Deutschland hat ein neues Hobby: Kochen! Kein Format hat in den letzten Jahren im deutschen Fernsehen ein vergleichbares exponentielles Wachstum verzeichnen können, wie es Kochsendungen momentan zuteil wird. Die „ZDF-Allzweckwaffe“ Johannes Baptiste Kerner lädt jeden Freitag die Crème de la Crème der deutschen Fernsehköche und Köchinnen ins Fernsehstudio, um sich und seine Gäste im Studio und die Millionen vor den heimischen Fernsehschirmen mit den neuesten kulinarischen Ideen vertraut zu machen, Tim Mälzer – der deutsche Jamie Oliver – ist praktisch auf jedem Kanal zu Hause. Johann Lafer, Alfons Schubeck, Rainer Sass, Vincent Klink, Lea Linster sind alle mit eigenen Sendungen ausgestattet. Dazu Dokusoaps wie „Das perfekte Dinner“ und der Evergreen „Alfredissimo“. Bis zu zehn Kochsendungen flimmern täglich über Deutschlands Mattscheiben. Nichts scheint uns Deutschen zurzeit mehr im Magen zu liegen als ein gutes Essen!

Zwar sind im gleichen Zeitraum die Ausgaben pro Haushalt für Tiefkühl- und Fertiggerichte im selben Ausmaß gestiegen, doch derlei irritierende Meldungen sollen uns im Moment nicht weiter stören. Auch solche ketzerischen Thesen, dass die Menschen nur deswegen mehr Kochsendungen schauen würden, um sich beim einsamen Verzehr ihrer Fertigpackung „Tortellini a la panna“ nicht ganz so einsam zu fühlen, gehören nicht hierher. Ich jedenfalls koche gerne für Freunde und kann nur jedem raten, der ein wenig Spaß am Kochen hat, dasselbe zu tun. Damit Sie sich hierfür nicht einen kompletten Tag freinehmen und mit schwitzenden Händen, dem Kreislaufzusammenbruch nahe, zwischen Herd, Ofen und Tisch hin- und herspringen müssen, sollten Sie sich an einige einfache „Rezepte“ halten:

  • Machen Sie sich nicht verrückt!

Kaufen Sie sich ein Kochbuch. Jeder kann nach Rezept kochen, selbst wenn ihm spontan nicht einmal der Name für jenes Gemüse einfallen sollte, das es in grüner, roter und gelber Farbe gibt. Halten Sie sich an das, was Sie können, selbst wenn Sie gar nichts können! Suchen Sie sich ein Rezept heraus, das Ihnen gut gefällt, machen Sie eine Einkaufsliste, und gehen Sie diese Punkt für Punkt durch. Sie werden von sich selbst und Ihren Kochkünsten überrascht sein! Die Gefahr, den schönen Abend mit Ihren Freunden zu „versauen“, besteht immer nur dann, wenn Sie als Amateur vergessen, dass Sie ein Amateur sind.

  • Keiner erwartet von Ihnen, dass Sie mit Dieter Müller oder Lea Linster konkurrieren.

Freunde würden das nie tun, und Snobs haben Sie ja wohl nicht eingeladen! Halten Sie sich an das, was Sie können, und stellen Sie sicher, dass Sie alle Utensilien im Hause haben, die Sie benötigen. Man kann alles kaufen. Fangen Sie mit einem scharfen Messer an. Nichts verleidet den Spaß am Kochen mehr als stumpfe Messer!

  • Halten Sie sich an Gerichte, deren Zutaten die jeweilige Jahreszeit hergibt. Je mehr Sie sich an Standards orientieren, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, in schwierige Situationen zu geraten!

Je spezieller das ausgesuchte Rezept, desto länger die Wege, desto expansiver die Ausgaben und desto höher die Wahrscheinlichkeit mit dem eigenen Anfängerstaus konfrontiert zu werden! Ihnen hat das Viergangmenü von Sarah Wiener so gut gefallen? Wann kommen Ihre Gäste? Morgen? Fangen Sie ruhig schon mal an …

  • Wählen Sie Gerichte, die Ihnen ein schlechtes Timing verzeihen!

Gulasch, Tafelspitz oder Eintopf haben den Vorteil, dass sie eine fünf oder zehn Minuten längere Garzeit vertragen, ohne dem ins Mark treffenden Vergleich mit der Schuhsohle trotzen zu müssen.

Sie mögen Fisch? Filets kaufen, Butter in die Pfanne, zweimal wenden, fertig. Gemüse und ein Kartoffelgericht dazu, guten Appetit! Kochen Sie Nudeln in Brühe, und Sie haben weniger Druck bei der angemessenen Würze der Soße. Passieren Sie Ihre Suppen durch ein Sieb: So machen Sie aus rustikalen Erbsen- oder Linsensuppen feine „neue Erfahrungen“ ohne großen Aufwand. Was erzähle ich, probieren Sie es einfach mal. Warum starten Sie nicht mit Ihrem Lieblingsgericht?

  • Fragen Sie, was Ihre Gäste mögen. Nichts ist unangenehmer, als gnadenlos am Geschmack vorbeizukochen!

Wie sollen sich Heinz und Jutta an Ihrem ersten Schnitzel Wiener Art erfreuen, wenn sie Vegetarier sind, wie Frauke und Hannes an Ihrer gemischten Fischplatte, wenn beide nichts zu sich nehmen, was mit „mehr als der Hälfte des Körpers unter Wasser lebt“? Fragen Sie vorher, kostet ja nichts.

Ihre beste Freundin ist eine begnadete Köchin, und Sie sind ein wenig nervös ob ihres zu erwartenden Urteils? Keine Panik! Egal, wie Ihnen das Essen gelingt: Als wahre Freundin wird Sie Ihnen ein faires Urteil ausstellen, Ihnen den einen oder anderen wertvollen Tipp geben können, sich freuen, dass sie beide nun ein neues Hobby teilen und überrascht sein über den wohlschmeckenden Braten, den sie selbst seit über zehn Jahren nicht mehr zubereitet hat …

Im Zentrum sollte das gemeinsame Essen stehen. Je weniger Zeit Sie mit Ihren Freunden am Tisch verbringen, desto mehr haben Sie falsch gemacht.

  • Wählen Sie Gerichte, die sich gut vorbereiten lassen. Verzichten Sie auf überkandidelte Aperitifs wie individuelle Cocktails mit Sonnenhütchen und Dekorwettbewerbe auf den zu reichenden Teller. (Auch die schönsten Dekorationen sind ungeeignet, den Ärger über kalt gewordenes Essen zu mildern!)

Zwischen den Gängen und nach dem Essen helfen Ihnen Ihre Freunde gewiss gerne, den Tisch für den weiteren Verlauf des Abends „freizuschaufeln“. Wer gemeinsam Ordnung schafft hat, hat danach umso mehr Zeit, gemütlich zusammenzusitzen und das eine oder andere Fläschchen zu öffnen …

  • Verzichten Sie auf jede Art der Rechtfertigung!

Sätze wie „Das ist mir auch schon mal besser gelungen!“, „Ich habe das heute zum ersten Mal gemacht!“ oder „Da fehlt noch ein wenig Salz, findet Ihr nicht?“ sind im besten Fall unnötig, im schlechtesten werden sie als unangenehmes „fishing for compliments“ missverstanden! Überlassen Sie Ihren Gästen das Wort. Sagen die nichts, ist es Ihnen wirklich schon besser gelungen, sagen sie was, wird es ein Lob sein. Und dann wäre jede Entschuldigung wirklich fehl am Platz …


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