Menschen, der wusste, wovon er sich befreien und wozu er seine Freiheit nutzen wollte. Dem großen Freudenfest folgte – wen mag es verwundern – die erste Ernüchterung und eine Erkenntnis, die uns bis heute begleitet: Wer Freiheit wählt, der wählt Verantwortung gleich mit.

Davon wussten bereits die Urväter des freiheitlichen Denkens ein Klagelied zu singen. Denn obwohl sich unsere Ahnen nicht mehr vor Gott und seinen gestrengen geistlichen und weltlichen Stellvertretern auf Erden verantworten mussten, hatten sie sich von Anfang an mit der lästigen Frage herumzuplagen, wo Freiheit beginnt und wo sie endet. So umrahmte bereits der Philosoph Immanuel Kant Ende des 18. Jahrhunderts die frisch gewonnene Freiheit mit eindeutigen Bedingungen. Er rief dazu auf, sich um die „unschädlichste aller Freiheiten“ zu bemühen, nämlich diejenige, „in allen Bereichen von seiner Vernunft umfassend Gebrauch zu machen“.

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