„Was du nicht willst, was man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.“ Eine Lebensweisheit, die bereits aus biblischen Zeiten überliefert ist und sich immer noch großer Beliebtheit erfreut. In der Moralphilosophie mittlerweile „als ethischer Minimalkonsens“ verschrien, scheint die goldene Regel mittlerweile ausgedient zu haben. Zu unterschiedlich sind unsere individuellen Lebensentwürfe und die kulturellen und sozialen Prägungen, die diese Entwürfe hervorbringen. In Zeiten, in denen in unseren Landen der Wahrheitsanspruch Gottes und seiner Vertreter noch allumfassend war, war die goldene Regel keinesfalls ein Minimalkonsens, sondern eine maximale dogmatische Vorgabe. Fiel doch das, was man zu wollen und zu lassen hatte, in den Verantwortungsbereich derer von Gottes Gnaden, und da lag es nahe, dass das, was man selber nicht will, der andere genauso wenig wollen kann, weil Gott es nicht will.

In Zeiten wie den unsrigen, in denen dogmatische Vorgaben und objektive Wahrheitsansprüche sich im Dialog zwischen Kulturen und Religionen, zwischen säkularer und sakraler Welt, zwischen Individuen und Gemeinschaften beweisen müssen, ist das Wollen des einen mitnichten das Wollen des anderen.

Diesen Unterschied im Wollen zu akzeptieren, kann bisweilen so weit führen, dass die goldene Regel eine Umkehrung erfährt. In einer Gesellschaft, in der wir unseren Mitgliedern ein Höchstmaß an Freiheit garantieren, schließt das zum Beispiel die Freiheit ein, seinen sexuellen Vorlieben nachzugehen – so fremd diese uns selbst sein mögen. Unsere Verantwortung besteht lediglich darin, dass wir uns als zwei Freie im freiwilligen Wollen begegnen. Und dann sagt der Masochist zum Sadisten: „Was du nicht willst, was ich dir tu, das füg’ doch bitte du mir zu.“

Gott hat einen großen Garten, so sagt man. Und in diesem Garten tummeln sich neben Masochisten und Sadisten noch weitere illustre Gestalten. Wir selbst und Milliarden anderer Menschen. Jeder ist ein Unikat, ausgestattet mit Vernunft und Gewissen und mit dem Auftrag, den anderen Unikaten mit Würde und Brüderlichkeit zu begegnen. Schön wär’s! In Wirklichkeit sind wir noch ein ganzes Stück von wechselseitigem Respekt zwischen Unikaten entfernt. Wir fremdeln noch, wie Kleinkinder, die mit Weggucken oder Weinen auf fremde Gesichter reagieren. Wir haben uns noch nicht entschieden, welchem biologischen Programm wir folgen möchten. Unserem „Resonanzbedürfnis“, wie Evolutionsbiologen unsere Fähigkeit zum Mitgefühl nennen, oder dem Bedürfnis, das uns auf tief liegende Ängste vor den Gefahren des Fremden und Unbekannten programmiert?

Beides sind zwei Erbschaften der Evolution, die ihre Rivalität auf unserem Rücken austragen. In ihrer scheußlichsten Variante benutzt unsere Angst vor dem Fremden unser Mitgefühl, um das Fremde zu vernichten. Wenn es gelingt, das Mitgefühl gegenüber dem Fremden zu zerstören und in einen Kadavergehorsam gegenüber der eigenen Gruppe umzuwandeln, wird eine Art der kollektiven Vernichtung möglich, die wir Genozid nennen, Völkermord. Wenn wir heute Verantwortung für den Holocaust übernehmen, dann zielen wir auf diesen Zusammenhang:

  • auf das Bewusstsein, dass jeder von uns in der Verantwortung steht, seine Fähigkeit zum Mitgefühl zu nutzen und anderen diese nicht zu nehmen,
  • auf das Bewusstsein, dem Fremden und Anderen begegnen zu wollen, ohne Angst, sondern in wechselseitiger Achtung, um einander kennenzulernen,
  • auf den festen Willen, Unterschiede und Überraschungen zuzulassen und Gemeinsamkeiten herzustellen.

In ihrer schönsten Variante lassen wir weder etwas auf unserem Rücken austragen, noch tragen wir selbst etwas auf dem Rücken anderer aus. In ihrer schönsten Variante verstehen wir die Begegnung mit dem Fremden als eine große Chance: die Chance auf Weiterentwicklung. Wir stellen uns selbst infrage und nehmen uns die Freiheit, die Menschen und Dinge um uns herum aus einer fremden Perspektive zu sehen.

Der Publizist Joachim Fest trug zeit seines Lebens einen kleinen Zettel in seinem Portemonnaie, der ihm half, sich in Gottes großem Garten zurechtzufinden. Auf diesem stand: „Ertrage die Clowns!“ Man möchte hinzufügen: Sei dir bewusst, dass du selber einer bist!


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