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Geschenk Knigge

Am Anfang war das Geschenk. Und das Geschenk war bei Gott: „Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuften, überfließenden Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.“ Dieses Gotteswort finden wir ihm Evangelium des Lukas. Und tatsächlich ist das Geschenk auch über 2000 Jahre nach Christi Geburt nicht aus unserem Leben wegzudenken. Genauso wenig wie die Herausforderung, stets das richtige Maß zu finden, nach dem wir über unsere Zuteilungen befinden sollen. Hört sich ja erst mal ganz einfach an, was uns der Schöpfer in der Heiligen Schrift mit auf den Weg gibt: ein verheißungsvolles Versprechen, das uns nicht mehr abverlangt, als zu geben! Aber um das unüberschaubare Sammelsurium an Fragen, das sich aus diesem so scheinbar einfachen Appell ergibt, darüber schweigt sich der Vater im Himmel beharrlich aus.

Auf diese und andere konkrete Fragen gibt uns die Bibel zwar keine konkreten Antworten – unsere Haltung, etwas geben zu wollen, prägt sie jedoch bis heute. Denn noch immer verbirgt sich in jedem Geschenk ein tief religiöses Element – da mag die Krawatte noch so hässlich oder der alljährliche „Fresskorb“ noch so einfallslos erscheinen. Repräsentieren sie doch immer den religiösen Opferritus längst vergangener Zeiten.

Nun haben die Worte „Opfer“ und „Ritus“ in unserer postmodernen säkularen Gesellschaft erheblich an Stellenwert eingebüßt. Und so mancher denkt wohl eher an die satanischen Opferrituale pubertierender schwarz gekleideter und weiß geschminkter Jugendlicher auf dem lokalen Friedhof als an den schönen Satz des französischen Philosophen und Knigge-Vorläufers La Bruyère: „Es ist schön, den Augen dessen zu begegnen, dem man soeben etwas geschenkt hat.“ Dabei sind uns die Worte von La Bruyère sehr vertraut. Jedes Jahr zu Weihnachten hört man von allen Seiten, mit wem man auch spricht: „Also, ich schenke ja viel lieber, als dass ich etwas geschenkt bekomme!“ Ganz so schlecht scheint es also um unserer „Opferbereitschaft“ nicht bestellt zu sein. Nur mit der Umsetzung hapert es so manches Mal, oder wissen Sie vielleicht spontan, was ich dieses Jahr meinem Neffen schenken soll?

Dass es sich beim Weihnachtsfest um ein Ritual handelt – unabhängig davon, ob der Weihnachtsmann den heiligen Nikolaus als Schokoladenfigur verdrängt hat –, darüber gibt es wohl ohnehin keine unterschiedlichen Auffassungen. Nun ist das Weihnachtsfest ja nicht das einzige Ritual, das uns im Jahresverlauf Kopfzerbrechen bereitet. Im Grunde genommen können wir uns gar nicht retten vor lauter Opfern und Ritualen: Geburtstage, Firmenjubiläen, Taufen, Hochzeiten, Verlobungen, Konfirmationen, Einladungen, Spendenaufrufe und viele andere Anlässe.

Wissen Sie, wie viele Geschenke Sie im letzten Jahr bekommen bzw. verschenkt haben? Sehen Sie, ich auch nicht. Aber eines weiß ich ganz sicher: Ich habe schon so manches Ritual verflucht, weil mir keine zündende Idee kam. Und deshalb habe ich jedes Jahr aufs Neue darüber nachgedacht, wie ich diesem „Geschenkterror“ entgehen könnte. Auch Sie freuen sich, wenn Ihnen dann doch eine gute Idee gekommen ist? Auch Sie streben danach, das Geben und Nehmen im Gleichgewicht zu halten? Recht haben Sie. Wer würde sich auch schon mit einem „feuchten Händedruck“ und einem einfachen „Dankeschön“ zufriedengeben oder den Eindruck hinterlassen wollen, immer nur „einzusacken“? Ein ausgeglichenes Konto ist noch immer das A und O. Opfer gegen Opfer, Soll und Haben im Gleichgewicht, der Saldo stimmt. Jahresabschluss! So, als würden wir uns wünschen, das reiche, volle, gehäufte und überfließende Maß des göttlichen Kelchs möge bloß an uns vorbeigehen, weil nichts auf Dauer kostspieliger ist, als ständig beschenkt zu werden! Da spricht unsere kaufmännische Seele.

Und so überrascht es wenig, dass sich der Pfarrer in der Weihnachtsmesse, die ich letztes Jahr besucht habe, bemüßigt fühlte, das göttliche Wort der Heiligen Schrift durch einen leidenschaftlichen Appell zu ergänzen, um unsere Seelen vor einem fatalen Irrtum zu bewahren: „Man muss aber auch bereit sein, ein Geschenk annehmen zu können, ohne direkt an eine mögliche Gegenleistung zu denken.“ Wie wir im nächsten Jahr unsere Fähigkeiten im Geben und Nehmen vervollkommnen können, davon handeln die nun folgenden irdischen Zeilen:

 

  • Wenn es Ihnen nicht gelingen sollte, Ihre fixe Idee der ungebrochenen Gegenleistung in Sachen Geschenken zu den Akten zu legen, dann verfallen Sie wenigstens nicht in den Wahn, einander ständig zu überbieten. Sonst halten Sie zwar Ihre Bilanz im Gleichgewicht, rutschen aber immer tiefer in die „roten Zahlen“!

 

In unserem Bürgerlichen Gesetzbuch ist der Begriff der Schenkung in Paragraf 516 eindeutig geregelt. Dort heißt es in Absatz eins: „Eine Zuwendung, durch die jemand aus seinem Vermögen einen anderen bereichert, ist Schenkung, wenn beide Teile darüber einig sind, dass die Zuwendung unentgeltlich erfolgt.“ Bei der Art von Geschenken, über die ich zu sprechen gedenke, besteht weitestgehend Einigkeit darüber, dass das jeweilige Geschenk im Zuge der Überreichung in das Vermögen des anderen übergeht, ohne dass geldliche Forderungen erhoben würden. Eine Ausnahme ist jedoch geläufig: Wenn Sie eine Schere oder ein Messer verschenken, dann will es der Aberglaube, dass der Empfänger Ihnen einen symbolischen Cent aushändigt, um die Gefahr zu bannen, dass die geschenkten Schneidewerkzeuge die Freundschaft zerschneiden.

Nun mögen nüchterne Gesetzestexte verhindern, dass die „buckligen“ Teile der Verwandtschaft auf die Idee kommen, für ihre Geschenke eine geldwerte Gegenleistung einzufordern. Das Gefühl, in der Schuld unseres schenkenden Gegenübers zu stehen, verhindern sie jedoch keineswegs! Es liegt an uns, uns von der vermeintlichen Pflicht zur Gegenleistung freizumachen, untergräbt sie doch die grundlegende Idee des Schenkens: seine unbedingte Freiwilligkeit! Sollte Sie jedoch das Gefühl beschleichen, der andere verfolge mit seiner „milden Gabe“ ganz andere Ziele als mildtätige, wie es mitunter in geschäftlichen Beziehungen vorkommen kann, dann heißt es: Obacht!

 

 

Aus diesem Grund reduzieren im Übrigen viele Unternehmen zunehmend die Verführungspotenziale ihrer Mitarbeiter, in dem sie die Geschenke von Kunden und Lieferanten auf den „Index“ setzen.

 

 

So schwierig ist es wirklich nicht, und Sie machen sich selbst und dem Empfänger eine Freude. Was gibt es Schöneres als die kurze Zeitspanne der freudigen Erwartung, die Schenkenden und Empfänger im Moment des Auspackens ergreift? („Ob es Ihr wohl gefällt?“ „Du wirst doch nicht …?“). Natürlich gibt es schöneres und weniger schönes Geschenkpapier, natürlich gibt es Verpackungskünstler mit erlesenem Geschmack und Menschen mit zwei linken Händen. Ob Sie jedoch Zeitungspapier, Handtücher oder gar Plastiktüten als Blickfang verwenden – berauben Sie sich und andere nicht des freudigen Moments, der durch den Auspackvorgang noch gesteigert wird!

Ihr Vater hat schon 235 Krawatten, und die Hälfte davon stammt aus Ihrer „Geschenk-Kreativitäts-Fabrik“? Das letzte Parfüm, an das Sie sich bei Ihrer Freundin erinnern können, ist längst vom Markt genommen, und Ihre Freunde haben nun mal keine Hobbys? Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber die Einfallslosigkeit bei Geschenkideen hat zumeist einen einfachen Grund: Trägheit!

 

 

Insbesondere bei Menschen, die uns nahestehen, hilft es, sein Gedächtnis nach gemeinsamen Gesprächen und Aktivitäten zu durchforsten und sich auf die Suche nach den tatsächlichen Interessen und Leidenschaften zu machen und nicht bereits im ersten Schritt auf Altbewährtes zurückzugreifen oder das nächste auf Geschenkartikel spezialisierte Geschäft aufzusuchen.

Doch ich warne Sie: Auf der Suche nach den wahren Vorlieben des zu Beschenkenden hat sich schon so mancher das beschämende Zeugnis ausstellen müssen, wenig bis gar nichts über die eigenen Eltern, Freunde, Verwandte oder Kollegen zu wissen. Diese Erkenntnis mag ernüchternd sein, auf der Suche nach einem Geschenk ist sie jedoch enorm zielführend:

 

  • Verschenken Sie eine Einladung für ein gemeinsames Essen, holen Sie die in letzter Zeit versäumten Gespräche nach, und stellen Sie die Fragen, die sie schon immer einmal stellen wollten! Ich verspreche Ihnen, die nächsten Weihnachtsgeschenke sind gerettet!

 

Wenn Sie, wie ich, jedes Jahr aufs Neue bei den Weihnachtseinkäufen unter Zeitdruck geraten, ist es an der Zeit, Ihre Strategie zu ändern: Ich habe es mir in den letzten Jahren angewöhnt, meine Augen das ganze Jahr nach passenden Geschenken offen zu halten. Ist es Ihnen noch nie passiert, im April plötzlich vor einem Buch zu stehen, das Ihrer besten Freundin gut gefallen würde? Ich kann nur raten: kaufen und verwahren.

Unter Zeitdruck am 23. Dezember nach originellen Geschenken zu fahnden, ist wahrlich kein Vergnügen, das Gefühl dagegen, Anfang Dezember schon alles beisammen zu haben, wirklich beruhigend!

 

  • Jedes Geschenk sollte etwas mit seinem Empfänger zu tun haben.

 

Vermeiden Sie daher zumindest im privaten Bereich „Gattungsgeschenke“. Tun Sie sich keinen Zwang an: Verschenken Sie Krawatten, Parfüm, Schlafanzüge, Schals, Pralinen und Blumen, so viel Sie wollen. Eine wirkliche persönliche Note erfahren Geschenke jedoch nur, wenn Sie dem Geschmack des anderen möglichst nahe kommen. Über die farblichen Vorlieben des Empfängers kann man sich informieren, in dem man genauer hinsieht oder sich erkundigt, ein Marzipanfan freut sich möglicherweise auch über Champagnertrüffel, dass Nugat ihm verhasst ist, hätten Sie aber wissen können. Mit ein wenig Aufmerksamkeit lässt von allen genannten Gütern ein Lieblings-… erfahren, und im Handumdrehen haben Sie aus einer Gattung ein maßgeschneidertes Geschenk gemacht: „Mensch Gregor, das ist ja mein Lieblingsparfüm. Da hast Du ja mal richtig zugehört!“

Die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf sagte einmal: „Schenken heißt, einem anderen das geben, was man selber behalten möchte.“ Mit dieser Einschätzung betont sie die Ernsthaftigkeit, die uns bei unserer Suche nach angemessenen Geschenken umtreiben sollte. Nimmt man ihre Aussage hingegen allzu wörtlich, dann würden wir unsere Mitmenschen nur mit dem beschenken, was uns selbst gefällt. Auch das kann im Einzelfall durchaus angebracht sein, als Regel erinnert es jedoch eher an jene Väter, die ihre Söhne zum dritten Geburtstag mit einer Modelleisenbahn beglücken und ihnen gleichzeitig das Spielen mit selbiger verbieten, um bloß nicht den „eigenen Jugendtraum“ der kindlichen Zerstörungswut zum Opfer fallen zu lassen!

 

 

Geschenke sind keine Bestandteile eines virtuellen Warenkorbs, der bei eBay nach meistbietenden Abnehmern sucht. Denken Sie daran, mit welcher Begeisterung Sie selbst einen Christstollen aus seiner Verpackung befreit haben, wohl wissend, dass die Kollegin, die Ihnen das Geschenk überreichte, selbst keine Rosinen mag, oder erinnern Sie sich an Ihre Freudensprünge anlässlich der unverpackten Sektflasche, die Ihnen ausgerechnet Ihr Freund Thomas spendierte, der für seine Champagnerleidenschaft bekannt ist! Vorsicht also mit den „Wanderpokalen“: Es soll ja sogar Menschen geben, die beim „Weihnachtswichteln“ erfahren mussten, wie es sich anfühlt, wenn man sich für ein Geschenk bedanken muss, das man bereits selbst einmal verschenkt hat, während der Tischnachbar mit großen Augen auf das Geschenk seines Nebenmanns blickt, das er eigentlich in unserem Besitz wähnte …

 

  • Ihnen gefällt Ihr Geschenk nicht? Pech gehabt!

 

Es gibt nichts Unwürdigeres, als sich über die Wertigkeit eines Geschenkes zu äußern oder es gar zurückzuweisen. (Es sei denn, Sie fühlen sich bestochen. Aber das hatten wir ja schon.) Beweisen Sie „Nehmerqualitäten“: Schlucken Sie Ihren Ärger hinunter, verbannen Sie etwaige Revanchegelüste aus Ihrem Kopf, und belassen Sie es bei einem Kopfschütteln in den eigenen vier Wänden!

Was schenken wir denn eigentlich dem Tommy?“ Eine Frage, die immer im Vorfeld des „Gemeinschaftsgeschenks“ auftaucht und deren Übersetzung folgendermaßen lautet: „Du, ich habe mich wie immer um nichts gekümmert. Kann ich mich noch bei Euch beteiligen?“ Nun kommt es darauf an, auf welcher Seite Sie stehen. Für den Fragenden habe ich nur einen Tipp:

 

  • Kümmern Sie sich ein einziges Mal selber um ein Geschenk!

 

Bei den Befragten handelt es eigentlich immer um denselben Personenkreis: Menschen, die sich selbst für arme Teufel halten, „an denen immer alles hängen bleibt“, die in den Augen ihrer Mitmenschen eben gerne organisieren und die Fäden in der Hand behalten. Für den Beschenkten ist es ohnehin kein Hexenwerk, wer für die Geschenkidee verantwortlich zeichnet. Entweder, weil er sich sonst selbst gerne an Geschenken beteiligt oder weil sich Handschrift und verbale Einlassungen zum überreichten Geschenk eindeutig auf den „Organisator“ zurückführen lassen. Sie fühlen sich angesprochen? Gut, dann habe ich auch für Sie einen Tipp:

 

 

Sie leiden ohnehin unter mangelnder „Opferbereitschaft“? Sie „schenken sich nichts mehr zu Weihnachten“, und auch zu anderen Anlässen ist Ihnen das gegenseitige Verpflichten ein Dorn im Auge? Dann muss Ihnen ja nichts mehr einfallen. Eine Sorge weniger! Aber auch einer Erfahrung haben Sie sich demnach freiwillig beraubt: der schönen Begegnung mit den Augen desjenigen, dem man soeben etwas geschenkt hat!

Weitere Informationen:

Weihnachten Knigge
https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Freiherr_Knigge

Inhalte: Knigge Geschenke, Verhaltens- und Benimmregeln, über den Umgang mit Menschen, Tischmanieren. Korrektes Benehmen in Gesellschaft. www knigge de ch at
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