Unverbundenheit – Was geht mich das an?

Warum soll ich mir Gedanken darüber machen, weshalb die Wahlbeteiligung immer neue Tiefstände erreicht, wenn die Profis in den Parlamenten überhaupt nichts mehr von den Sorgen und Nöten ihres Wahlvolkes wissen?

Was kann ich dafür, wenn es in den Medien weniger um die Wahrheit als um öffentliche Empörung geht, weil sich damit höhere Quoten und Auflagen erzielen lassen?

Was hat das mit mir zu tun, wenn Sportler meinen sich dopen zu müssen, um erfolgreich zu sein, und auch noch so dämlich sind, sich dabei erwischen zu lassen?

Ich bin nicht verantwortlich dafür, leere Flaschen vom Bürgersteig zu räumen, öffentliche Toiletten sauber zu hinterlassen oder für die schulischen Leistungen meiner Kinder. Wozu gibt es denn die Müllabfuhr, Reinigungskräfte und Lehrer? Warum ein Problem direkt mit dem Nachbarn ausräumen, wenn ich auch Anzeige gegen ihn erstatten kann? Warum kein halbes Hähnchen für 1,99 Euro kaufen, wenn es zu diesem Preis angeboten wird? Warum soll ich bei Pöbeleien in der U-Bahn einschreiten, wenn überall Security herumläuft? Außerdem bezahlen wir die Polizei mit unseren Steuergeldern! Warum jemandem meinen Sitzplatz anbieten, wenn dieser nicht ausdrücklich für ältere oder behinderte Menschen gekennzeichnet ist?

Geht uns das alles vielleicht wirklich nichts an, weil wir über gar keine echte Willensfreiheit verfügen? Die Forscher sind bestimmenden Faktoren auf die Spur gekommen, die unseren Köpfen und Herzen vorgeben, was wir zu tun und zu lassen haben:

  • Da sind die Neurowissenschaften so frei, unsere lieb gewonnenen Freiheitsspielräume lediglich als Folge biochemischer Prozesse zu interpretieren. Gerhard Roth, einer ihrer führenden Vertreter ist überzeugt: In spätestens zehn Jahren wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass es Freiheit im Sinne einer subjektiven Verantwortung nicht gibt.
  • Da sind Sozialwissenschaftler so frei, die soziokulturellen Bedingungen – die Erfahrungen, Werte, Symbole und Institutionen unserer Gesellschaft –, die unser Handeln prägen, in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken.
  • Da kommen Wirtschaftsethiker wie Karl Homann zu der Überzeugung, dass der „Ort der Verantwortung“ nicht beim Einzelnen zu suchen sei, sondern in den Regeln der jeweiligen Systeme wie Wirtschaft, Politik, Medien oder Familie. Wir haben gesellschaftliche Systeme erschaffen, die immer weniger als willentlich erzeugt, sondern vielmehr als allmächtige Naturgesetze empfunden werden, denen wir die Verantwortung übergeben haben, die wir selbst nicht mehr schultern wollen.

Da bleibt nicht mehr viel Platz für freie Entscheidungen, kaum noch Raum für selbstbestimmtes und verantwortliches Handeln. Längst ist doch alles vorherbestimmt, sei es durch die Evolution, unser Gehirn oder die Regeln unserer gesellschaftlichen Systeme. Der Rest, der uns an persönlicher Freiheit bleibt, wird zur persönlichen Angelegenheit. Der Rest an Verantwortung bleibt bei denen, die sich für unsere freiheitlichen Systeme wie Demokratie und Marktwirtschaft sowie deren Institutionen zuständig erklärt haben.

Was kann ich dafür, wenn in China die Menschenrechte verletzt werden? Ich bin Unternehmer und kein Politiker! Warum soll ich als Spitzensportler auf eine Teilnahme bei Olympia verzichten, auf die ich Jahre ehrgeizig hingearbeitet habe? Politik und Sport sollten getrennt bleiben!

Was kann ich dafür, wenn das Finanzsystem kollabiert? Gut, vielleicht war ich gegenüber den wirtschaftlichen Eliten und ihren Forderungen nach mehr Deregulierung etwas zu leichtgläubig, aber ich bin Politiker und kein Manager! Wollen Sie mich jetzt für das verantwortlich machen, was die Leute im Fernsehen sehen wollen? Ich schreibe den Zuschauern doch nicht vor, was sie zu gucken haben! Dafür bin ich nicht zuständig.


Vorheriger Artikel:
«
Nächster Artikel:
»


Share This