Nähe und Distanz

Wer Menschen für sich gewinnen will, der muss wissen, wie viel Nähe brauche und wie viel Distanz sie benötigen. Das klappt mal gut und mal weniger gut: „Seit wann Duzen wir uns?“ „Das finde ich total grenzüberschreitend!“  „Rück‘ mir nicht so auf die Pelle!“ „Mit dem werde ich irgendwie nicht warm.“ „Der ist wirklich sehr distanziert!“ Die richtige Entfernung im Umgang zu finden, ist nicht leicht. Mal „zu-weit-weg“, mal „zu-nah-dran„. Anstrengend. Doch ich glaube, der Mühe wert. Denn die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz entscheidet maßgeblich darüber, wie wir miteinander klarkommen. Ob unsere Begegnungen gelingen. Im Großraumbüro, im Nahverkehr, in Restaurants, Kneipen oder in der Nachbarschaft.  Eine angemessene Entfernung zu finden, in der wir es gut miteinander aushalten können: in unserem Mikrokosmos und in der großen weiten Welt, das ist hilfreich für unseren Erfolg im Umgang mit Menschen.

In die Nähe kommen – Distanzzonen wahren

In unserem Kulturkreis kommunizieren wir aber normalerweise in einer Distanz von einem halben Meter. Wenn wir mit Menschen kommunizieren, die uns nahe stehen. Je fremder uns Menschen sind, desto größer wird auch der Abstand zwischen uns: bis zu einem Meter. Kennen wir die Menschen in unserer Nähe gar nicht, halten wir größere Abstände. Da ist ein Meter Abstand eher das Minimum und drei bis vier Meter die Regel. Wer an Haltestellen oder in Wartezimmern wartet, wer auf der Liegewiese im Park oder im Freibad seine Decke ausbreitet oder auf einer Bank Platz nimmt, der erweitert seine Distanzzone gerne. Und im Fettnapf sitzt schnell der, der den Abstand zu ihm unbekannten Menschen unter unangemessen verringert. Der wird Stirnrunzeln, hochgezogene Augenbrauen beobachten können und feststellen, dass die anderen versuchen werden, den für sie angenehmen Abstand wieder herzustellen. Man kann man vieles messen und wiegen, aber der Umgang mit Menschen erfordert auch immer unsere Gespür, was in der jeweiligen Situation erfordert ist. Denn manchmal ist alles ganz anders.

Große Gemeinsamkeiten – große Unterschiede

Denn das, was Menschen im Umgang untereinander als angenehm oder unangenehm empfinden, unterscheidet sich zwar selten grundlegend, aber in der Ausprägung oft dramatisch. So gelten bspw. Skandinavier und Briten als wenig körperlich im Umgang und berühren sich im Gespräch weitaus weniger als bspw. Südamerikaner oder Rheinländer. So gilt in unserem Land das Siezen in der älteren Generation immer noch als selbstverständlich während für Jüngere das Duzen die Begrüßung der Wahl ist und sie auf das Siezen gerne verzichten, wenn sie es sich aussuchen können. Nicht immer können wir uns aussuchen, welche Entfernung uns lieb ist. Ein überfüllter Regionalexpress, eine Fußgängerzone,  in der Weihnachtszeit oder eine Warteschlange im Supermarkt können es uns schwer machen unsere gewünschte Distanzzonen aufrecht zu erhalten. Dann sind „Ruhig-Blut“ und besondere Rücksichtnahme geboten! Auf der anderen Seite suchen wir ja auch bisweilen die extreme Nähe der anderen, gönnen der Distanz eine Pause und wollen förmlich in Menge und Gemeinschaft aufgehen.: Ob Konzert, Fussballspiel, Weihnachtsmarkt, Kirmes, Karneval oder Schützenfest. Mittendrin statt nur dabei. Teil der Crowd. Herrlich! Wir hallten also fest: Knigge hin, Knigge her, kein Patentrezept in Sicht. Aber eine tolle Parabel. Ein guter Kompass, wie wir Nähe herstellen und Distanz wahren! Die Stachelschweine. Von Arthur Schopenhauer.

Wie die Stachelschweine

„Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welche sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte.“