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G wie Geschenke

Geschenke

Mein schönstes Geschenk ist immer wieder neu. Wenn die Bude voll ist. Wenn Menschen, die mir lieb und teuer sind, gemeinsam um den Tisch sitzen, reden, essen, trinken und lachen. 

Wenn Zeit da ist für echte Begegnungen. Mit herzlichem Blickkontakt, lautem Quatsch, lautlosem Schmunzeln und zugeneigtem Zuhören. Wenn Menschen sich die Köpfe heiß reden, sich in die Wolle kriegen und wieder runter kommen, wenn Meinungen ausgetauscht, verstanden, verteidigt und geteilt werden.

Wenn gestern, heute und morgen mit am Tisch sitzen. Wenn von früher erzählt wird, ohne dass damals alles besser war. Wenn hier und heute der Moment zählt, wenn Menschen sich umarmen und einander mit ihren Geschichten berühren. Wenn von morgen geträumt wird, wenn rumgesponnen wird, große Reden geschwungen werden und schöne Ideen auf Verwirklichung warten. Wenn groß, klein, dick, dünn, laut und leise zusammenkommen. Dieses Ich-Mensch-Du-Mensch-Spiel ist mein schönstes Geschenk.

Nicht käuflich. Unbezahlbar. Und doch so einfach und überall zu haben.

Am Anfang war das Geschenk. Sagen Historiker. Ich glaube, wir haben das einfach immer getan. Ein polierter Kiesel für die Herzendsame im Neandertal, 40 Weinkrüge für Tutanchamuns Reise ins Totenreich oder das Holzpferd für die Trojaner. Gründe gabs wohl immer.

Wenig später schreibt der Evangelist Lukas: »Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuften, überfließenden Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.« Und wir gaben und nahmen ordentlich: Hofschmied Peter Carl Fabergé legte seinem Zaren goldene Eier – mit Juwelen gefüllt. Tante Trudel legte Onkel Heinz wildgemusterte Krawatten unter den Weihnachtsbaum und der Dame von Welt legt Hermès heute eine Kelly-Bag ins Schaufenster.

Soziologen sagen: An Anlässen zum Schenken mangelte es nie. Oft religiösen Ursprungs: Weihnachten, Geburtstag, Hochzeit oder Taufe. Seit keine Götter mehr besänftigt werden müssen, will der Rubel rollen. 

Und der braucht Innovation. »Valentinstag!« rufen die Blumenhändler. Ausstände, Einstände und Jubiläen die Werktätigen. Wohnungs-einweihungen, Abrissparties, egal: Einladungen, Einladungen, Einladungen rufen die Freunde der Gemeinschaft.
 

1. Geschenk weiter verschenken?

Geschenkt ist geschenkt, weitergeben ist daneben.
Eine kleine Geschichte über ein Geschenk: Ich bin gelernter Verlagskaufmann. Meine Ausbildungsleiterin Frau Röhrig hat mir zum Abschied einen Montblanc-Kugelschreiber geschenkt.

»Hier Moritz, ich wünsche Dir viel Erfolg in Deinem weiteren Berufsleben. Ich hoffe, der Füller gefällt Dir. Falls nicht, verschenke das gute Ding weiter. Aber wehe ich erwische Dich dabei, dass Du den verscherbelst.«
Verschenken ja. Verkaufen nein?

Nicht allen Menschen ist der hart-aber herzliche Charme Frau Röhrigs gegeben. Also vielleicht eher: Verschenken nein, verkaufen sowieso nicht. Meine Faustregel: Je persönlicher desto NOGO. Je unpersönlicher desto GO. Je häufiger Sie an Schrottwichtel-Abenden im Bekanntenkreis teilnehmen desto ACHTUNG.
 

2. Geschenk ablehnen?

Manchmal muss man das sogar: ein Geschenk ablehnen. In der Weihnachtszeit werden 170.000 Postboten im vereinigten britischen Königreich zu Weihnachtsfrauen und -männern. Doch die Festsaison ist längst kein Grund mehr zum Feiern für die Überbringer guter Gaben. »Wir stehen am Beginn der Festsaison«, mahnt das Intranet der Royal Mail die Belegschaft.

Ich mache Ihnen ein Angebot, dass Sie ablehnen sollten. »Wer Geschenke akzeptiert, sollte vorsichtig sein, um nicht mit dem Antikorruptionsgesetz in Konflikt zu geraten.« Der Knecht Ruprecht, der sich zu viel zustecken lässt, dem droht die  Rute des Gesetzes.

Was im Geschäftsleben Compliance-Regeln regeln, ordnet im privaten bis auf weiteres  der gesunde Menschenverstand. Wen das Bauchgefühl plagt, ein Geschenk könnte teuer werden, der sollte auch geschenkten Gäulen ins Maul schauen. Wer also vermutet, seinem Geschenk wohne die unverhohlene Aufforderung zu Gegenleistungen inne, der darf ganz freundlich sagen: »Nein, Danke.« 

Wer aber aus niedrigen Beweggründen – wie eigenen Geschmacksurteilen anderen Geschmacklosigkeit unterstellt, der lehnt sich zu weit aus dem Fenster. Ein Geschenk ist freiwillig. Diesem freien Willen sollte wir mit der Freiheit begegnen, auch die 7. Spaghettigabel in unserer Grabbelkiste willkommen zu heißen.

3. Geschenk verpacken?

Unverpackte Geschenke sind wie nackte Menschen. Ich habe das dringende Bedürfnis, ihnen etwas überzuwerfen. Also: Geschenk verpacken. Ein unverpacktes Geschenk wirkt auf mich noch unentschlossen, ob es wirklich den Besitzer wechseln will. Ein verpacktes Geschenk ist das Ergebnis einer Entscheidung. Ich gehöre hier nicht länger hin. Ich werde mich verstecken, solange bis mich jemand finden will.

Ob man seine Geschenke im Beisein der Schenkenden auszupacken hat, darüber bin ich unschlüssig. Ich neige aber dazu, diesem Ritual einiges abzugewinnen, je mehr Geschenke auf einmal empfangen werden. Dann wird man allen ein wenig und niemandem mehr gerecht. Als ich mir letztlich nach rauschendem Fest die Ruhe nahm auszupacken, anzuschauen, anzufassen, da fiel mir ein handgeschriebenes Kärtchen in die Hand. Mit einem Satz. Vom Ringelnatz:

  • »Ich habe dich so lieb!
  • Ich würde dir ohne Bedenken
  • Eine Kachel aus meinem Ofen
  • Schenken.«
Da dachte ich an all’ die lieben Menschen, die mir solche Freude machen.

4. Nützliche Geschenke

»Weihnachten war echt hart für Max dieses Jahr.« stöhnte meine Cousine.
»Zu wenig Geschenke?« fragte ich.  »Nee, die falschen.« Max ist sechs.

Sein Tobsuchtsanfall aber war ausgewachsen. Denn statt Todessterns im Manuel-Neuer-Trikot gab es Fäustlinge und einen kratzigen Merinopulli. Kinder haben ein feines Gespür für das Wesen von Geschenken. Geschenke sind das Größte, das Wunderbarste, das Außergewöhnlichste, was auf der gaaanzen, ganzen, ganzen Welt gibt. Endorphine overload.

Wir knuddeln sogar die buckligste Verwandtschaft dafür. Ein gutes Geschenk lässt uns alles um uns herum vergessen und entführt uns nach Wolkenkuckucksheim. Ein schlechtes Geschenk ist nützlich. Es mahnt Arbeit und Alltag an. Echte Geschenke sind wie Pommes mit Mayo. Nützliche wie das Vollkornkäsebrot von gestern, das noch im Deutschbuch klebt. Kinder strafen die Apologeten des Nutzens mit Zerstörung. (Max‘ Handschuhe landeten nur deshalb nicht im Kamin, weil sie an der Tanne hängenblieben.) Die Überbringer trifft der heilige Zorn.
 
Kurz: ja. Es gibt unnütze Geschenke:
Die nützlichen. Woran Sie die erkennen? Wenn der Beschenkte sagt: »Oh, Danke. Kann ich echt gut gebrauchen!«

5. Dank verdient?

»Die Freiwilligkeit des Geschenks wohnt die Pflicht zur Selbstbeherrschung inne.« Schöner hätte ich es nicht sagen können. Ist ja auch von mir,) Wir haben uns echt Mühe gemacht. Was Schönes ausgesucht, eine witzige Karte besorgt, Geld und Unterschriften eingesammelt von denen, die gesagt haben: »Toll, dass Du dich drum kümmerst!« und für die ausgelegt, die zwei Tage nach Geschenkübergabe fragten: »Können wir uns noch beteiligen?« 

Wir sind zu unserem eigenen Geschmack auf Abstand gegangen und haben uns bei der Übergabe des Geschenks nicht in den Vordergrund gespielt. Wir haben es zähneknirschend ertragen, dass unser Premium-Geschenk noch verpackt zu den lieblosen Allerweltsgeschenken auf dem noch liebloseren Geschenke-Tisch gelandet ist. Wir haben uns auch zwei Wochen nach der Übergabe verkniffen nachzufragen, wie Dir denn unser Geschenk, das eigentlich mein Geschenk ist, gefallen hat. 

Was kümmert Dich am Ende das Urteil der ganzen Welt, wenn du tust, was Du sollst?« Fragt Adolph Freiherr Knigge in seinem  berühmten Buch »Über den Umgang mit Menschen«. Gar nicht! Kümmert es uns. Kann uns mal gestohlen bleiben das Weltenurteil. 

»Du Karin, das ist mir so unangenehm. Ich habe mich noch gar nicht für Dein superschönes Geschenk bedankt. Ich sag mal »Dein«, ich weiß doch ganz genau, wer das immer organisiert. Schau mal, es hat schon einen Ehrenplatz in unserem Wohnzimmer bekommen.
 

6. Geschenk mitbringen

Was ist der schönste Geschenkanlass? Der schönste Anlass für ein Geschenk ist keinen Anlass zu haben. Wann hüpft das Herz am höchsten? Im Weihnachts- und Geburtstagstrubel, wenn wir zu müssen meinen? Nein, wenn wir wollen. Wenn der Gedanke in unseren Kopf schießt: Könnte ich ja mal machen.

Müssen klingt häßlich. Wollen schön. Meiner Tochter, die morgen auf Klassenfahrt fährt, eine Tüte Gummibärchen und ein schönes Buch mitgeben, meiner Frau Blumen, meinem Mann Karten für ein gemeinsames Konzert und dem Obdachlosenzeitungsverkäufer 5 Euro in den schrumpeligen Kaffeebecher.

Selbstverständlich gibt es Anlässe, an denen man mit Geschenk eine bessere Figur macht als ohne. Weihnachten, Geburtstag, Hochzeit, Taufe, klar. Geschenkt. Zum Einzug Brot und Salz, Selbstgebackenes für Ein- und Ausstände, kleine Aufmerksamkeiten als Dank für die Einladung zum Essen. Ein Weinchen für die Nachbarn. Ob Tulpen, Rosen, Sonnenblumen, Gladiolen, Gerbera oder selbstgepflückte Gänseblümchen. Mein Lieblingsbuch für meinen Lieblingsmenschen. 


Meine Playlist für unsere gemeinsamen »Weißt-Du-noch« Abende. Da zu sein, das ist das größte Geschenk. Ruf mich an, wenn es Dir dreckig geht, wenn Du Dich alleine fühlst, Du dabei bist Dich zu verlieren oder einfach mal wieder um die Häuser ziehen willst. Du bist nie einsam, weil wir zu zweit sind.

7. Das schöne Geschenk

So ein schönes Geschenk! »Von La Bruyère – dem Knigge der Franzosen – stammt der Satz: »Es ist schön, den Augen dessen zu begegnen, dem man soeben etwas geschenkt hat.«

Diese Begegnung gelingt uns leider nicht immer. Sie gelingt aber immer, wenn Schenkende das Passende gefunden haben. Klingt banal. Ist aber eine hohe Kunst. Das Geschenk gelingt genauso, wenn Beschenkte die gute Absicht der Schenkenden höher bewerten als das traurige Etwas, das sie gerade in den Händen halten. Klingt nicht banal und ist eine umso höhere Kunst. Ein schönes Geschenk wäre demnach das, was Schenkende und Beschenkte dazu machen. Im Moment des Schenkens. Dann, wenn sich ihre Augenpaare begegnen und sagen: »Schön!«

Ohne das aussprechen zu müssen. Wenn beide Seiten eine Begegnung als Geschenk empfinden, dann bedarf es ein wenig liebevoller Mühe bereits im Vorfeld und manchmal auch im Nachgang. Strahlende Gesichter und Freudentränen gibt es nicht zum Nulltarif. Das ist selbst bei Geschenken so. Schmale Lippen, gequältes Lächeln, Tobsuchtsanfälle und verbrannte Erde hingegen sind im Dutzend billiger.

9. Das richtige Geschenk

»Wer gemocht werden will, weiß nicht, was andere mögen. Wer weiß, was andere mögen, wird gemocht.« Sagt mein Freund Patrick. Ihn trifft man noch Heiligmorgen ohne ein einziges Geschenk mit Ruhepuls 60. Unfassbar.

»Das ist echt kein Hexenwerk, Moritz. ehrlich.« Schon klar. Das übliche Profigeschwätz. »Ich renne auf zwei Beinen. Wie alle anderen auch.« (Usain Bolt)

Nicht, was gleich ist, ist entscheidend sondern was den Unterschied macht.
»Für mich IST das Hexenwerk, Patrick. Also raus mit der Sprache, wie geht das, anderen Freude schenken, auf den Punkt, maßgeschneidert?«
»Musst halt nur vom anderen her zu Dir denken!« sagte er. 

»Mach Dir einfach eine Liste aller, die Dir etwas bedeuten. Schreib Dir zu jedem 3 Dinge auf, die ihn ausmachen. Dann überlege, was Dir zu diesen 3 Dingen einfällt: Bücher, Bilder, Veranstaltungen, Musik, Filme, Events, Dinge, was auch immer. Und schon hast Du Euer Geschenk. In weniger als einer Minute.«

10. Zählt das Geschenk oder die Idee?

Gute Frage, Moritz.« sagt mein alter Freund Tian aus Shanghai. »Den Beschenkten sage: Gut gemeint ist gut gemacht. Den Schenkenden aber sage: Gut gemacht ist gut gemeint. Es zählen Geschenk und Idee. Es gibt nur ein Geschenk, wenn beide sich einig sind.«

»Hä?«

»Na komm, Moritz. So schwer ist das nicht. Wer schenkt, der kommt nicht mit leeren Händen. Wer doch mit leeren Händen kommt, schweigt.
Wer beschenkt wird, kennt keine leeren Hände. Es gibt keinen Unterschied zwischen Geschenk und Idee, Moritz, außer irgendjemand macht ihn.«

»Das Gegenteil von gut machen ist also nicht »gut meinen«, wie wir Deutschen meinen?«

»Das Gegenteil von »gut machen« ist »schlecht machen«. Aber nicht durch Tun, sondern durch Sprache.«

Mmh. Aha. Wenn ich Tian richtig verstanden habe, gibt es also keine einfallslosen Geschenke, so lange das niemand sagt. Selbst saxofonspielende Porzellanhunde sind eine schöne Idee und schönes Geschenk. Solange niemand die geschmacklose Scheußlichkeit besitzt, sie als Kitsch abzutun. Danke Tian, für dieses Geschenk!

11. Das missglückte Geschenk

Schenken kann richtig schief gehen: Meine Freundin Julia war letztes Jahr bei unserer Freundin Eva zur Adventsparty eingeladen: »Schrottwichteln, Moritz. Mann o Mann. Ich kann Dir sagen, das ist echt ein Scheiß-Gefühl, wenn Du Dich für eine Vase bedanken musst, die Du mal verschenkt hast. Und Antje mit großen Augen Svenja beim Auspacken der Design-Pfeffermühle zusieht, die sie Dir zum Einzug geschenkt hat.«

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